Kultur Nicht von dieser Welt

Mit „wunderzaichen“ hat der Komponist Mark Andre im Auftrag der Stuttgarter Oper ein spirituelles Musiktheater geschrieben

Der Komponist Mark Andre mag Zwischenräume. Alle Arten von Grenzgängen und flüchtigen Übergangsstadien. Und es geht ihm dabei nicht nur um eine Metapher für seine oft leise und fragile Musik, sondern um deren religöse Aufladung. Mark Andre ist bekennender Protestant und hat sich die Verbindung von Musik und Metaphysik zur Aufgabe gemacht. Wenn also sein erstes großes Bühnenwerk „wunderzaichen“ (ein Auftrag der Oper Stuttgart) im Einreisekontrollbereich eines Flughafens spielt, ist auch dies nicht einfach Grenzland im politischen Sinn – so nüchtern sich der wieder einmal unnachahmliche Saal der Bühnenbildnerin Anna Viebrock auch gibt – sondern ein spirituell aufgeladener Ort des Übergangs.

Die Handlung (das Libretto verfasste Mark Andre gemeinsam mit dem Dramaturgen Patrick Hahn selbst) ist denkbar krude. Johannes, ein 70-jähriger Mann, in dessen Brust nach einer Transplantation ein fremdes Herz schlägt, möchte ins Gelobte Land einreisen. Weil er aber die Fragen der Grenzbeamten mit seltsamen philosophischen Gedanken über Leben, Tod und Glaube beantwortet, wird ihm die Einreise verweigert. Er trifft auf die ekstatische Maria und geht mit ihr essen. Dann erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt. Unbemerkt wandelt er (oder seine Seele) durch den Wartesaal. Bei Johannes handelt es sich übrigens um Johannes Reuchlin, den schwäbischen Humanisten, der 1522 in Stuttgart starb und sich als Nichtjude intensiv mit hebräischen Schriften befasste. Goethe bezeichnete Reuchlin einmal als „Wunderzeichen“. Daher rührt der Titel der Oper.

All das macht als Plot erst einmal wenig Sinn. Er dient im Grunde auch nur als Vehikel für verschiedene Zwischenraum- und Übergangs-Metaphern, die hier zu einem „metaphysischen Roadtrip“ (Mark Andre) zusammengebaut sind. Der Warteraum, der Grenzübergang, der Flughafen, die letzte Reise des Johannes, die Identität dessen, der nur lebt, weil ein anderer gestorben ist, sein Tod, die Ablösung vom eigenen Körper und damit sein Verschwinden – Andres Kreisen um die Idee des metaphysischen Dazwischen nimmt fast schon zwanghafte Züge an. Erträglich wird die Überfrachtung mit spiritueller Symbolik eigentlich nur durch die Musik selbst, durch die betont profan gehaltene Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito – und durch das Wissen um die Entstehungsgeschichte.

Vor drei Jahren nämlich reiste Andre mit dem Dramaturgen Patrick Hahn nach Israel, um dort nach „metaphysischen Spuren“ für die geplante Oper zu suchen. Unter anderem machten sie Klangaufnahmen in der Jerusalemer Grabeskirche. Bei der Ausreise beantwortete Andre die Frage der Grenzbeamten nach seinem Reisegrund wahrheitsgetreu mit der Auskunft: „Wir haben Aufnahmen gemacht“, und zwar sei es „um die Erscheinungsweisen des Heiligen Geistes“ gegangen. Fast hätte er nicht ausreisen dürfen. Diese Episode hat dann also Eingang in die Oper selbst gefunden.

Übrigens auch die Klangaufnahmen – die „akustischen Abbilder“, wie Andre sie nennt. Das Verfahren dazu hat er mit dem Klangregisseur Joachim Haas des Freiburger Experimentalstudios des SWR entwickelt. Es ermöglicht, musikalischen Vorgängen wie z.B. denen auf der Stuttgarter Opernbühne den Hallraum der Grabeskirche „unterzuschieben“. Ohne dieses Vorwissen ahnt man davon zwar nicht unbedingt etwas, möglich aber, dass die eingefangene „Aura“ der Grabeskirche zum spirituellen Gesamteindruck der Musik beiträgt.

Der Chorklang ist in „wunderzaichen“ zentral, wichtiger fast als die Solostimmen. Den Opernchor, der die solistischen Partien so flüstert, haucht und singt, muss man erst einmal suchen gehen. An der Staatsoper Stuttgart findet man ihn. Überirdisch – um mal im Bild zu bleiben. Andres Entscheidung, ausgerechnet die Hauptrolle nicht mit einem Sänger, sondern mit dem Schauspieler André Jung zu besetzen, überrascht zunächst, macht aber dramaturgisch Sinn. Zumal auch sonst wenig im klassischen Sinn gesungen, sondern viel geflüstert wird. Auch hier zieht Andre einen Zwischenraum auf – den zwischen irdischer Sprache und himmlischem Klang.

Der wiederum ist allenthalben zu spüren. Auch wenn Andre musiksprachlich mit beiden Beinen fest in der Neuen-Musik-Tradition steht – er studierte bei Gérard Grisey in Paris und beim Stuttgarter Altmeister und Geräuschtüftler Helmut Lachenmann – seine Klänge sind nicht von dieser Welt. Die Stimmen, auch die der Solisten (Maria: Claudia Barainsky; Polizist/Erzengel: Matthias Klink, zwei Beamtinnen: Kora Pavelic und Maria Theresa Ullrich) gehen im Instrumentalklang auf wie im Nirwana (Leitung: Sylvain Cambreling), Klang löst sich vom Orchester wie die Seele vom Körper und schwebt dank Live-Elektronik durch den Raum. Dazwischen wieder harte geräuschhafte Schläge wie ein letzter irdischer Kampf.

Frei von Redundanzen ist die Musik nicht. Die an- und abschwellenden und einander überlappenden Klänge wiederholen sich reichlich. Aber Johannes' Verschwinden aus dem Leben – selbstredend das Herzstück des Abends – gestaltet Andre als überaus intimen Abgesang, als eine ergreifende Seelenmusik, deren Entschweben von Maria summend nachgezeichnet wird. Bei allen Längen, die der zweistündige Abend hat: hier ist Andre seinem Ziel einer metaphysischen Musik ganz nahegekommen.

Weitere Aufführungen: 7., 16., 22. und 25. März. Karten:

www.oper-stuttgart.de

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