Kultur Luther aufs Maul schauen (44): Abraham, Kuckuck und Nachtigall

Was soll Luther schon anfangen mit einem Baum, der Terebinthe heißt, warme Länder mag und weder im Mansfelder Land noch in Wittenberg zu entdecken ist?

Unter dem Schatten des Baums ereignet sich in der Mittagshitze eine der bewegenden Geschichten der Bibel: Gott verspricht dem alten Abraham, seine Ehefrau Sara werde ein Kind bekommen. Sie hört es hinter der Küchentür und lacht: „Nun da ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen.“

Nicht die Wollust, neudeutsch „Liebeslust“, bereitet den Übersetzern Probleme, sondern der Baum. In der „Einheitsübersetzung“ der katholischen Kirche wie in der ökumenischen „Guten Nachricht“ wird aus der Terebinthe, dem typischen Baum der Bibel – eine deutsche Eiche.

Mitte des 18. Jahrhunderts reist der Forscher Abraham von Noroff nach Palästina und sucht nahe Hebron den Ort der „rührenden Erzählung“ um Abraham und Sara. Er findet den Baum, nennt ihn die „palästinische Eiche“, aber stellt klar: Sie wird oft mit der europäischen Eiche verwechselt.

Übersetzung ist Interpretation

Luther, der aus dem Hebräischen übersetzt, ist vorsichtiger: Er lässt den Baum Baum sein, wählt ein Wäldchen als Ort des göttlichen Besuchs und schreibt, so auch die aktuelle Übersetzung: „Der Herr erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war.“

Luther weiß: Ich kann die alten Texte nicht eins zu eins ins Deutsche übertragen. Für ihn ist Übersetzung immer auch Interpretation – oder wie ihm seine Gegner unterstellen: Manipulation. Luther will Zuhörer und Leser gewinnen, nimmt ihre Perspektive ein und geht von ihrem Alltag aus: Menschenversteher und Missionar in einem.

„Lieber Gott“, schreibt er, „ein wie großes und beschwerliches Werk ist es, die hebräischen Schriftsteller zu zwingen, deutsch zu reden. Sie sträuben sich, wollen ihre hebräische Art nicht aufgeben und sich der deutschen Barbarei nicht fügen. Das ist so, als ob eine Nachtigall gezwungen würde, ihre überaus wohllautende Weise aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut.“

 

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Serie "Luther aufs Maul schauen": 2017 feiern wir in Deutschland 500 Jahre Reformation. An dieser Stelle werden wir das Reformationsjahr mit einer wöchentlichen Kolumne begleiten. In "Luther aufs Maul schauen" erläutert der Journalist und Autor Paul-Josef Raue in einfachen Beispielen, wie Luther die deutsche Sprache geprägt hat und was wir daraus lernen können.
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