Washington Amerikas Problemlöser: Neuer Film über Kenneth Feinberg

Kenneth Feinberg handelt in spektakulären Fällen Entschädigungen aus. Der Anwalt bemisst die Höhe von Opfer-Zahlungen. Wir stellen ihn vor.

Der Mann, den sie mit Gott vergleichen, sitzt im vierten Stock des Willard Hotel und blickt direkt auf das Weiße Haus. Zwischen dem Büro von Kenneth Feinberg und dem Weißen Haus liegt alleine die Pennsylvania Avenue. „Man macht diesen Job nicht, um Freunde zu gewinnen“, sagt der 72-Jährige. Der Job, von dem Feinberg spricht, ist einmalig. „Special Master“ wurde der gelernte Anwalt in der Vergangenheit genannt – ein spezieller Meister. Es ist ein Euphemismus für einen, der den Mächtigen die Drecksarbeit abnimmt. Der 72-Jährige Jurist hat die wohl größten Entschädigungsfälle in der US-Geschichte moderiert.

Seine Sporen als „Spezial-Meister“ hat Feinberg sich Anfang der 70er Jahre verdient. Er verhandelte die Entschädigungszahlungen für Zehntausende von Vietnam-Veteranen, die an den Spätfolgen des Kontakts mit dem chemischen Entlaubungsmittels Agent Orange litten. Mit dem Mittel hatte das US Militär versucht, den Dschungel in Vietnam zu entlauben um den Vietkong den Schutz zu rauben. Als niemand mehr mit einer Einigung der acht Jahre andauernden Verhandlung rechnete, beendete Feinberg den Fall innerhalb weniger Wochen. Bei jedem dieser Fälle verfeinerte Feinberg jene Methode, die ihn so effizient und bei Auftraggebern so beliebt machte. „Man darf bei den Menschen keine falschen Hoffnungen wecken“, erklärt er. „Und man muss kalt und nüchtern bleiben.“

Als kalt und nüchtern wurde Feinberg einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als man ihn nach dem 11. September berief, um den Entschädigungsfonds zu verwalten. Kenneth Feinberg war für den Posten eine alternativlose Wahl. Niemand außer Feinberg hatte Erfahrung darin, solche Mittel nach einem möglichst fairen und transparenten Schlüssel zu verteilen. Vor allem aber hatte niemand die Erfahrung darin, den Kopf gegenüber zornigen Opfern und einer aufgebrachten Öffentlichkeit hin zu halten. „Ich glaube, das ist wirklich der eigentlich schwierige Teil meines Jobs“, sagt Feinberg. Als arrogant und zynisch wurde er beschimpft, bei öffentlichen Anhörungen schrien ihn die Opfer an und bewarfen ihn mit Gegenständen. Ein Sprecher der Opfer nannte die Kompensationen, die er verteilte, „Blutgeld“.

Wie viel ist ein Leben wert?

Es ist dieser Vorwurf der Anmaßung, den Feinberg sich unter allen Anfeindungen, mit denen er sich auseinandersetzen muss, am meisten zu Herzen nimmt. „Ja, das ist ein Problem“, sagt er, darauf angesprochen. „Die Macht, die ich habe, ist zu groß“, fügt er dann an. „Ich bin Richter und Geschworenengericht zugleich.“ Im Fall der 9/11 Opfer hatte er zu entscheiden, ob ein verlorenes Leben 100 000 Dollar oder drei Millionen wert ist.

"Man nimmt das immer mit nach Hause", sagt er. Um sich zumindest ein wenig dagegen zu panzern, verschanzt er sich hinter einem festen, Schlüssel, der die Entscheidungen objektiv und nachvollziehbar erscheinen lässt „Ich frage ganz nüchtern, welcher Schaden entstanden ist. Ich frage nach dem Nachweis dieses Schadens. Und ich muss natürlich berücksichtigen, wie viel Geld ich habe.“ Im Fall von verlorenen Leben und verlorenen Existenzen bedeutet das zumeist, Dinge zu beziffern, die man eigentlich nicht beziffern kann. „Mit Gerechtigkeit oder Fairness hat das, was ich mache, nichts zu tun.“ Und was tut er dann? „Es ist schlicht und einfach die Art und Weise, wie unser kapitalistisches System Schmerz lindert.“

