Kultur Zum Tod von Hannelore König

Zum Tod von Hannelore König. Elternhaus stand in Wangenam Untersee

Hannelore König
Hannelore König | Bild: M. Welsch

„Wir sind die Letzten, fragt uns aus!“ – wie oft hat man diese Aufforderung des Exil-Schriftstellers Hans Sahl gehört! Was die Geschichte der landjüdischen Gemeinden auf der Höri und im Hegau betrifft, ließ sich auf diese Aufforderung niemand so oft und so engagiert ein wie Dr. Hannelore König aus Wangen. Gemeinsam mit ihrem Bruder Dr. Gert Wolf stand sie für seine jüngere Geschichte, von der sie so ungemein lebendig, unsentimental und vor allem erinnerungsstark zu erzählen wusste. Und sie war Herz und unbestrittene Autorität im „Freundeskreis Jacob Picard“, der sich seit 2004 über das Andenken an den Dichter des alemannischen Landjudentums hinaus der Geschichte des jüdischen Wangen verpflichtet fühlt.

Hannelore König war die Tochter des beliebten Arztes Dr. Nathan Wolf – des „letzten Juden des Dorfes“, wie es auf seinem Wangener Grabstein heißt – und der katholischen Kölnerin Auguste Neuhaus. An Sylvester 1925 geboren, fiel die im Zeichen jüdisch-christlichen Zusammenlebens stehende Kindheit und Jugend der „Halbjüdin“ in eine Zeit zunehmender Entrechtung, Ausgrenzung und physischen Vernichtung. Ihre Biographie mit Schulbesuchen in Wangen, Stein, Gaienhofen und Konstanz war geprägt von Berufsverbot, KZ-Haft und Exil des Vaters, der gewaltsamen Auslöschung der Wangener jüdischen Gemeinde sowie von Krankheit und frühem Tod der Mutter. Im Sommer 1943 wurden die beiden Halbwaisen schließlich als „gefährliche Elemente“ aus dem Zollgrenzbezirk verbannt und einer Weingärtnerfamilie in Obertürkheim als billige Arbeitskräfte zugewiesen, bevor sie sich bei Kriegsende wieder in ihre Heimat durchschlagen konnten: „Auf einmal“, sagte Hannelore König in einem Gespräch, „waren wir wieder da, wo wir hingehörten.“

Der Satz war typisch für sie: nüchtern, lebenszugewandt, ein Feind allen hochtrabenden Geschwätzes, dabei immer aufgeräumt und fähig, alles auf einen einfachen Punkt zu bringen. So hat sie ihr schweres Leben zu verwandeln verstanden. Auch ihre Berufswahl lässt sich von ihren frühen Erfahrungen nicht trennen: sie studierte, nach Jahren erlittenen Unrechts, in Freiburg und in den USA Jura, bevor sie nach zweitem Examen und Promotion 1955 in den Staatsdienst trat. 1958 heiratete sie den Berufskollegen Dieter König. Seit 1973 Oberstaatsanwältin – die erste im württembergischen Landesteil – beteiligte sie sich nach ihrer Pensionierung am Aufbau eines demokratischen Justizwesens in den „neuen Bundesländern“.

Auch von ihrem langjährigen Wohnort Steinenbronn aus hielt Hannelore König stets an ihrer Wangener Heimat fest. In ihrem Wangener Elternhaus wurde auch das lebensgeschichtliche Gespräch aufgezeichnet, das 2007 unter dem Titel „Hitler war weg und wir waren da“ in der Zeitschrift des Hegau-Geschichtsvereins abgedruckt wurde; zentrale Passagen daraus gibt die Hörstation in der Jacob-Picard-Gedenkstätte im Alten Rathaus von Wangen wieder. In dem ARTE-Film „Landschaftsgeschichten“ des Berliner Filmemachers Marcus Welsch ist Hannelore König eine der tragenden Stimmen. Aus dem umfangreichen Drehmaterial für diesen Film hat Welsch inzwischen einen weiteren, einstündigen Film über Hannelore König fertiggestellt sowie ein von der „Landeszentrale für politische Bildung“ mitgetragenes Projekt realisiert, das rund zehn Stunden Aufnahmen mit Hannelore König für wissenschaftliche und pädagogische Zwecke auf sechs DVDs dokumentiert.

Ergänzend zu diesen filmischen Arbeiten sitzt die Journalistin Anne Overlack aus Bankholzen an einem dokumentarischen Buchprojekt über die Familie Wolf. Dafür hat Gert Wolf umfangreiches Material bereitgestellt; erzählende Hauptzeugin war bis zuletzt auch hier Hannelore König. Zuletzt galt ihre Sorge der Frage, ob Sie das 2014 geplante Erscheinen noch erleben werde. Nun hat sie der heimatliche Untersee, den sie so liebte, bei ihrem letzten Wangen-Besuch behalten: Von ihrem morgendlichen Bad am 19. Juli kehrte sie nicht mehr zurück.

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