Luther Luther aufs Maul schauen (45): Ist die Jungfrau eine junge Frau?

Martin Luther hat nicht nur die Kirche reformiert, sondern in Teilen auch unsere Sprache

Ein starker Regen wird zum Starkregen, ein guter Mensch wird – politisch unkorrekt – zum Gutmenschen, aber eine junge Frau ist keine Jungfrau, sprachlich gesehen. Unter Christen entzweit die Jungfrau-Frage die Gläubigen und Zweifelnden, als hinge das Heil der Menschen davon ab.

Bischöfe haben Priestern die Erlaubnis entzogen, Studenten zu unterrichten, wenn sie die Jungfrauen-Geburt bezweifelten. Dabei geht es nur um die Übersetzung: Welche ist korrekt? Es gibt Gründe für die „Jungfrau“, es gibt Gründe für die „junge Frau“.

Der Streit dreht sich um einen Satz von Jesaja, eines Propheten, der rund sieben Jahrhunderte vor Christus lebte: „Eine Jungfrau* ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ So die aktuelle Luther-Bibel, 2016 neu übersetzt, doch verwirrend: Der Stern hinter der „Jungfrau“ verweist auf eine Fußnote: „Wörtlich: ‚junge Frau‘“.

Dilemma der Übersetzung

Das hebräische Wort „alma“ bedeutet in der Tat nicht Jungfrau, sondern junge Frau. Warum sind die Übersetzer, wider bessere Einsicht, bei der Jungfrau geblieben? Das Dilemma ist zum einen die Schwierigkeit jeder Übersetzung alter Texte: Wie muss man interpretieren, damit Menschen sie heute überhaupt lesen und verstehen können?

Das Dilemma ist zum anderen: Alle Übersetzungen in zweitausend Jahren haben die Lehre der Kirche beeinflusst. Wer nicht die Jungfrauen-Geburt bekennt, „der sei ausgeschlossen“ – so beschloss schon eine Synode im siebten Jahrhundert. Auch Luther übersetzt noch: „Eine Jungfrau ist schwanger“, und war sicher, er übersetze korrekt: Er hatte wohl nicht in den hebräischen Text geschaut, sondern den griechischen – der schon eine Übersetzung war.

Eine neue, korrekte Übersetzung könnte also einen Pfeiler des Glaubensgebäudes, zumindest des katholischen, zerbröseln: Auch in der neuen katholischen Übersetzung taucht die „junge Frau“ in der Fußnote auf. Deutlich spricht das Dilemma der ehemalige Erfurter Bischof Joachim Wanke aus: „Die Lehre bleibt, da solle man nicht zu viel in diese eine Bibelstelle hineininterpretieren.“

 

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Serie "Luther aufs Maul schauen": 2017 feiern wir in Deutschland 500 Jahre Reformation. An dieser Stelle werden wir das Reformationsjahr mit einer wöchentlichen Kolumne begleiten. In "Luther aufs Maul schauen" erläutert der Journalist und Autor Paul-Josef Raue in einfachen Beispielen, wie Luther die deutsche Sprache geprägt hat und was wir daraus lernen können.
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