Kultur In Würde leben

Ambitionierte Fotografie-Ausstellung im BildungsTURM in Konstanz: „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen & Du“

Das alte chinesische Sprichwort „Frauen tragen die Hälfte des Himmels“ ist zu einer Maxime westlicher Frauenbewegungen geworden. Es ist zu finden bei der Forderung zur gleichberechtigten Teilhabe in der Gesellschaft, Verbesserung weiblicher Lebensverhältnisse oder im Kampf gegen Gewalt. „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen & Du“ ist auch der Titel der derzeitigen Ausstellung im Bildungsturm Konstanz. Gezeigt werden Porträts von Frauen, die zusammen mit Hör-Interviews über Stolz und Selbstwertgefühl sowie Gewalterfahrung und Demütigung berichten. Das Konstanzer Frauenhaus, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist Initiator der Wanderausstellung; unterstützt wird es dabei vom Amt für Schulen, Bildung und Wissenschaft.

Als Alice Schwarzer 1975 in ihrem Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ häusliche Gewalt und sexuelle Unterdrückung anprangert, kommt es kurz danach zu den ersten Frauenhausgründungen. In Konstanz kann sich die Idee, körperlich oder seelisch misshandelte oder bedrohte Frauen und ihre Kinder zu schützen, erst 1994 durchsetzen. Heute kann das Frauenhaus rund zehn Personen unterstützen, die Aufenthaltsdauer reicht von einer Nacht bis mehrere Monate. Die Mitarbeiterinnen unterliegen der Schweigepflicht. Auf der Webseite http://www.frauenhaus.awo-konstanz.de/ sind die wichtigsten Informationen aufgeführt. Den hilfesuchenden Frauen wird empfohlen, in Notsituationen nicht zu zögern und unter der Telefonnummer 07531/15728 direkt um Rat zu fragen. Die Adresse ist aus Schutz vor Verfolgung anonym. Derzeit leisten drei 60-Prozent-Kräfte die anfallenden Arbeiten. Eine personelle Aufstockung wäre wünschenswert, doch auch im Jubiläumsjahr sind die Finanzen Anlass zur Sorge.

Die Hilfsbedürftigen entstammen allen sozialen Schichten. Gewalt ist kein individuelles Problem; auf der Webseite des Frauenhauses heißt es, dass weltweit jede dritte bis fünfte Frau im Laufe ihres Lebens in einer intimen Beziehung vom Partner misshandelt wird. In Deutschland spricht man von 25 Prozent sexueller Übergriffe. Doch Zahlen sind der PR-Beraterin und leidenschaftlichen Fotografin Annette Schiffmann, die diese Schau zusammengestellt hat, nicht aussagekräftig genug. Sie sucht nach einem Weg, Statistiken ein Gesicht und eine Geschichte zu verleihen. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, hält sie darum nach Frauen Ausschau, die sich fotografieren und interviewen lassen. Sie findet 99 Frauen aller Altersgruppen, deutscher oder ausländischer Herkunft, die über die Republik verteilt leben und in verschiedenen Berufen arbeiten, beispielsweise als Verkäuferin, Frisörin, Pfarrerin, Hausfrau oder Prostituierte. Oft genug zerstört erlittene Gewalt das Selbstbild der Opfer. Schiffmann ist es darum wichtig, die Protagonisten nicht auf ein Opfer-Sein zu reduzieren, sondern eine wertzuschätzende Persönlichkeit zu zeigen, die sie selbstverständlich trotz negativer Erfahrungen geblieben sind. Die Fotografierten blicken meist offen, hoffnungsvoll und freudig in die Kamera, viele sind eingebettet in ihr persönliches Umfeld.

Die eindrücklichen Farbporträts entstanden während der Interviews. Fünf Fragen stellte Schiffmann jeder Protagonistin, darunter: Worauf sind Sie in Ihrem Leben stolz? Sind Sie jemals mit Gewalt in Berührung gekommen? Was wünschen Sie sich von der guten Fee, damit unsere Mädchen und Jungen in Würde leben können? Die Antworten zur Gewaltfrage spiegeln die in der Wissenschaft bekannten Zahlen, so waren 19 Prozent keiner Gewalt ausgesetzt, 23 Prozent wurden vergewaltigt und 14 Prozent als Kind missbraucht.

Schiffmann, Jahrgang 1954 lebt in Heidelberg. Schon in früheren Ausstellungsprojekten kämpft sie gegen Missbrauch und Krieg und unterstützt Aktivitäten zur Freilassung unschuldig Inhaftierter. In dieser Ausstellung legen sich Schiffmanns Fotografien wie ein Fries um die Wände des Bildungsturms. Mit der attraktiven Präsentation hat sie einen subtilen Weg beschritten, auf Gewalt und mangelnde Gleichberechtigung aufmerksam zu machen. Vergleichbar dem bereits genannten Bestseller Schwarzers, ist es auch Schiffmann gelungen, dass sich Besucherinnen von den Erzählungen der Interviewten angesprochen fühlen. Die Nähe zum Lebensalltag macht die Schau sehenswert für Frauen wie für Männer.

„Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen & Du“

Ort: BildungsTURM, Kulturzentrum am Münster, Konstanz. Di bis Fr 10-18 Uhr, Sa bis So 10-17 Uhr. Bis 30. Juli. – Eintritt frei

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Kino
Musik
Gegenlicht
Berlin
Theater
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren