Politik In Pommern wird der Ernstfall geübt

Soldaten aus Immendingen für zwei Wochen in Polen. Beim Manöver Schulter an Schulter mit Nato-Partnern. „Die Bundeswehr muss sich vor niemand verstecken“.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs biwakieren Soldaten der Bundeswehr in polnischen Wäldern. Sie haben Panzer, Lkw und Jeeps von Eisenbahnwaggons entladen und rücken auf staubigen Wegen ins Manöver. Ihre Zeltnachbarn auf dem Truppenübungsplatz von Drawsko Pomorskie im ehemals deutschen Westpommern zwischen Stettin und Posen sind Amerikaner, Dänen und Soldaten der polnischen Armee. Diese tritt hier erstmals als Gastgeber für Verbündete aus anderen Nato-Staaten auf: Polen haben die Mannschaftszelte aufgebaut, sie mit Feldbetten und Decken bestückt – denn nachts wird es hier knackig kalt –, und sie liefern auch die Verpflegung für mehr als 2000 Soldaten, die während zwei Wochen die polnische Vorliebe für Wurst kennenlernen. Der Nato-Name für dieses Großereignis im pommerschen Sand: Saber Strike. Das kann man mit „Säbelhieb“, aber auch mit „Säbelrasseln“ übersetzen. Die Krise im Verhältnis zu Moskau hinterlässt auch im Brüsseler Nato-Sprech seine Spuren.

Die Infanterie setzt beim Manöver in Drawsko Pomorskie auch den Transportpanzer Fuchs ein, um auf dem Truppenübungsplatz ihre Mobilität zu erhöhen.
Die Infanterie setzt beim Manöver in Drawsko Pomorskie auch den Transportpanzer Fuchs ein, um auf dem Truppenübungsplatz ihre Mobilität zu erhöhen. | Bild: PIZ Bundeswehr / Michel

Aber eine bloße Drohgebärde gegen einen Aggressor, gegen den man Polen schützen will, ist das Manöver im Osten nicht. Die Truppen bestehen hier nicht aus Paradesoldaten, sondern aus Kampfeinheiten. Eine von ihnen führt Ralf Peter Hammerstein. Zwei Sterne und Eichenlaub auf den Schultern weisen ihn als Oberstleutnant aus. Hammerstein ist der Kommandeur von 400 Soldaten des Artilleriebataillons 295 aus Immendingen. Vergangene Woche haben seine Leute 170 Fahrzeuge von den Eisenbahnwaggons gefahren, die drei Tage lang zwischen Heimatstandort und Drawsko Pomorskie unterwegs waren.

Jetzt sind Hammersteins Soldaten in den ausgedehnten Wäldern in Stellung gegangen, er selbst erklärt unter dem olivgrünen Tarnnetz-Himmel seiner Operationszentrale aus vier Lkw-Containern, was hier geübt wird: „Das koordinierte Zusammenspiel zwischen Überwachung, Aufklärung und dem Schießen mit unseren Waffen.“ Diese stehen in der massigen Gestalt der 56 Tonnen schweren Panzerhaubitze 2000 nur knapp zwei Kilometer von hier in ihren Stellungen, die mächtigen Rohre drohend nach Süden gerichtet. An diesem Morgen haben ihre ersten Salven um kurz nach fünf das Singvogelkonzert im Wald unterbrochen. Hammerstein lässt früh wecken, er will den Tag nutzen. In den vergangenen Wochen konnte kaum scharf geschossen werden, weil die polnische Kommandantur des Übungsplatzes die Waldbrandgefahr fürchtete. Feuer einstellen, hieß es dann.

Ein deutscher Soldat fordert über Funk Artillerie-Unterstützung an.
Ein deutscher Soldat fordert über Funk Artillerie-Unterstützung an. | Bild: PIZ Bundeswehr / Michel

Aber heute hallen die Abschüsse jeweils kurz hintereinander kilometerweit durch die Wälder und hinterlassen turmhohe Staubwolken im Zielgebiet, einer Steppenlandschaft aus Sand, Heidegras und kargen Büschen im Zentrum des Übungsplatzes. Die Immendinger schossen rund sechs Kilometer weit und so genau, dass Ralf Peter Hammerstein guter Dinge ist, „denn diese enge Zusammenarbeit mit den Partnern haben wir so noch nicht geübt“. Pommern sieht also die Premiere einer intensivierten Nato-Partnerschaft. Früher schon haben ihre Verbände zwar zusammen geübt, aber getrennt operiert. Heute ist es jetzt etwa Immendinger Artillerie, die eine Kompanie dänischer Leopard-Kampfpanzer im Angriff unterstützt.

Mark-Ulrich Cropp und seine Männer sind auf sich allein gestellt. Cropp ist Oberstleutnant und Kommandeur des Jägerbataillons 291 aus Illkirch bei Straßburg. Auch sein Verband ist wie der der Artilleristen aus Immendingen zwar Teil der Deutsch-Französischen Brigade. Aber für Cropps Infanteristen ist nicht das Großgerät der Truppe maßgeblich, sondern die Fähigkeit, sich im Kriechgang über den Waldboden einem gegnerischen Schützengraben unerkannt zu nähern, um ihn einzunehmen.

„Infanteristisches Handwerk“ nennt Kommandeur Cropp das und bleibt – Helm auf dem Kopf und Fernglas vor der Brust – auf Tuchfühlung mit Unterführern und Mannschaften. Die klären den Gegner in Gestalt von Schützenscheiben auf und bekämpfen ihn mit scharfer Munition. Schüsse aus den Sturmgewehren peitschen, ein Maschinengewehr stimmt ein. Mulden werden durchquert, Äste übersprungen, während der Chef seinen Männern dicht auf den Fersen bleibt, bis der imaginäre Gegner die Waffen streckt.

Die Soldaten sind gut, aber Kommandeur Mark-Ulrich Cropp weiß: Es geht noch besser. An diesem Tag werden seine Männer noch viele Schüsse abgeben. Murren wird keiner. Dafür steht die Freiwilligen-Armee – „mit Soldaten, die ihren Beruf als Profession ansehen“, sagt Marc-Ulrich Cropp stolz. „Die Bundeswehr“, auch das ist sein Fazit aus dem Gefecht in Pommerns Wäldern, „muss sich vor niemand verstecken“.

Übung Saber Strike

  • Saber Strike: Die Bundeswehr beteiligt sich zwei Wochen lang bis 19. Juni mit dem Artilleriebataillon 295 (Immendingen) und dem Jägerbataillon 291 (Illkirch bei Straßburg) an der Nato-Übung Saber Strike. Dabei kommen fast 800 deutsche Soldaten zum Einsatz. Die Leitung von Saber Strike liegt beim Hauptquartier der US-Armee in Europa (USAREUR) in Wiesbaden.
  • Übungsserie: Saber Strike ist Teil einer multinationalen Übungsserie, bei der 6000 Soldaten eingesetzt sind. Die Teilnehmer kommen aus Polen und Deutschland, Dänemark, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Großbritannien, Slowenien, Portugal, der USA und Kanada. Bei der parallel verlaufenden Übung „Nobel Jump“ im polnischen Sagan sind ebenfalls 800 deutsche Soldaten beteiligt, darunter Panzergrenadiere aus dem sächsischen Marienberg. Weiterhin sind 250 Soldaten der Deutsch-Französischen Brigade aus Donaueschingen und Müllheim in Litauen im Manöver. (mic)

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