Kultur Verdacht auf Fälschung: New Yorker Auktionshaus legt Versteigerung von Literaturnobelpreis-Medaille auf Eis

"Theodor Mommsens Literaturnobelpreis-Medaille wird versteigert", so vermeldete vor wenigen Tagen der Berliner "Tagesspiegel". "Literatur-Nobelpreis wird versteigert", hieß es im Deutschlandfunk. Und auch der SÜDKURIER titelte: "Mommsens Nobelpreis wird versteigert." Doch daraus wird jetzt erst mal nichts. Denn das Auktionshaus Heritage Auctions in New York hat am Mittwochvormittag die Versteigerung auf Eis gelegt. Der Verdacht: Die Medaille ist womöglich gar nicht echt.

Dabei hatte das Auktionshaus noch am vergangenen Donnerstag mit einem Wert in Höhe von rund 400 000 US-Dollar (336 000 Euro) gerechnet. Schließlich stellt die Medaille in gleich mehrfacher Hinsicht eine Rarität dar. So ist der große Historiker Theodor Mommsen (1817-1903) einer von nur ganz wenigen Sachbuchautoren in der langen Liste der Literaturnobelpreisträger. Außerdem zählt seine Ehrung (für sein mehrbändiges Hauptwerk "Römische Geschichte") zu den frühesten in der Geschichte dieses Preises: Mommsen erhielt ihn 1902 als zweiter Mensch überhaupt, vor ihm wurde lediglich der französische Dichter Sully Prudhomme ausgezeichnet. Die hohe Preiserwartung schien also wohlbegründet.

Original
Dieses Foto zeigt die Original Medaille des Nobel-Literaturpreises an Theodor Mommsen, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt wird. Beide Medaillen weisen den Namen "Th. Mommsen" auf. Die Bildsprache des New Yorker Goldstücks ziert aber üblicherweise Medaillen, die an Physik- und Chemienobelpreisträger verliehen werden. | Bild: Susanna Brogi

Wer allerdings im Internet das Exposé studierte, konnte ins Grübeln geraten. Die dort abgebildete Medaille zeigte nämlich auf ihrer Rückseite zwei Grazien im Jugendstil, die eine lüftet gerade der anderen den Schleier. Links steht „Natura“, rechts „Scientia“: Natur und Wissen. Das passt nicht ganz zur Abbildung, die sich etwa in Stefan Rebenichs 2002 erschienener Mommsen-Biografie findet. Denn auf dieser ist ein Jüngling mit Stift und Papier zu sehen, begleitet von einer Lyra oder Kithara spielenden Schönheit. Stift, Papier, Musikinstrument: Wäre das nicht ein viel geeigneteres Motiv für eine Auszeichnung, die der Dichtung gilt? 

ARCHIV - Das undatierte Archiv-Foto zeigt den deutschen Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen. Der Nobelpreis für Literatur ist bisher dreizehn Mal in den deutschsprachigen Raum gegangen.
ARCHIV - Das undatierte Archiv-Foto zeigt den deutschen Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen. Der Nobelpreis für Literatur ist bisher dreizehn Mal in den deutschsprachigen Raum gegangen. | Bild: dpa

Auf jeden Fall, findet man auch im Deutschen Literaturarchiv Marbach – und ist entsprechend verwundert. Denn die Nobelpreismedaille des Theodor Mommsen hatte man bislang sicher verwahrt im eigenen Bestand vermutet. Und tatsächlich liegt sie dort auch heute noch, golden glänzend wie eh und je. Auf ihr zu sehen ist das Motiv mit Jüngling, Stift und Lyra. Zum Beweis hat Mitarbeiterin Susanna Brogi den besorgten Nachfahren Theodor Mommsens sogar ein Foto geschickt. Die bei Heritage Auctions abgebildete Medaille dagegen, so ergibt die Recherche, könnte aufgrund ihres Motivs, aber auch wegen der Gravur "Natura" und "Scientia", allenfalls einem Physiker oder Chemiker überreicht worden sein. Wenn es sich nicht vollends um eine Fälschung handelt.

Genau daran haben die Nachfahren von Theodor Mommsen kaum Zweifel. "Diese ganze Geschichte ist unglaublich", sagt Peter Mommsen, Urenkel Theodor Mommsens und Familienarchivar, gegenüber dem SÜDKURIER. "Die Familie Mommsen ist betroffen von dieser Dreistigkeit, ausgerechnet zum 200. Geburtstag Theodor Mommsens eine offensichtlich gefälschte Medaille auf den Markt bringen zu wollen." Die Originalmedaille sei von einer in Weingarten lebenden Tochter Theodor Mommsens an ihren Sohn weitervererbt worden. Dieser wiederum habe sie an Peter Mommsen übertragen. "Ich aber war der Meinung, dass ich die Nobel-Medaille nicht in meinem bescheidenen Haushalt aufbewahren wollte – deswegen haben wir sie an Marbach übereignet. Das Literaturarchiv war darüber sehr glücklich."

Von einer "Frechheit" spricht der Mommsen-Urenkel und erwartet, dass diese Angelegenheit "schnellstens korrigiert" gehört. Auch gegenüber dem Deutschen Literaturarchiv erhebt er klare Forderungen: Die Institution solle klarstellen, dass "deren Stiftungsgüter nicht verscherbelt werden".

Bleibt die Frage: Wie kann so etwas überhaupt passieren? Ist Heritage Auctions wirklich einem Betrug aufgesessen? Oder gibt es noch eine verrückte Erklärung für diesen Fall? Es müsste schon eine wahre Räuberpistole sein: eine versehentliche Fehlprägung, an Mommsen erst ausgehändigt, dann durch die Medaille mit korrektem Motiv ersetzt, anschließend verschollen und erst hundert Jahre später auf wundersame Weise wieder aufgetaucht.

Vom New Yorker Auktionshaus war jedenfalls bis Redaktionsschluss auf entsprechende Nachfragen zu diesem Sachverhalt nichts in Erfahrung zu bringen. Die Schwedische Akademie in Stockholm, die alljährlich den Literaturnobelpreisträger bestimmt, kam nach nur wenigen Minuten zu einem eindeutigen Urteil. Ein Blick auf die fotografische Abbildung des zur Versteigerung angebotenen Exemplars habe einem Experten genügt, um es als "Replik einer neueren Medaille" zu enttarnen. Irgendjemand habe wohl einfach Mommsens Namen eingefügt, sagte Pressesprecherin Jonna Petterson gegenüber dem SÜDKURIER. Gleichwohl wolle man den dubiosen Fall nun weiter untersuchen.

Zur Person

Theodor Mommsen (1817-1903) stammte aus einer Pfarrerfamilie und wuchs in Oldesloe (Schleswig-Holstein) auf. Nach einem Jurastudium und Promotion über das römische Recht erhielt er ein Stipendium für altertumswissenschaftliche Forschungen in Italien. Als Journalist untestützte er 1848 die Forderungen nach liberalen Reformen und einem deutschen Einheitsstaat. Im selben Jahr wurde er in Leipzig zum Professor der Rechte ernannt. 1852 wechselte er nach Zürich, wo er sich auf Römisches Recht spezialisierte. Für sein Hauptwerk "Römische Geschichte" erhielt er 1902 den Literaturnobelpreis – als "größter lebender Meister der historischen Darstellungskunst", wie es damals hieß. Nie wieder ist einem Historiker diese Ehrung zuteil geworden. Mommsen starb 1903 in Charlottenburg.

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