Peking In China geht's wieder voran

Die Wirtschaft im Reich der Mitte wächst derzeit stärker als von Experten erwartet. Allerdings bleibt die hohe Verschuldung weiterhin ein Problem.

Chinas Wirtschaft zieht wieder kräftig an? Das zeigen zumindest die wirtschaftlichen Kerndaten des Landes. Wie das Nationale Statistikamt in Peking mitteilte, hat die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr kräftig zugelegt: Auf immerhin 6,9 Prozent belief sich das Wachstum.

„Chinas Wirtschaft ist stabiler, koordinierter und nachhaltiger, als wir erwartet haben“, hieß es aus der Behörde. Schließlich waren Ökonomen zuvor noch von einer leichten Abkühlung auf 6,8 Prozent ausgegangen. Doch auch andere Konjunkturdaten zeigen, dass es um die chinesische Wirtschaft besser bestellt ist als im vergangenen Jahr. Investitionen in Maschinen und Fabriken legten im ersten Halbjahr um 8,6 Prozent zu, die Einzelhandelsumsätze verbesserten sich um 10,4 Prozent. Vor allem der Außenhandel verzeichnet hohes Wachstum. So legten die Exporte im ersten Halbjahr um 8,5 Prozent zu. „Momentan sehen alle Daten gut aus“, sagte der Pekinger Ökonom Huang Weiping.

Die chinesische Führung will nun die gute Konjunktur nutzen, um der vielen faulen Kredite im Land Herr zu werden. Chinas Gesamtverschuldung summiert sich inzwischen auf 277 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, wobei der Großteil auf die zumeist staatseigenen Unternehmen entfällt. Die Schuldenquote der Privathaushalte und des Staates an sich sind eher gering. Dennoch hatte im Mai die US-Ratingagentur Moody’s Chinas Kreditwürdigkeit erstmals seit über zehn Jahren um eine Stufe gesenkt. Die Schulden seien „ohne jeden Zweifel die aktuell größte Herausforderung für die Wirtschaft“, bemerkte auch der China-Experte Brian Jackson vom Beratungsunternehmen IHS Global Insight.

Eine Schuldenkrise vergleichbar etwa mit den südeuropäischen EU-Ländern im Jahr 2010 droht der Volksrepublik zwar nicht. Denn die chinesische Auslandsverschuldung ist gering; zugleich haben die Chinesen gigantische Auslandsdevisen angehäuft. Zudem bürgt der Staat für die meisten seiner Unternehmen und Banken. Unter der allzu großzügigen Vergabe der Kredite leidet allerdings die Effizienz. Nicht nur, dass Immobilien in den meisten chinesischen Großstädten inzwischen nur noch für absurd hohe Preise zu erhalten sind. Viele dieser Staatsunternehmen werden von den ebenfalls staatseigenen Banken mit immer neuen Billigkrediten gepäppelt. Sie produzieren Waren und bauen Dinge, die niemand braucht.

Das hat längst Auswirkungen auf den Rest der Welt. So hat die chinesische Stahlindustrie im Juni mit 73,2 Millionen Tonnen so viel produziert wie noch nie. Obwohl China behauptet, in den vergangenen Monaten mehr als 600 Stahlwerke geschlossen zu haben, stieg die Produktion im ersten Halbjahr dennoch um 4,6 Prozent gegenüber der gleichen Vorjahreszeit – und sorgt damit weltweit für massive Überkapazitäten. Die EU hat bereits Strafzölle auf chinesische Stahl-Importe verhängt. Die USA drohen mit ähnlichen Schritten.

Bei einem zentralen Finanzwirtschaftstreffen der chinesischen Führung am Wochenende hat Chinas Staatspräsident Xi Jinping denn auch angemahnt, dem Abbau der Schulden in den Staatsunternehmen „hohe Priorität“ einzuräumen. Er forderte die Behörden des Landes auf, entschlossener gegen sogenannte Zombie-Firmen vorzugehen, die ausschließlich mit neuen Krediten künstlich am Leben gehalten werden.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) mahnt zu Reformen. „Der Reformprozess muss beschleunigt werden, um mittelfristige Stabilität zu sichern und dem Risiko zu begegnen, dass die laufende wirtschaftspolitische Umorientierung zu scharfen Anpassungen führen könnte“, heißt es in einer Stellungnahme des IWF. Mit allzu großen Schritten sollten die Experten in den kommenden Monaten aber nicht rechnen. Im Oktober kommt die kommunistische Führung zu ihrem nur alle fünf Jahre stattfindenden Parteikongress zusammen. Wichtige machtpolitische Weichenstellungen werden erwartet. Und bis dahin wagt die chinesische Regierung in der Regel keine Experimente.

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