Oper Premiere in Stuttgart: Das „Opernhaus des Jahres“ feiert mit „Pique Dame“ russische Leidenschaft

Mit dem russischen Epos „Pique Dame“ endet die Spielzeit am „Opernhaus des Jahres“. Stuttgarts Intendant Jossi Wieler führt einmal mehr selbst Regie – mit Erfolg. SÜDKURIER-Mitarbeiter Frank Armbruster war bei der Premiere dabei und findet lobende Worte für den starken Saisonabschluss.

Warum die Oper „Pique Dame“ so heißt und nicht anders, erfährt der Zuschauer erst in der letzten Szene. Der Offizier German spielt hier seine letzte, Reichtum verheißende Karte, doch anstelle des ihm vom Geist der Gräfin prophezeiten Asses erscheint die Pik Dame. Er nimmt sich das Leben, nachdem auch schon Lisa den Freitod gewählt hat, als sie erkannte, dass German mehr am Spiel als an ihrer Liebe interessiert ist.

Peter Tschaikowski komponierte seine vorletzte Oper nach einer Novelle von Alexander Puschkin. Er soll sie als „Krönung seines Lebenswerkes“ bezeichnet haben, und was die musikalische Darstellung feinster Gefühlsregungen betrifft, ist sie sicherlich ein Meisterwerk. So, wie sich Realität und Unterbewusstes darin musikalisch durchdringen, überlagern Jossi Wieler und Sergio Morabito in ihrer Stuttgarter Neuinszenierung die Zeit- und Bewusstseins-Ebenen zu einem surrealen Spiel zwischen Innen- und Außensicht.

Im Zentrum steht die Drehbühne, auf die Anna Viebrock eine Art postsowjetische Hinterhof-Tristesse gebaut hat. Da blättert der Putz, da bröckelt das Mauerwerk. Bei genauem Hinsehen bemerkt man irritierende Details wie außen angebrachte Heizkörper: Die Welt ist verdreht, wie im Kopf von German, dem manisch Liebenden, der ins Verderben rennt und Lisa mitreißt, die wie er von einem besseren Leben träumt.

Ausgehend von der Bühne als Fantasieraum und Metapher für die Projektionen und Wahnvorstellungen der Protagonisten, entwickelt die Regie in Stuttgart ihren multiperspektivischen Blick. Auf der realistischen Ebene werden die Akteure als Opfer des Brutalkapitalismus russischer Prägung gezeigt, verroht und frustriert. Auf der Imaginationsebene blendet die Bühne Epochen ineinander, zurück bis ins Zarenreich. „Die Zarin! Ihre Hoheit!“ singt das bäurisch gekleidete Volk nach dem Schäferspiel im zweiten Akt, daraufhin erscheint eine Frau in Dessous. So sehen heute weibliche Idole aus.

Das ist alles schlüssig und klug gemacht. Dass der Abend musikalisch das Niveau nicht ganz halten kann, liegt an der Besetzung der Hauptrollen. Erin Caves (German) agiert mit Hingabe, aber seinem Tenor mangelt es an freier Kraftentfaltung – immer wieder muss er zu Lasten von Klang und Intonation forcieren. Rundum blass bleibt Rebecca von Lipinski (Lisa) mit ihrem sauberen, aber monochromen Sopran, wogegen Vladislav Sulimsky (Tomski) ebenso eine Gala-Vorstellung liefert wie Shigeo Ishino (Jeletzki). Großartig Helene Schneiderman als Gräfin, und auch Sylvain Cambreling animiert das Staatsorchester zu einer leidenschaftlichen, die musikalischen Extreme der Partitur auslotenden Spielweise – sinnlich, farbenreich, die großen Gesten in den Vordergrund rückend. Insgesamt ein starker Saisonabschluss.

Weitere Vorstellungen von "Pique Dame" vor der Sommerpause gibt es am 14., 24. und 27. Juni 2017. Informationen im Internet: www.oper-stuttgart.de

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