Kunst Im Land der Erinnerung

Werkstattbesuch: Der Konstanzer Künstler Wolfgang „Atalanta“ Glöckler hat sich in die Vogesen zurückgezogen. Eine Wiederbegegnung nach dreißig Jahren

Unsere letzte Begegnung liegt dreißig Jahre zurück. Dass wir uns noch einmal wieder sehen sollten, damit konnten wir beide nicht rechnen. Schuld ist Heidi Frehland. Sie bat mich darum, die Ausstellung mit Werken von Wolfgang Glöckler in ihrer Galerie Bagnato in Konstanz-Oberdorf zu eröffnen. Machte ich, aber nicht ohne den Künstler vorher in seinem Atelier zu besuchen. Glöckler lebt nicht gerade um die Ecke. Der Konstanzer hat sein Haus in Rupt sur Mosell, in den Vogesen, mehrere Autostunden von seinem Geburtsort entfernt. Der Einfachheit halber habe ich die Galeristin begleitet, die am Moselursprung noch eine Bilderwahl treffen wollte.

Es regnet, als wir die Reise in Konstanz antreten. Es regnet auch noch in den Vogesen. Glöckler lebt in einem Haus, das bessere Zeiten gesehen hat. Üppiger Bambuswuchs im Garten. Mittendrin ein weißes Partyzelt, ein Gruß vom letzten Sommer. Der Künstler hat sich im Erdgeschoss eingerichtet, er ist 77 und in seinem Bewegungsradius eingeschränkt. Er schläft viel, sagte Vera, seine Muse. Wir trinken zur Begrüßung „Cremant“. Vera hat eine Linsensuppe vorbereitet. Wir essen in der Küche mit dem großen Kamin, in der – wohl wegen der Kälte draußen – viele Topfpflanzen stehen.

Wolfgang Glöckler erkennt mich nicht sofort. 30 Jahre… Später sagt er, glaubwürdig, dass er sich doch an mich erinnere. Es war in den 70er-Jahren, als wir uns in Karlsruhe kennen lernten. Dort hatte er studiert – zuletzt als Meisterschüler von Horst Antes. Unsere Treffen ergaben sich eher zufällig. Einmal bat er mich um einen Text für eine Ausstellung. Ich schrieb was, aber es gefiel ihm nicht. Jetzt, in der Küche, sagt er, dass ich damals einen Zusammenhang zwischen seinen Bildern und dem Bodensee geknüpft hätte. Aber der See habe nie eine große Rolle in seinem Werk gespielt. Beides ist wahr…

Nach der Suppe wählt Heidi Frehland Bilder aus – die erste Glöckler-Ausstellung in Konstanz, erfahre ich, besorgte 1964 Ulrich Leiner, seinerzeit Vorsitzender des Kunstvereins. Das Atelier unter dem Dach betritt Glöckler nicht mehr. Schon die Treppen zu steigen bereite ihm Probleme, sagt Vera. Begonnene Werke, davon stehen einige herum, werden unvollendet bleiben, die Gläser mit Farbpigmenten unberührt, die Tische unaufgeräumt. Eine große Verlassenheit durchströmt das Atelier. Als sei alles schon Geschichte.

Glöckler ist nicht mehr in der Lage, größere Bilder zu erarbeiten. „Zu anstrengend“, sagt er knapp. Er zeichnet nur noch mit Kugelschreiber oder mit bunten Stiften in Schulhefte – Henri Matisse, als er alt war, schnitt Collagen. Vera zeigt uns Kunstbücher, die Glöckler vor kurzem geschaffen hat: wunderbare, farbenfreudige Aquarelle. Einige der Figuren-Motive hat sie auf eine große Leinwand drucken lassen, die im Schlafzimmer des Künstlers eine Wand verhängt.

Schon damals, als ich Glöckler zum ersten Mal traf, signierte er seine Bilder mit „Atalanta“. Atalanta oder Atalente, Tochter der Klymene, ist eine Figur aus der griechischen Mythologie und Heldin in Erzählungen aus Böotien und Arkadien. Die Jägerin steht für eines dieser Paradiese, in der der menschliche Traum von der Einheit in grenzenlosen, idyllischen Räumen noch nicht durch Zeit, Arbeit und Trennungsschmerz zerstört ist. Mit Ernst Bloch könnte man auch von „Heimat“ sprechen – „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“

Angeblich wurde die Zuneigung zu Atalanta durch ein Groschenheft ausgelöst, das Glöckler bei einem Trödler fand. Die Vorderseite zierte ein Rückenakt mit Tätowierungen auf der Haut, gemalt in einem romantischen Blau. Der Name der Dame: „Atalanta“… Blau überschwemmt übrigens viele Arbeiten Glöcklers. Die Farbe des Himmels und des Meeres steht für Entgrenzung.

Atalanta ist sein alter Ego. Sie hat in seinem Leben immerzu an Bedeutung gewonnen. Es gibt Briefe von Atalanta, Tagebücher. In Rupt sur Mosell gibt es einen Schrank voller Devotionalien. Atalanta ermöglichte Glöckler das Eintauchen in das „Land der Erinnerung“, das seinen enormen Schöpfungsprozess angetrieben hat – die Produktion von Bildern, Keramiken und Skulpturen.

Das Projekt Atalanta hat aber auch einen Reinigungsprozess erfahren. Glöckler beschränkte sich bald nicht nur auf die mythologische Figur, sondern er verknüpfte unterschiedliche Traditionsstränge und -fäden in ein dichtes Gewebe, das, wie Uwe Steiner in einem Essay notierte, „die dunkle Tiefe der Zeit zu vergegenwärtigen und in die Gleichzeitigkeit des Bildraums zu versammeln weiß.“ Anders gesagt: Glöckler suchte und fand labyrinthische Formen, Chiffren und aztekisch anmutende Figuren, die uns einen Schlüssel zur mythischen Vorzeit aller Kreaturen an die Hand zu geben scheinen. Auch an Pfaue oder Flamingos erinnernde Vögel besetzen seine Bildträume.

Seit Ende der 90er-Jahre signiert er seine Bilder mit „Atalanta – Lorraine“. Der Zusatz, so traumverloren er klingt, hat zu tun mit seinem Umzug nach Rupt sur Moselle. Der Ort in den Vogesen liegt im Bezirk Lothringen, französisch Lorraine.

Wir verabschieden uns bald. Die Rückfahrt erfolgt über Freiburg. Wir legen einen Zwischenstopp in Himmelreich ein. Unsere Gedanken sind in Rupt sur Mosell. Glöcklers Zeichnungen in den Schulheften, fällt mir ein, haben etwas von einem Nachruf auf das eigene paradiesische Werk. Und dass er weiter macht, täglich, ist das nicht wahre Künstlerschaft? „Kein Tag ohne Linie“, notierte Paul Klee, als ihm mitgeteilt wurde, dass er schwer erkrankt sei. Das gilt auch für Wolfgang Glöckler. Respekt!

Die Ausstellung mit Werken von Wolfgang Glöckler ist noch bis zum 19. Februar in der Galerie Bagnato in Konstanz-Oberdorf zu sehen. Vorherige Anmeldung notwendig: Tel. 07533/1393 und info@galerie-bagnato.de

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