Kultur Südwestdeutsche Philharmonie: Traum, Spuk und Metaphysik

Die Südwestdeutsche Philharmonie spielte im Konstanzer Konzil zur Saisoneröffnung ein zauberhaftes Programm.

So einen Opa müsste man haben! Der für ein Schlaflied nicht auf das übliche Repertoire zurückgreifen muss, sondern kurzerhand selbst eine Melodie komponiert. Siegfried Matthus ist ein solcher Opa. Das „Schlaf- und Träumliedchen“ schrieb er zwar schon für seinen Sohn, aber natürlich wurde es auch an die Enkel weitergegeben. Schließlich landete das Liedchen in einer Komposition mit dem Titel „Phantastische Zauberträume“, die nun von der Südwestdeutschen Philharmonie und dem Saxophonquartett Clair-Obscur im Konstanzer Konzil aufgeführt wurde.

Sieben Sätze drehen sich um Zauber und Traum, um Spuk und Fantasie. Und im Zentrum steht das Saxophonquartett, das mal für ein „Sentimentales Ständchen für eine zauberhafte Schöne“ die Köpfe zusammensteckt, dann aber auch wieder Raufbolde oder Spukgestalten gibt. Matthus, der seine Komposition vorab mit ein paar anekdotischen Worten umriss, hat da eine wunderbar bildhafte Musik zu den sprechenden Titeln geschrieben und lässt auch das Orchester kräftig mitzaubern. Das macht nicht nur dem Publikum Spaß, sondern ganz offensichtlich auch den Musikern. Ein Saxophonquartett als Solistenformation bekommt man im Orchesterkonzert ohnehin nicht allzu oft zu hören. Und das ganz fabelhafte Berliner Quartett Clair-Obscur sorgte bei den Konstanzern für überschäumende Begeisterung.

„Sommernachtstraum“ war der Abend unter Leitung des Chefdirigenten Vassilis Christopoulos überschrieben, mit dem die Philharmonie nach der Konzils-Ausstellung endlich wieder in ihre angestammten Räume zurückkehren und die Saison eröffnen konnte. Auszüge aus Mendelssohns Bühnenmusik zu Shakespeares „A Midsummernight’s Dream“ bildeten den Ausgangspunkt für das beziehungsreiche Programm, das sich in verschiedenerlei Hinsicht als traum- und zauberhaft erwies. Schon bei Mendelssohn geht es ja gemäß der Shakespeare-Vorlage um Spuk und Zauber, was das Orchester in schönster Feinzeichnung erkennen ließ. Da schließen sich dann Matthus’ „Zauberträume“ ganz logisch an.

Nach der Pause wird aus dem Spiel mit übersinnlichen Spukgestalten die ernsthafte Beschäftigung mit der Metaphysik: „The Unanswered Question“ von Charles Ives, dem Urvater der amerikanischen Moderne, breitet in den Streichern eine fast unwirklich himmlische Musik aus, die von Trompete und Holzbläsern mehrfach mit profanen Zwischenrufen gestört wird. Christopoulos lässt die Streicher hier ganz zart die Ewigkeit umreißen – das geht ans Herz.

Das größte Risiko im Programm war vielleicht die Suite mit Auszügen aus George Gershwins „Porgy & Bess“. Riskant deswegen, weil sich deutsche Orchester mit Jazz-Elementen nicht immer leicht tun. Aber der Philharmonie gelang hier eine beschwingte Zusammenschau der wichtigsten Themen aus Gershwins „American Folk Opera“ – wo natürlich auch die zu Jazzstandards gewordenen Nummern wie „Summertime“ oder „I Got plenty o’ Nuttin’“ nicht fehlten. Viel lässiger Swing, eine brillante Bläsersektion und samtene Streicher setzten so einen Schlusspunkt in dem insgesamt gelungenen Programm. In der schlüssigen Dramaturgie darf man wohl erstmals die Handschrift des (nun nicht mehr ganz so) neuen Intendanten Beat Fehlmann erkennen, der gemeinsam mit Christopoulos das Saisonprogramm entworfen hat. Einfach zauberhaft.

Weitere Aufführungen: Freitag, 22. Oktober, 20 Uhr, Konstanzer Konzil; Sonntag, 26. Oktober, 19 Uhr, Graf-Burchard-Halle Frickingen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Frankfurt
Kultur
Kino
Kunst
Film
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren