Allensbach Jazz und Oper – eine Liebesheirat

Der Norweger Håkon Kornstad überraschte auf Schloss Freudental mit einer Verbindung von Tenorsaxophon und Tenorstimme

Daran hat irgendwie noch niemand gedacht – Jazz mit Operngesang zu verbinden. Dabei hat der Spaß am musikalischen Crossover bislang kaum etwas ausgelassen, das sich irgendwie miteinander verheiraten lässt. Klassische Orchester spielen Rocksongs, Jazzer befassen sich mit klassischen Komponisten, Renaissancemusiker mit traditioneller Folklore und Gregorianischer Choral trifft auf Rhythmus- und Nebelmaschine.

Aber das, was der Norweger Håkon Kornstad jetzt auf Schloss Freudental bei Allensbach in seinem Solokonzert zusammenband, war eine nie dagewesene musikalische Paarung. Er spielt Jazzsaxophon und bettet in seine Stücke Auszüge aus Opernarien ein. Und siehe da: was bis dahin vielleicht eines der letzten Crossover-Tabus war, erweist sich als harmonische Verbindung zweier musikalischer Welten, ja geradezu als Liebesheirat.

Das funktioniert auch deswegen so gut, weil sich beide Welten füreinander öffnen. Kornstad ist zwar ein Jazzer, der gerne experimentiert, der auch mal zu einer Flöte greift, ein Klarinettenmundstück darauf setzt und sie zur „Flutenette“ erklärt. Er legt aber immer auch Wert auf sangliche Melodik. Aus der Welt der Oper pickt er sich hingegen weniger die virtuosen Schmetterarien heraus, als vielmehr die Passagen mit Schmelz und Herz. Aus Bizets „Perlenfischern“ etwa oder aus Christoph Willibald Glucks „Paride ed Elena“.

Das Ergebnis ist eine wunderbar verträumte Musik – still, obwohl sie nicht immer leise ist; schlicht, obwohl sie nicht einfach ist; und voller Schönheit, obwohl sie nicht unbedingt auf eine perfekte Oberfläche zielt. Man muss weder Opern- noch Jazzfan sein, um das schön zu finden. Man muss sich einfach nur tragen lassen von der emotionalen Qualität dieser Musik.

Wie all das nun als Solokonzert, also ohne Begleitung funktioniert? In dieser Hinsicht lässt Kornstad Alleinunterhalterqualitäten im besten Sinne erkennen. Er hat ein kleines Maschinchen dabei, eine Loop-Maschine etwas älteren Datums, die, wie er anmerkt, nur 32 Megabyte Speicherleistung habe. Das zwinge ihn zum Minimalismus. Doch der ist natürlich keine Notlösung, sondern so gewollt.

Jedenfalls nimmt Kornstad mit seinem Maschinchen Phrasen seines Saxophons auf, die dann in der Wiederholungsschleife mal rhythmisch leicht pulsieren, mal ein harmonisches Ostinato bilden, auf dem sich Kornstads Stimme weich bettet. Die Musik beginnt zu fließen – und das Publikum zerfließt grad mit.

Es gehört wohl zur Identität eines norwegischen Musikers, die nordische Einsamkeit mit in die Musik zu packen. Nicht ohne Grund nennt Kornstad Jan Garbarek als eines seiner Vorbilder – obwohl seine Musik alles andere als ein Garbarek-Veschnitt ist, im Gegenteil zu einer ganz eigenen Originalität gefunden hat. Und egal, ob Kornstad französische oder italienische Arien wählt, in seiner Adaption holt er sie zurück in die Weite Norwegens.

Drei Zugaben fordert das restlos begeisterte Publikum von Kornstad ein. Als letzte spielt er eine Adaption einer Arie aus Jules Massenets „Manon“. Wie eine stille Weise wirkt sie nun – wie ein Wiegenlied, mit dem dieser bemerkenswerte Musiker sein Publikum in eine sternklare Oktobernacht entlässt.

Zur Person

Håkon Kornstad, 1977 in Oslo geboren, studierte Jazzsaxophon in Trondheim. Seine Liebe zur Oper entdeckte er spät – und quasi gegen die eigene Überzeugung. Als 32-Jähriger hielt er sich in New York auf, um, wie er erzählt, aus seiner Komfortzone heraus und zu neuen musikalischen Impulsen zu finden. Eines Tages begleitet er einen Freund in die Met. Und während er zunächst noch über die wunderlich gekleideten Damen dort staunt, haut ihn im nächsten Moment der Operngesang um. Noch in New York sucht er eine Gesangslehrerin auf – die ihm sagt, irgendwo in ihm stecke eine Stimme. Es folgt ein komplettes Gesangsstudium. Inzwischen übernimmt Kornstad auch Opernpartien. Vor allem aber hat er als Tenor mit dem Tenorsaxophon eine ganz eigene Musik gefunden. (esd)

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