Feinberg glaubt, dass er der Öffentlichkeit dient, dass er ihr Freund ist und nicht deren Feind. Doch seine fürstliche Kompensation von BP nach der Ölpest stellt Feinbergs Beteuerungen, dass es ihm vor allem um die Opfer geht, deutlich in Frage. Zwischen 800 000 und 1,2 Millionen Dollar bekam Feinberg damals monatlich von dem Ölriesen. Der Eindruck, dass Feinberg sich dafür entlohnen lässt, seine Auftraggeber vor Klagen zu schützen, lässt sich angesichts solcher Zahlen nur schwer entkräften. Lässt es sich wirklich mit einem Ethos von Bürgersinn vereinbaren, das Rechtssystem auszuhebeln und den Opfern Geld dafür anzubieten, von einer Klage abzusehen? „Die Menschen müssen ja nicht mitmachen, wir zwingen niemanden, das Geld zu nehmen.“

Es ist der Trotz von einem, der sich von allen Unverstanden fühlt, der da aus Feinberg spricht. Übrig bleibt nur die Dankbarkeit, derer, die ihn beauftragen. Ausgedrückt in Dankeskarten mit Unterschriften von drei Präsidenten, einer Außenministerin und einem Finanzminister auf seinem Tisch. Ansonsten bleibt der große Schlichter, einsam, gebraucht aber ungeliebt. Es ist das Los von einem der tut, was sonst niemand tun will. Kenneth Feinberg hat sich damit abgefunden.

Film über sein Wirken

Kenneth Feinberg gilt als Amerikas größter Verhandler für Entschädigungszahlungen. Über den Juristen läuft seit dem 8. Februar der Dokumentarfilm „Playing God“ im Kino. Zu Wort kommen neben ihm auch Kritiker, die seine Methode angreifen. (epd)

Ein Trailer des Dokumentarfilms „Playing God“ über Kenneth Feinberg finden Sie hier:



Kenneth Feinbergs spektakulärste Fälle

  • Vietnam-Krieg: Zehntausende von Vietnam-Veteranen litten damals unter Spätfolgen des Kontakts mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange, das gegen die Vietkong eingesetzt wurde. Die Leiden reichten von Hautausschlägen bis zum Bauchkrebs. Die Konzerne, das Mittel hergestellt hatten, darunter Monsanto, boten weniger als eine Million Dollar an Entschädigung an. Die Forderungen beliefen sich auf mehr als einer Milliarde. Feinberg schlichtete innerhalb weniger Wochen. Die Opfer bekamen rund 180 Millionen Dollar.
  • 11. September: Durch die Verhandlung über die Entschädigungen für die Angehörigen der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 wurde Kenneth Feinberg der Öffentlichkeit bekannt. Der Jurist wurde von der Regierung in Washington engagiert, als es galt, einen Fonds für die Angehörigen der Opfer zu managen. Jede der betroffenen Familien erhielt von der US-Regierung durchschnittlich 1,85 Millionen Dollar (rund 2,1 Millionen Euro) als Ausgleich für wirtschaftliche Verluste und das ihnen zugefügte Leid.
  • Banken-Krise: Nach dem Börsencrash von 2008 musste Kenneth Feinberg im Auftrag des ehemaligen Präsidenten Barack Obama die Vorstandsgehälter der von der Regierung ausgelösten Banken festlegen. Angesichts weit verbreiteter öffentlicher Empörung über Gehälter und Boni in schwindelerregender Höhe hatte die US-Regierung beschlossen die Bezüge für die Gehälter der Topmanager drastisch zu kürzen. Mitunter schrumpfte Feinberg deren Einkommen von 20 Millionen auf 300 000 Dollar.
  • Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko:Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 hatte Kenneth Feinberg darüber zu befinden, wie viel Geld die verlorene Existenz von Fischern oder Hotelbesitzern wert ist. Fünf Jahre nach dem Unfall mit elf Toten einigte sich das Unternehmen mit US-Behörden auf die Zahlung von 18,7 Milliarden Dollar über die kommenden 18 Jahre. Die Explosion der „Deepwater Horizon“ im April 2010 war eines der größten Unglücke in der Geschichte der Erdölförderung auf See. (dpa)

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