Wirtschaft Lebensmittelhersteller im Interview: „Eine Banane ist auch Fast Food“

Endrik Dallmann und Frank von Glan vom Lebensmittelhersteller Hügli sprechen über die aktuellen Ernährungtrends und Veränderungen des traditionellen Essverhaltens.

Immer mehr Menschen definieren sich heutzutage über ihre Ernährung. Ist Essen ein Mittel geworden, um seine politische Weltanschauung zum Ausdruck zu bringen?

von Glan: Der Trend ist eher, sich durch Essen selbst zu verwirklichen und seine Persönlichkeit auszudrücken. Das Essverhalten lässt sich aber nur bedingt durch die Politik steuern. Insofern ist es unpolitisch. Das hat der viel kritisierte und letztendlich gescheiterte Versuch der Grünen gezeigt, als sie einen Veggie-Day in deutschen Kantinen einführen wollten. Essen ist heute vor allem auf die eigene Person bezogen. Man will damit nicht zwingend die Welt verändern.

Dallmann: Auch mein Eindruck ist, dass Essen eher unpolitisch ist. Ich erkenne nicht, dass Essen sich in gesellschaftlichen Strömungen widerspiegelt. Die wachsende Vielfalt beim Essen, die von immer mehr Menschen angenommen und ausprobiert wird, drückt aus, dass Essen immer individueller wird.


Was ist aus Ihrer Sicht der stärkste Trend in der Ernährung?

von Glan: Es gibt derzeit viele Trends, die sich überlagern. Zum Beispiel wird unsere Ernährung internationaler. Zudem wünschen sich viele Verbraucher Gerichte, die sich schnell, bequem und einfach zubereiten lassen – als Antwort auf den zunehmenden Zeitstress. Der dominante Trend ist aus meiner Sicht aber gesunde Ernährung. Ein erfolgreiches Produkt bedient gleich mehrere Trends auf einmal. Wir haben zum Beispiel Produkte, die international, biologisch und zugleich bequem in der Zubereitung sind.

Dallmann: Es gibt heutzutage keinen großen Trend mehr, der jeden erfasst. Die Zeiten, in der alle sonntags Schweinebraten essen, sind vorbei und es wird künftig auch keinen einheitlichen Ersatz dafür geben. Das Bedürfnis nach Individualität sorgt dafür, dass sich viele absetzen, sobald ein Trend zu breit wird. Der einzige Trend, der alles zusammenhält, ist tatsächlich gesunde Ernährung.


Ernähren wir uns heute gesünder als früher?

von Glan: Ich glaube ja. Zum Beispiel nimmt der Konsum von Bier und Zigaretten ab. Lebensmittelhersteller haben diverse kritisierte Zutaten aus den Rezepten genommen.

Dallmann: Für mich persönlich ist jede Ernährung, die einseitig ist, eine ungesunde Ernährung. Die gestiegene Vielfalt im Lebensmittelbereich bietet somit die Chance, sich gesünder als früher zu ernähren.


Stehen Convenience-Produkte wie Fertigsuppen aus Ihrem Sortiment nicht im Widerspruch zu gesunder Ernährung?

Dallmann: Nein. In jedem einzelnen Segment im Lebensmittelbereich besteht eine hohe Nachfrage nach gesunden Produkten, auch im Bereich Snacks oder Fast Food. Nicht nur die lang zubereitete Mahlzeit ist gesund. Wenn Sie so wollen, ist eine Banane oder ein Apfel ja auch Fast Food. Unser Sortiment, das viel mehr bietet als Suppen, leistet zahlreiche Angebote für eine gesunde Ernährung.


Ist ein Trend wie vegetarische Ernährung ein kurzfristiger Trend oder ein langfristiges Phänomen?

von Glan: Es gibt einen nachhaltigen Trend zu reduziertem Fleischkonsum. Die radikale vegane Ernährung war dagegen ein Hype. Der Handel rudert da zum Beispiel wieder zurück und verkleinert die Sortimente. Die Herausforderung für ein Unternehmen wie Hügli ist, herauszufinden, welche Art der Ernährung ein echter Trend werden könnte und welche immer in der Nische bleiben wird.


Haben die Verbraucher überhaupt genug Expertise, um sich gesund zu ernähren?

von Glan: Die Verbraucher probieren viel aus. Aber nicht jedes Experiment gelingt ihnen. Das beste Beispiel sind Menschen, die abnehmen wollen und von einer Diät zur anderen wechseln.

Dallmann: Das Niveau der Aufklärung ist auf jeden Fall gestiegen, das Angebot an Informationen ist höher als früher. Fast zu jedem Ernährungsthema finden Sie aber auch zwei völlig gegensätzliche Meinungen, das kann zu einer Verunsicherung der Verbraucher führen.


