Politik Viel beachteter Auftritt in Konstanz: Hamed Abdel-Samad und seine Sicht auf den Islam

Im Stadttheater Konstanz hat Hamed Abdel-Samad über den Reformwillen im Islam gesprochen. Die vom Leiter der SÜDKURIER-Politikredaktion Dieter Löffler moderierte Veranstaltung hat für ein großes Echo gesorgt.

Christoph Nix lässt sich eine Spitze nicht nehmen. Er sei froh, dass Hamed Abdel-Samad an diesem Abend auf einer gebührenden Bühne auftritt "und nicht in einer Mehrzweckhalle", sagt der Intendant des Konstanzer Stadttheaters. Die Bemerkung geht in Richtung örtlicher Volkshochschule, die im Mai eine Veranstaltung mit dem bekannten Islamkritiker aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt hatte. Der anschließende Rummel hat das Interesse weiter befeuert. Der Theatersaal bietet Platz für 400 Gäste und ist nahezu voll besetzt – inklusive vier Beamten des Bundeskriminalamts. Nur kurz äußert sich der 45-jährige Deutsch-Ägypter zur Absage im Mai, bevor es in die von Dieter Löffler, dem Leiter der SÜDKURIER-Politikredaktion, geführte Diskussion geht. "Manchmal googelt man mich offenbar erst, nachdem man mich eingeladen hat", sagt er. Statt aus seinem neuen Buch "Ist der Islam noch zu retten?" zu lesen, spricht Abdel-Samad über für ihn wichtige Themen:

  • Seine Sicherheit: Häufig wird der streitbare Politologe gefragt, ob er sich nicht sorge vor Applaus von der falschen – sprich: von der rechten – Seite. "Davor habe ich keine Angst, ich habe Angst vor Kugeln", sagt er. Seit Jahren steht Abdel-Samad unter Polizeischutz, inzwischen begleiten ihn vier Leibwächter bei jedem Schritt. Sein Wohnort ist geheim, wegen seiner Bücher erhält er Morddrohungen. 2013 sprach ein ägyptischer Scheich in einer Fatwa ein Todesurteil über ihn. "Natürlich könnte ich schweigen", sagt Abdel-Samad, "könnte in den Untergrund gehen, wie viele andere Islamkritiker es tun." Das entspräche allerdings nicht seiner Auffassung von Meinungsfreiheit als die Mutter aller Freiheiten.
  • Reformwille im Islam: Es ist bekannt, dass der Politologe dem Islam keine Reform zutraut. So auch in dem als Streitschrift mit dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide angelegten Buch "Ist der Islam noch zu retten?". Es umfasst 95 Thesen, ein Hinweis auf den Reformer Martin Luther. Eine solche Figur sieht Abdel-Samad im Islam nicht: "Der muslimische Luther hieß Muhammad ibn Abd al-Wahhab und lebte im 18. Jahrhundert, er ist der Gründer des Wahhabismus." Der Wahhabismus gilt als besonders dogmatische Form des Islam, der IS hat ihn in der Vergangenheit als eine von mehreren Grundlagen für seine Regeln genutzt. "Wer im Islam zurückgeht, landet schnell im Fundamentalismus", argumentiert Abdel-Samad. "Ein muslimisches Reform-Konzil ist nicht zu erwarten."
  • Islamfeindlichkeit: Der Deutsch-Ägypter stört sich am Begriff Islamophobie. "Eine Phobie ist eine Krankheit, die Angst vor dem Islam ist allerdings berechtigt." Es gelte zu unterscheiden zwischen Menschen und einer Religion. "Ich bin gegen Muslimfeindlichkeit, sie ist zutiefst diskriminierend. Aber ich bin nicht gegen Islamfeindlichkeit."
  • Die AfD: Sie sei nicht seine Partei, sagt der 45-Jährige. Dennoch hat er Veranstaltungen der AfD besucht – "weil ich zu jeder Partei gehe und weil ich für Meinungsvielfalt bin." Die AfD habe bei der Bundestagswahl deshalb knapp 13 Prozent der Stimmen erhalten, weil andere Parteien sich abgenutzt haben. "Die Menschen fühlen sich allein gelassen", so Abdel-Samad. Er fürchte ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft.
  • Eine fehlende Islam-Debatte: Sie erhält er für politisch motiviert. Dabei hat er vor allem zwei reiche Golfstaaten im Blick. Während Deutschland an das Königreich Saudi-Arabien Waffen für Milliardensummen verkaufe, dränge das Emirat Katar in wichtige Gremien der Weltgemeinschaft, wie die Unesco oder Amnesty International. "Wenn sich die Politik nun darüber beschwert, dass sich die Diskussion nur am rechten Rand abspielt, dann halte ich das für ziemlich verlogen", kritisiert Hamed Abdel-Samad. Das führe dazu, dass der politische Islam gestärkt und seine säkularen Stimmen überhört werden. "Vielfalt ist mehr als Kopftuch", fasst er zusammen.
  • Heimat: 22 Jahre, die Hälfte seines Lebens, hat der gebürtige Ägypter in Deutschland verbracht. "Meinen Geburtsort und meine Religion habe ich mir nicht ausgesucht, meine zweite Heimat allerdings schon", sagt Abdel-Samad. Er befürwortet die Diskussion über eine Leitkultur, sie dürfe allerdings nicht nur als Wahlkampfthema herhalten. Dabei soll es nicht nur um einzelne Artikel des Grundgesetzes gehen, die auf den Erfahrungen einer Diktatur fußen. "Es geht um die Graubereiche zwischen ihnen, es geht darum, dass ich nicht mit einem Artikel einen anderen aushebeln kann."

Zur Person

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 nahe Kairo geboren. Sein Vater predigte als sunnitischer Imam. 1995 zog Abdel-Samad nach Deutschland und studierte in Augsburg Politik, zuvor hatte er in Kairo bereits Englisch und Französisch studiert. Der 45-Jährige besitzt einen deutschen Pass und ist als Gast vieler Talk-Shows bekannt. Abdel-Samad ist Autor mehrer Bücher. (bbr)

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