Villingen-Schwenningen AfD-Kandidatin in Villingen: Alice Weidel kann auch anders

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel gibt sich als Scharfmacherin. Eindrücke von einem Wahlkampfauftritt in Villingen.

Da steht sie auf der Bühne, im dunklen Hosenanzug, die Haare streng nach hinten geflochten, auf der Nase eine übergroße Intellektuellen-Brille. Sie spricht über Flüchtlinge und Eurokrise, die angebliche Abschaffung des Bargelds und das unfaire Vorgehen der Medien. Nach wenigen Minuten ist klar: Die Frau kann reden. Und sie kann kämpfen. Sie bellt ihre Sätze geradezu ins Mikrofon, unterstreicht ihre Worte mit etwas zu dramatischen Gesten, setzt ein bitteres Lachen auf, wenn sie von Reportern erzählt, die in ihrem Privatleben herumschnüffeln.
 

Wer ist Alice Weidel? Diese Frage verfolgt die 38-Jährige mit Wohnsitz in Überlingen, seit sie die AfD durch den Bundestagswahlkampf führt. Antworten gibt es viele, zumal Privatleben und politisches Programm bei der AfD-Kandidatin nicht zusammenpassen wollen. Ihr Auftritt vor rund 500 Anhängern in der Tonhalle in Villingen-Schwenningen bringt wenig Klarheit. Weidel schürt Ängste, beschwört Feindbilder, macht Stimmung gegen die Kanzlerin und den Rest der Welt. „Die sprechende Raute“ nennt sie die CDU-Chefin nur. Der Name Angela Merkels kommt ihr nicht über die Lippen.

Ein verächtlicher Unterton gehört zu den wichtigsten Stilmitteln der AfD-Kandidatin. Mal ist von „CDU-Fritzen“ die Rede, dann von „lokalen Schmierblättern“. Die Bundesrepublik nennt sie einmal „diese schöne Bananenrepublik“. Einem Zuhörer, der halblaut einen Einwand wagt, wirft sie „dämliches Geschwurbel“ vor. Mehrfach lässt sie sich über Finanzminister Wolfgang Schäuble aus, der habe „eine Hand in der Schublade“. Das Publikum versteht die Schwarzgeld-Andeutung und johlt.

Alice Weidel war nicht immer so. Die Frau aus dem Münsterland hat eine glänzende Karriere als Volkswirtin hinter sich, arbeitete im Frankfurter Bankenviertel für Goldman-Sachs, lebte mehrere Jahre in China. Zur AfD kam sie 2013 im Gefolge von Professor Lucke, beide einte der Zweifel an den Rettungsschirmen der Eurozone. Anders als ihr politischer Ziehvater blieb sie, als die Partei nach rechts abdrehte. Während Alexander Gauland und Björn Höcke die völkische Trommel rührten, sprach Weidel weiter über Steuerrecht und Währungsunion. Bei einer Podiumsdiskussion auf dem IBO-Mittelstandsforum im März in Friedrichshafen gab sie sich betont bürgerlich und warb für die AfD als „Steuervereinfachungs-und Steuersenkungspartei“. Fragen nach Parteifreund Höcke wich sie aus. Im Parteivorstand hatte sie für den Ausschluss des Rechtsauslegers gestimmt, öffentlich mochte sie darüber nicht reden.

Heute sind alle Beißhemmungen gefallen. Weidel mäht im Wahlkampf das Gras am rechten Rand. Eine Rückkehr in die Bankenwelt kann sie abhaken, auf der Karriereleiter bleibt nur noch die Politik. In der AfD heißt das: Wer oben bleiben will, muss nach rechts. Mit gemäßigtem Programm kommt man dort nicht weit, wie die ehrgeizige Kandidatin am eigenen Leib erfahren musste. 2016 scheiterte sie beim Versuch, in den Landtag zu kommen. Wenig später unterlag sie bei einer Kampfabstimmung um den AfD-Landesvorsitz. Seit sie schärfere Töne anschlägt, läuft die Karriere besser.

Der Preis dafür ist hoch. „Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt“, sagt die AfD-Kandidatin in Villingen. Die Presse verfolge sie mit diffamierender Berichterstattung. Ihr privates Umfeld werde umgepflügt, ihre Lebenspartnerin in der Schweiz mit hineingezogen. „Unanständig“ sei das, eine Hetzkampagne, die sie an die DDR und die Nazis erinnere. Den Vorwurf, in der Schweiz eine Syrerin schwarz als Haushaltshilfe beschäftigt zu haben, weist sie wortreich zurück.

Keine einzige Silbe hört das Villinger Publikum zum Vorwurf, vor vier Jahren eine Wut-Mail mit rassistischem Inhalt verschickt zu haben. „Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK“, heißt es dort über die Regierung Merkel, gefolgt von wirren Ausführungen über angebliche Pläne, das deutsche Volk durch gezielte Überfremdung klein zu halten. So bleibt unklar, ob die Spitzenkandidatin den Inhalt der Mail gutheißt oder ob sie derartiges Gedankengut ablehnt. Die Frage stellt die AfD vor eine Zerreißprobe, ebenso wie das Privatleben der Kandidatin. Zur AfD passt es wie ein Porsche Cayenne zu den Grünen.

Weidel entschließt sich zur Flucht nach vorne und macht in ihrer Wahlkampfrede keinen Hehl aus ihren familiären Umständen. Sie lebt nicht mit einem Mann zusammen, sondern mit einer Frau. Ihre Lebenspartnerin ist dunkelhäutig und hat Migrationshintergrund. Das Paar lebt in der Schweiz und hat zwei Söhne, mehrfach spricht Weidel von „meinen Kindern“. Das alles wäre kein Problem – Pech nur, dass der örtliche Wahlkreiskandidat Joachim Senger vor ihr ans Rednerpult tritt und für das Familienbild der AfD wirbt. „Ich stelle mir das vor als Vater und Mutter mit Kindern“, sagt er.

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