Ist die Etikettierung Ihrer Produkte mit den Angaben der Inhaltsstoffe somit immer wichtiger?

Dallmann: Ja. Die Aufmerksamkeit des Verbrauchers auf die Inhaltsstoffe der Ernährung ist gestiegen. Das gilt insbesondere für kritisch gesehene Zusatzstoffe und Allergene. Wir reagieren hier ständig auf Verbraucherwünsche und passen unsere Produkte immer wieder den Erwartungen an. Auch der Gesetzgeber hat zu mehr Klarheit in der Kennzeichnung von Lebensmitteln beigetragen und ist damit dem Verbraucherwunsch gefolgt.


Nimmt der Glaube an die Wirkung mancher Inhaltsstoffe nicht manchmal religionsähnliche Züge an?

Dallmann: Von Religion würde ich nicht sprechen, aber der Glaube an die Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe spielt sicherlich eine Rolle. Viele Verbraucher sind überzeugt davon, dass es ihre Gesundheit fördert, wenn sie sich nach einer bestimmten, teils sehr strengen Methode ernähren. Das kann im Einzelfall extreme Ausprägungen annehmen, die Gesundheitsexperten ja auch gelegentlich als schädlich bezeichnen.


Welche internationale Küche ist derzeit angesagt?

von Glan: Es geht immer weiter raus in die Welt und wird immer differenzierter. Das kann man aus den Restaurants ablesen. Mit meinen Eltern war ich beim Chinesen, heute geht man zum Thai oder Vietnamesen. Auch die nordafrikanische Küche holt auf.

Dallmann: Der Nahe Osten wird durch die von dort stammenden Flüchtlinge sicherlich auch kulinarisch in Deutschland ankommen. Diesen Effekt konnte man auch in der Vergangenheit durch Einwanderung beobachten.


Wie lässt sich das Problem der Welternährung lösen?

Dallmann: 2040 werden wir laut Prognosen neun Milliarden Menschen auf der Welt sein. Wenn sich die Menschen dann überall auf der Welt so ernähren wie wir in Europa, bekommen wir ein Klima- und ein Nutzflächenproblem. Für ein Kilo Rindfleisch brauchen Sie 10 Kilo Futter. Letztendlich hat unsere ganze Ernährung – auch die Produktion von Fleisch – Pflanzen als Grundlage. Das führt zu einem Flächenproblem, denn die Anbauflächen auf der Welt sind begrenzt. Die Investition zur Herstellung eines Lebensmittels muss beherrschbar bleiben. Gerade deshalb diskutieren Experten, ob Insekten eine Ernährungsalternative werden können. Für ein Kilo proteinreicher Insekten brauche ich nur 1,2 Kilo an Input. Das ist deutlich weniger als für Rindfleisch. Deshalb werden wir auch über solche, auf den ersten Blick für uns Europäer sehr befremdliche Ideen nachdenken.


Fragen: Thomas Domjahn
Ein Lkw wird im Hügli-Werk in Radolfzell beladen.
Ein Lkw wird im Hügli-Werk in Radolfzell beladen.

Zur Person

  • Endrik Dallmann wurde 1968 in Köln geboren. Nach dem Abitur studierte er Jura und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Konstanz (ohne Abschluss) sowie Betriebswirtschaftslehre an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Konstanz. Seit 1994 arbeitet er bei Hügli. Er ist seit 2011 Mitglied der Konzernleitung und übernahm 2014 zusätzlich die Geschäftsführung von Hügli Deutschland.
  • Frank von Glan wurde 1962 in Schleswig-Holstein geboren. Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften in Hannover.Im Anschluss arbeitete er 17 Jahre in verschiedenen Funktionen für den Lebensmittelkonzern Mondelez. Seit 2015 leitet er die Division Consumer Brands (Konsumenten-marken) bei Hügli und ist Mitglied der Konzernleitung. (td)

 

Das Unternehmen

Hügli ist ein Schweizer Lebensmittelunternehmen mit Sitz in Steinach (Kanton St. Gallen), das seinen größten Produktionsstandort in Radolfzell hat. In der Bodensee-Stadt beschäftigt der Konzern 600 Menschen. Insgesamt hat Hügli knapp 1500 Mitarbeiter. 2016 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 360 Millionen Euro. Zu den wichtigsten Hügli-Produkten zählen Fertigsuppen, Soßen, Gewürze, Süßspeisen, Brotaufstriche und Senf. (td)

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Berlin
Essen
Wirtschaft
Wirtschaft
Wirtschaft
St. Georgen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren