Kultur Mit Winkekatzen zum Glück

Der Konstanzer Künstler Boris Petrovsky verwandelt kitschige Plastiktiere in eine eindrucksvolle Installation

Erregte bei der vergangenen Art Karlsruhe großes Aufsehen: Boris Petrovskys Katzen-Installation.
Erregte bei der vergangenen Art Karlsruhe großes Aufsehen: Boris Petrovskys Katzen-Installation. | Bild: Nina Martens

Auf der vergangenen neunten Art Karlsruhe war sie der Blickfänger und Publikumsliebling schlechthin: die Winkekatzen-Installation „The Army Of Luck“ des Konstanzer Künstlers Boris Petrovsky (bp). Fotos davon erschienen daraufhin in zahlreichen regionalen und überregionalen Printmedien. Während sich immer wieder Trauben von Menschen um den Stand der Stuttgarter Galerie Abtart bildeten, die Petrovskys Installation in einer „One-Artist-Show“ präsentierte. Was ist geschehen?

Eine goldglänzende, winkende Glückskatze im XXL-Format, so wie von Petrovsky verwendet, hat in etwa die Dimension eines 1,7 Liter fassenden modernen Wasserkochers. Eine solche Katze allein auf einem Podest winkt wohl das Glück herbei – aber Besucherströme? 520 dieser Katzen dagegen ließ Petrovsky auf einer eigens dafür konstruierten Tribüne Platz nehmen, jeweils 13 von ihnen vertikal und 40 horizontal in einer Reihe; die Tribühne war 8 Meter breit und 3,2 Meter hoch. Fürwahr, eine sehr auffällige, eindrucksvolle Erscheinung.

Doch Petrovsky hieße nicht Petrovsky, gäbe es sonst nichts weiter zu gucken. Gäbe es keine Neonröhren und Laufschriften, etwa, die leuchten und blinken und den Betrachter, ganz im Sinne einer interaktiven Leuchtzeichenmatrix, in das lustvolle wie komplexe Spiel mit Zeichen und Chiffren mit einbeziehen. Oder wie nun die winkenden Glückskatzen aus China, die es buchstäblich in sich haben. Jede von ihnen wurde mit einem eigenen kleinen Elektro-Servomotor bestückt, wodurch das ab Werk stereotype Auf- und Abwinken des linken Arms durch ein intelligentes, systemisch gesteuertes Winken ersetzt werden konnte.

Das einfachste noch war das Öffnen der Katzen, die aus Kunststoff sind. Aufwendig dagegen war das Präparieren. Während die Tribünenteile in einer Fachwerkstatt im pfälzischen Kaiserslautern angefertigt wurden und die Motoren, die sowohl leicht als auch höchst zuverlässig sein mussten, aus Baden-Württemberg kamen, stammten die speziellen Steuerplatinen aus den USA. Jeweils acht Katzen wurden an eine Steuerplatine angeschlossen, und insgesamt 65 Steuerplatinen waren mit der zentralen Recheneinheit verbunden.

Boris Petrovskys Augen glänzen aus purer Freude, und auch ein bißchen Stolz schwingt dabei mit, wenn er im Rückblick darüber spricht. Der bildende und Medienkünstler aus Konstanz schätzt die Zusammenarbeit in kleinen effektiven Teams sehr. Er mag das Zusammentreffen mit anderen Menschen grundsätzlich, mit Spezialisten und Experten auf ihrem Gebiet besonders, Menschen, deren Werk auf solider fundierter Handwerksarbeit beruht, Leute, die Tüftler sind und die auch etwas wagen und Neues ausprobieren wollen, ohne dabei die Sicherheit ihrer Erfahrung außer Acht zu lassen. – Mutig sein ja, nicht leichtsinnig. (In seinem Konstanzer Kernteam sind übrigens von Anfang an dabei Georg Nagel, Programmierung, und Nina Martens, Grafik und Design).

Nicht allein diese beiden Aspekte dürften hauptverantwortlich dafür sein, dass das Publikum in Karlsruhe von Petrovskys Winkekatzen besonders angetan war: durch den Blickkontakt mit den frontal geradeaus schauenden Katzenaugenpaaren und ihren menschlich vertraut wirkenden Arm- und Handgesten. Der Künstler lacht, als er die offene Neugier und den gestischen Nachahmungstrieb insbesondere der Kinder erwähnt, aber auch nicht wenige Erwachsene waren bald darauf auf der Messe zu sehen, die sich wechselseitig mit dem Katzengruß anlachten.

Ein wahrscheinlich eher „Nebenbei“-Aspekt dürfte in der monetäres Glück und materiellen Wohlstand verheißenden Bedeutung und Tradition der asiatischen Winkekatze liegen. Diese stammt übrigens gelegentlich anderslautender Meinung nicht aus China sondern Japan. Dort als „maneki neko“ (winkende Katze) bezeichnet, soll sie ihrem Besitzer materiellen Reichtum herbeiwinken.

Neben den soziokulturellen Aspekten sind es vor allem die künstlerische Idee und ihre systemisch durchdachte sowie technisch raffinierte Umsetzung der Installation, die die Besucher beeindruckt haben dürften. Drei verschiedene Ereignismodi etwa, die vom zentralen Computer aus gesteuert wurden, definierten verschiedene Armbewegungsabläufe. Diese imitierten Besucherbewegungen im Vordergrund oder wanderten als Laufschriften mit Ein- oder Mehrwortbotschaften (wie „Hello“ oder „Have it your way“) quer durch die Katzenreihen hinweg; Besucher konnten ebenfalls Botschaften eingeben lassen. – Genau das dürfte wohl eines der stärksten sichtbaren Erlebnisse sein: dass die synchrone Körperbewegung einer Vielzahl eine als eins erscheinende, homogene Chiffre ergibt, choreografisch vergleichbar einem Wasserballett oder ähnlichem.

Für zusätzliche Verblüffung und Irritationen sorgte Petrovsky, indem er die visuellen Eindrücke mittels 81 unterschiedlicher Audiospuren kontextuell und logisch konterkarierte. So konnte es zum Beispiel passieren, dass eine fröhliche La-Ola-Welle durch „das Katzenstadion“ lief, während im Hintergrund eine Fidel-Castro-Rede schwadronierte.

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