Kultur Im Midtempo zu großen Gefühlen

Als die Gallagher-Brüder noch mit ihrer Band Oasis die englischen Stadien füllten, war die Rollenverteilung klar. Liam, der Sänger, gab mit großspuriger Breitbeinigkeit das Rockgroßmaul, das sich durch die Zeitungen und Fehden mit anderen Bands pöbelte, während Noel den meist ruhigeren Gegenpart bildete und sich eher darauf konzentrierte, als musikalisches Mastermind die meisten Songs zu schreiben.

Noel Gallagher's High Flying Birds. Sour Mash Records/Indigo, Preis: 14 Euro.
Noel Gallagher's High Flying Birds. Sour Mash Records/Indigo, Preis: 14 Euro.

Trotz des einen oder anderen heftigen Krachs und Beinah-Splits ging das fast anderthalb Jahrzehnte gut – eine Zeit, in der sie an ihrem Status als Britpop-Legenden werkeln konnten und ganze Generationen mit Hymnen wie „Wonderwall“ oder „Don't Look Back In Anger“ versorgten. Aber dann, eines Tages im August 2009, platzte Noel vor einem Festivalauftritt doch endgültig der Kragen: Es war ein Streit, eine Bruderzwistigkeit zu viel und eine zertrümmerte Gitarre später war Oasis plötzlich Musikgeschichte.

Nun sind beide Solo unterwegs: Nachdem Liam bereits vor einigen Monaten mit seiner Band Beady Eye vorgelegt hat, folgt jetzt Noel mit „Noel Gallagher's High Flying Birds“. Zehn Songs sind auf dem Longplayer zu finden, von denen ein paar noch in der alten Oasis-Zeit geschrieben wurden. Und auch sonst findet man von der melancholischen Grundfärbung über manch 60ies-Einfluss bis zu den sich eingängig euphorischen Refrains hier musikalisch einiges, was an seine Ex-Band erinnern lässt. Statt aber die typischen Gitarrenwände aufzutürmen, werden Songs wie „Everybody's on the Run“ eher mit dramatischen, sehnsuchtsvollen Streichern und Backgroundchören auf Breitwand gezogen. Während Noel, sonst beim Einsatz am Mikro sehr zurückhaltend, mit seinem Gesang dabei den Drive seines Bruders nicht wirklich vermissen lässt, beschwört er mit wenigen beschleunigt angetriebenen Ausnahmen im entspannten Midtempo entsprechend große Gefühle: die Liebe, das Durchkämpfen und Fluchtbewegungen aus dem Alltag. Mal geht es um die Schwierigkeit zusammenzubleiben, mal geht es gemeinsam gegen den Rest der Welt, um gegen die Unwetter zu bestehen, die sich immer wieder mächtig zusammenbrauen.

Wie gut es Noel nach wie vor beherrscht, solche Emotionen in oft in hymnisch kraftvollen Gitarrenpop zu verpacken, zeigt er auf diesem Album gleich mehrfach – und schlägt dabei manchmal ungewohnte Richtungen ein wie in „The Death of You and Me“, in dem sich der finstere Titel in gutgelauntem Ragtime mit stampfendem Rhythmus und jazzigen Bläsern auflöst. Anders klingt das, aber letztlich doch, wie das ganze Album, seltsam vertraut – und nicht schlechter als zuletzt noch mit dem dauermaulenden Bruder an seiner Seite. (sre)

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