Karlsruhe Kritiker hielten ihn für geistesgestört

Die Karlsruher Kunsthalle widmet sich der Arbeitsweise von Paul Cézanne

Manche Ausstellungen sind eine sichere Bank. Werke von Paul Cézanne (1839-1906) werden besonders gern gezeigt. Gleich zweimal wurden Bilder geraubt, zuletzt 2008 in Zürich. Sammler zahlen Unsummen für Arbeiten, die zu Lebzeiten des Künstlers Hohn und Spott auslösten. Unter diesen Umständen musste sich Kurator Alexander Eiling, der im Februar als Sammlungsleiter für die Kunst der Moderne ans Städel in Frankfurt/Main zurückkehrt, für seine Abschieds-Präsentation in Karlsruhe etwas Besonderes einfallen lassen. "Cézanne. Metamorphosen" ist die Große Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg in der Staatlichen Kunsthalle betitelt. Mit gezielt ausgewählten, teils hierzulande nie gezeigten Leihgaben lenkt sie das Augenmerk auf die ungewöhnliche Arbeitsweise des Künstlers, der alte wie neue Meister kopierte und sie in seine eigene Bildsprache übersetzte.

Ein seltsamer Mensch muss Cézanne gewesen sein. Heute gilt er als Wegbereiter der modernen Kunst. Um die finanzielle Unterstützung durch den Vater nicht zu verlieren, verleugnete er bis kurz vor dessen Tod die Existenz von Frau und Kind. Dabei hatte der Vater den eigenen Sohn selbst erst Jahre nach der Geburt legitimiert. Mit seinem Schulkameraden Emile Zola brach er, als er sich durch einen Roman dieses wichtigsten Fürsprechers bloßgestellt fühlte. Und als Éduard Manet mit seinem Gemälde „Frühstück im Freien“, das wie auf einem Foto eine Nackte zwischen bekleideten Männern zeigte, ebenso wie seine „Olympia“ einen öffentlichen Skandal auslöste, beeilte sich Cézanne, provokativ ähnliche, aber viel gröbere Bilder zu entwerfen. Kritiker hielten ihn für geistesgestört.

Das Kopieren liebte der Künstler, seit er im Louvre die alten Meister bis ins Detail studieren durfte. Er scherte sich allerdings nicht um herkömmliche Regeln der Kunst. Themen entlieh er, wie in Karlsruhe zu sehen, auch später gern den Ideen der befreundeten Impressionisten. Dabei arbeitete er so langsam, dass Blumen verwelkten, Obst verfaulte – nur Totenschädel blieben beständig. Und die Berge, deren Schichtung ihn faszinierte. Akt-Modelle interessierten ihn nicht – Vorbilder für seine „Badenden“, aber auch für Männergestalten und ihre Posen fand er offenbar in fremden Gemälden. Einen weiblichen Akt hat er, wie man heute weiß, vom Etikett einer Champagnerflasche abgekupfert.

Als (stets bekleidetes) Modell stand Cézanne viele Male seine überaus geduldige Frau zur Verfügung. Er hat sie schlecht behandelt, am Ende sogar zu Gunsten des geliebten Sohnes Paul enterbt. Und doch ist in der Ausstellung eine anrührende Zeichnung zu sehen: Hortenses Gesicht im Kissen mit ernst-träumendem Blick und links daneben, viel größer eingefügt, eine aquarellierte Hortensienblüte. Blätter und Kissen korrespondieren miteinander.

Vorhänge, Teppiche, Stoffe überhaupt, – mitunter in Gips getaucht, damit sie stärker Falten warfen, – forderten Cézanne heraus. Kurator Eiling verweist darauf, dass die über einen Stuhl geworfene zerknauschte Jacke formal den Umrissen des Sainte-Victoire-Gebirges seiner provencalischen Heimat ähnelt, einem anderen Lieblingssujet des Malers. Vor allem aber ist es neben den oft harten Formen der Kosmos der Farben, die er auf seine Weise mischt und schichtet, beides frappierend anders als seine impressionistisch malenden Freunde.

Wichtige Werke fehlen in Karlsruhe, etwa die „Kartenspieler“, die es in fünf Versionen gibt – eine davon wurde für 250 Millionen Dollar nach Katar versteigert. Eiling wählte nach eigenem Gusto – er wollte die „inneren Zusammenhänge“ des Gesamtwerks und damit „einen anderen Cézanne“ zeigen „als den Künstler, der bisher in retrospektiven Ausstellungen erlebt werden konnte“. Das klingt, als hätte er den Tübinger Star-Kollegen Götz Adriani mit seiner berühmten Cézanne-Show aus den 70er bis 90er Jahren übertrumpfen wollen.

Erfolg hat Eiling auf ganz andere Weise. Beharrlichkeit und der gute Ruf der Karlsruher Kunsthalle verhalfen ihm zu spektakulären Leihgaben aus aller Welt. Allein schon für „Mardi Gras“ (1888), ein Riesengemälde aus dem Moskauer Puschkin-Museum, lohnt der Besuch: Im Auftritt von Paul als stolzer Harlekin und seinem Freund als Pierrot, aus den Vorhängen hervor auf die Bühne, ist der ganze Cézanne zu entdecken. Kein Wunder, dass auch aus dem nahen Frankreich Bewunderer in die badische Metropole kommen.

Bis 11. Februar. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2-6. – Die-So, 10-18, Do 10-21 Uhr. Katalog 35€ (im Buchhandel 49,95€). Bilder und Info:www.kunsthalle-karlsruhe.de

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