Brüssel Todesangst vor dem eigenen Bruder: Wie Astrid Holleeder den berüchtigtsten Verbrecher der Niederlande ins Gefängnis brachte

Astrid Holleeder, 52, lebt an einem geheimen Ort. Ein aktuelles Foto von ihr? Niemals, viel zu gefährlich. Ihr Bruder Willem ist der bekannteste Verbrecher der Niederlande und steht wegen Mordes vor Gericht – weil Astrid ihn verriet. Nun sinnt er auf Rache.

„Wenn mein Bruder rauskommt, werden wir nicht mehr lange zu leben haben.“ Er – das ist der berühmt-berüchtigtste Kriminelle der Niederlande: Willem Holleeder. Seit Februar wird dem 59-Jährigen, der jahrelang die Amsterdamer Unterwelt mit seinen Erpressungen beherrschte und eine Blutspur von Auftragsmorden hinterließ, der Prozess gemacht. Weil seine Schwester ihn verraten hat: Astrid Holleeder lebt seither an einem geheimen Ort in den Niederlanden unter Polizeischutz. Wir treffen uns an einem sicheren Ort. Eine Kamera scannt jeden, der durch die Tür will.

Die Familie Holleeder im Jahr 1966: von links Mutter Stien, Tochter Sonja, Sohn Gerard, Vater Willem senior, Tochter Astrid und Sohn Willem.
Die Familie Holleeder im Jahr 1966: von links Mutter Stien, Tochter Sonja, Sohn Gerard, Vater Willem senior, Tochter Astrid und Sohn Willem. | Bild: Familie Holleeder

Unser Gespräch findet in einem von außen nicht einsehbaren Raum statt. Eine große Frau mit wachen Augen, die hinter einer rahmenlosen Brille alles um sich herum beobachten, kommt auf mich zu. Sie wirkt elegant und selbstbewusst. Kein bisschen wie eine, die jeden Morgen mit dem Gedanken erwacht, dass ein Kopfgeld auf sie angesetzt ist. „Wim“, wie sie ihren Bruder nennt, hat es geschafft, aus seiner Hochsicherheitszelle heraus den Auftrag für ihre Ermordung zu erteilen. Auch ihre Schwester Sonja soll sterben, denn auch sie sagt gegen ihren Bruder aus. Umso widersinniger wirkt es heute, dass dieser Mann bis vor kurzem eine geradezu irrsinnige Popularität in seinem Land genoss.

Der verurteilte Straftäter ist mitverantwortlich für die Entführung von Alfred Heineken im Jahr 1983, dem inzwischen verstorbenen Besitzer der gleichnamigen Bierbrauerei. Astrid, damals erst 17, wird als Minderjährige ohne Rechtsbeistand verhört und behandelt wie eine Tatverdächtige. Holleeder verkommt zu einem verrufenen Namen, sie ist fortan die „Schwester von“. Drei Wochen lang Heineken in Ketten unter unmenschlichen Bedingungen. Trotzdem machten berühmte Schauspieler und Sänger aus den Niederlanden Selfies mit ihm. Er wurde erkannt auf der Straße: „Wim“, riefen ihm die Leute nach, als wäre er selbst ein Filmstar. Einem Mann, der nicht einmal davor zurückschreckt, Mitglieder seiner eigenen Familie umbringen zu lassen.

Willem Holleeder 2014, als er noch frei war.
Willem Holleeder 2014, als er noch frei war. | Bild: dpa

Jahrelang instrumentalisiert Wim seinen jüngeren Bruder Gerard und seine beiden Schwestern. Sonjas Mann Cor wird in die Geschäfte von Wim mithineingezogen, hing bei der Entführung mit drin. Mit der Zeit wird er gierig, zweigt sich selbst Geld aus den krummen Geschäften ab. Eines Tages wird Cor vor den Augen seines Sohnes erschossen. Auf offener Straße. Es ist der Wendepunkt im Leben von Astrid und Sonja: Doch erst, als Wim Sonja damit bedroht, auch ihre Kinder zu ermorden, wenn sie nicht tut, was er sagt, gelingt es Astrid, sie ins Boot zu holen. Gemeinsam wollen sie Wim zu Fall bringen. Endgültig. Ein gefährliches Doppelleben beginnt. Wenn sie darüber spricht, wirkt sie kein bisschen verunsichert. Astrid fühlt sich ihrer Tochter verpflichtet: „Dafür tue ich es, ich will nicht, dass er sie erwischt.“

Sie liebt ihren Bruder immer noch

Monatelang setzt Astrid ihr Leben aufs Spiel, in dem sie die Gespräche mit ihrem Bruder heimlich aufzeichnet. Doch der war immer schon paranoid, vertraut niemandem, wiegt jedes Wort ab, nutzt eine Codesprache. Lange hält die Justiz Astrid hin, trotz der Beweise und Aussagen von ihr und Sonja. Dann endlich der Durchbruch: 2016 wird Wim Holleeder festgenommen. Seine eigene Schwester, die er als engste Vertraute betrachtete, hat ihn verraten. „Das ist so unnatürlich, jemandem so etwas anzutun“, sagt Astrid noch heute. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie über ihre Gefühle zu ihrem Bruder spricht, den sie immer noch liebt – trotz allem.

