Politik „Zwischen Monster und Witzfigur“

Adolf Hitler ist immer noch täglich auf Sendung. Kein Grund zur Sorge, sagt der Historiker Sven Reichardt (45), Professor für Zeitgeschichte an der Uni Konstanz

Fast 70 Jahre nach seinem Tod vergeht in Deutschland kein Tag ohne Adolf Hitler. Er ist dauerpräsent im Fernsehen, in Zeitschriften, auf dem Büchermarkt. Woher kommt dieses Interesse an einem so verachtenswerten Menschen?

Die Konjunkturen der Hitler-Rezeption sind sehr unterschiedliche. Ich würde nicht die 50er-Jahre mit der heutigen Zeit gleichsetzen. Es gibt auch verschiedene Motivationen, über Hitler zu sprechen. Hitler war sicher in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren eine wichtige Figur für die politische Kultur der Bundesrepublik, auch noch in den 80er-Jahren, und erst seit der Wiedervereinigung verliert der Nationalsozialismus an Prägekraft für die politische Kultur und Hitler wird zunehmend zu einer Medien-Figur, zu einem Medien-Star aufgebaut. Was nicht zuletzt daran liegt, dass der Nationalsozialismus selber eine Medien-Diktatur war und deswegen Propaganda-Bilder produzierte, die sehr gut geeignet sind für Hitler als eine Art von Medien-Star. Das ist, glaube ich, das, über das wir heute sprechen müssen, und nicht über die Bedeutung des Nationalsozialismus für die Politikführung der Bundesrepublik. Es geht eher um eine sich selbst reproduzierende Mediengesellschaft, die Hitler als eine Figur zwischen Monster und Witzfigur darstellt.

Ist über Hitler nicht alles gesagt?

Wie gesagt: Es geht ja nicht um Hitler als politische Figur. Es geht nicht mehr um Aufklärung über den Nationalsozialismus, sondern es geht darum, dass Hitler eine Ikone geworden ist, die werbeträchtig ist und für mediale Aufmerksamkeit sorgen kann.

Spielt Hitlers Dauerpräsenz den Rechtsradikalen in die Hände?

Ich glaube nicht. Hitler wird nicht heroisiert in dieser Art von Darstellung. Wenn wir über Hitler als Monster sprechen, dann ist diese Verbindung zwischen Schauer und Idylle besonders interessant. Also Hitler mit seinem Schäferhund zuhause und gleichzeitig das Monster, das hinter diesem Biedermann lauert. Das ist vielleicht eine Mythologisierung, aber keine Heroisierung Hitlers. Zum anderen, und das gibt es schon sehr lange im englischen Sprachraum: Hitler als Witzfigur. Das ist aus meiner Sicht interessant, dass es in den letzten zehn, 15 Jahren auch in Deutschland möglich geworden ist, über Hitler als Witzfigur zu sprechen, ohne sich gleichzeitig dem Verdacht auszusetzen, den Nationalsozialismus zu banalisieren.

Darf man denn über Hitler lachen?

Ja selbstverständlich darf man über Hitler lachen.

Ist die gängige Hitler-Darstellung vor allem im Fernsehen nicht auch eine Verhöhnung seiner Opfer? Sie werden zur Staffage in einer Horror-Geschichte.

Sie versuchen immer wieder, das politisch zu interpretieren. Ich denke eben, dass diese Hitlerei recht unpolitisch daherkommt, und wenn man es politisch interpretieren wollen würde, dann müsste man auch einen entsprechenden Kontext dafür haben. Es kommt darauf an, wo Hitler auftaucht. Wenn Hitler in einer ernsthaften historischen Dokumentation auftaucht, ohne dass über die Opfer gesprochen wird, dann ist das sicher ein Problem. Wenn Hitler in einem anderen Kontext auftaucht, dann ist Hitler erst mal eine Figur, die Aufmerksamkeit herstellt und anzieht. Insofern würde ich das nicht überpolitisieren. Man kann sich natürlich fragen, ob das geschmackvoll und aus der Sicht der Opfer angemessen ist. Sich moralisch zu entrüsten, ist das eine. Das andere ist, zu verstehen, was dahintersteht. Ich glaube, es gibt im großen Konsens der Bundesrepublik keinen Anlass, über eine Hitler-Renaissance im politischen Sinne kritisch nachzudenken.

Gibt es beim Hitler-Bild Generationenunterschiede?

Das glaube ich schon. Diejenigen, die den Nationalsozialismus erlebt haben, haben ein ganz anderes Hitler-Bild. Für die junge Generation ist Hitler eine Chiffre und keine historische Figur, die irgendwie mit dem eigenen Lebensentwurf verbunden werden kann. Sie ist sehr weit entfernt, sie ist eindeutig dämonisiert, und es gibt keinen Anlass, darüber nachzudenken, dass es da eine Revitalisierung oder Verwässerung des Hitler-Bildes geben würde durch diese Art von medialer Aufarbeitung. Ich sehe nicht, dass Hitler als eine Figur dargestellt wird, die politisch irgendwelche Leistungen vollbracht hat, die erhaltenswert wären.

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