Nach Wims Festnahme muss Astrid untertauchen. Ihre Arbeit als Anwältin für Strafrecht versucht sie zunächst aufrechtzuerhalten. Dass ausgerechnet sie, aufgewachsen in einer von Gewalt und Kriminalität geprägten Familie, Anwältin wurde, hat seinen Grund. „Ich sehe die Menschen, die dahinterstehen“, erklärt sie schlicht. Familie steht für Astrid über allem. Aufgewachsen im Jordaan, einem als sozial schwierig bekannten Viertel in Amsterdam, sind die Familienbande besonders stark. Für ihre Tochter, die sie bereits mit 19 bekam, würde sie alles tun. Lange tat sie auch alles für ihren Bruder.

Nach Wims Festnahme veröffentlicht Astrid ein Buch. „Judas“ bezeichnet gleichermaßen den Verrat ihres Bruders an der eigenen Familie wie auch den ihren an ihm. Inzwischen ist es auf deutsch erschienen. Ungeschönt beschreibt sie darin die gewaltgeprägte Kindheit der vier Geschwister Holleeder, die vom alkoholisierten Vater ebenso geschlagen wurden wie ihre Mutter. Der Generalverdacht, unter den ihre Familie nach der Heineken-Entführung gestellt wird, prägt sie. „Ich bin es gewohnt, dass Menschen nicht nett zu mir sind“, sagt sie. „Trotzdem liebe ich sie.“ So wie ihren Bruder. Vom Vater ihrer Tochter, der sie immer wieder betrogen hatte, trennte sie sich.

Unser Treffen hat trotzdem etwas Heimeliges. Astrid hat Pralinen mitgebracht, es gibt Kaffee und Tee. Als während unseres Gesprächs plötzlich ein dumpfer Knall aus dem Nebenzimmer ertönt, sagt sie nur: „Das galt nicht mir, wir sind hier sicher.“ Dass sie wegen ihrer Zeugenrolle ihre Tätigkeit als Anwältin aufgeben musste, fiel ihr nicht leicht. Aber bei den Terminen mit ihren Klienten wäre sie ein leichtes Ziel für ihren Mörder gewesen.

Das Netz ihres Bruders war lange Zeit undurchdringlich, sie hatte nichts gegen ihn in der Hand. Dass ihr Bruder doch noch gerettet werden kann, glaubt sie nicht. „Er ist gebrochen, zerstört, krank eigentlich“, beschreibt sie ihn. Die Verhandlung, davon ist sie überzeugt, wird noch Jahre dauern. „Hätte ich nicht begonnen, zu schreiben, wäre ich vom Dach gesprungen“, sagt sie. Es war ihre Rettung. Doch erst, als kürzlich ihr zweites Buch "Tagebuch einer Zeugin“ veröffentlicht wurde, wird ihr verstärkter Schutz gewährt.

Am liebsten wäre es ihr, wenn ihr Bruder tot wäre. Einmal wollte sie ihn selbst umbringen, aber sie konnte es nicht. Bis heute bereut sie ihr Zögern, „als ich die Gelegenheit dazu hatte“. Hätte es ihrer Familie geholfen, wäre sie bereit gewesen, zu sterben. Aber niemand ist sicher vor Wim. Nicht, solange er lebt. „Manche Hunde muss man in eine Grube werfen, man kann sie nicht einschläfern.“ Sie fände es besser für ihn. Am liebsten würde sie es selbst tun. „Ihn von seinem Leiden erlösen.“ Sie will kein Opfer mehr sein.

Die Heineken-Entführung

1983 entführten mehrere Männer den niederländischen Bier-Magnaten Alfred Heineken und seinen Chauffeur. Sie wurden drei Wochen in einem Lagerhaus gefangen gehalten, bis die Polizei sie befreite. Die Täter hatten zuvor ein Lösegeld von 35 Millionen Gulden (31 Millionen Mark) erpresst. Drei Täter wurden geschnappt. Zwei weiteren, Willem Holleeder und seinem Schwager Cor van Hout, gelang die Flucht nach Frankreich. Sie wurden später in die Niederlande ausgeliefert und 1987 zu je elf Jahren Haft verurteilt. Holleeder kam nach fünf Jahren frei. (dpa)

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