Kultur Im Gegenlicht: Ein Mann auf den Spuren von Karl Lagerfeld

Warum sind viele Männer heutzutage so schlecht angezogen? Weil sie niemand mehr berät zwischen Ramsch, Wühlkisten und regulärer Ware. SÜDKURIER-Redakteur Uli Fricker hat sich dazu so seine Gedanken gemacht.

Lange Jahre sah Kropotkin aus wie ein Gammler. Seine Kleidung bezog er aus Zweite-Hand-Läden. Er kaufte dort Sachen für wenige Euros, die ihm zufällig in die Finger kamen. Eine Schlaghose kombinierte er bedenkenlos mit einer Rentnerweste mit 16 Taschen. Wie eine in die Jahre gekommene Vogelscheuche stolzierte er durchs Leben, teils belächelt, teils bewundert.

Dann betrat er erstmals die Herrenabteilung eines Kaufhauses (nachdem man ihn aus der Damenabteilung vertrieben hatte). Er sah Hosen auf Stapeln und Dutzende grauer Anzüge auf Stangen. Er suchte Rat, doch niemand wollte ihm bei der Anprobe helfen. Die erste Angestellte wimmelte ihn ab mit den Worten: „Ich habe Schichtwechsel.“ Die zweite flog an ihm vorbei und sagte: „Muss an die Kasse.“ Die dritte rief ihm zu: „Bin erst in Ausbildung.“ Die vierte endlich konnte ihm im Vorbeiwehen die Richtung andeuten, in der er die reduzierten Hosen fand. Immerhin.

Kropotkin war das eine Lehre. Viel Ware, keine Infos. Das war also die deutsche Dienstleistungswüste, durch die sich der Kunde schleppt. Nun ist mein Freund Kropotkin ein Mann der Tat. Er klagte nicht über abwesendes Fachpersonal, sondern wühlte sich in die Materie ein. Stundenlang spechtete er in der Herrenabteilung herum. Er lernte Konfektionsgrößen auswendig, unterschied Tweed von Baumwolle, strich über Borten und Leisten. Er prüfte Stoffe, rechnete verrückte britische in deutsche Konfektionsgrößen um. Alles im Kopf, obwohl ihm sein piependes Sam Sung hätte helfen können.

Der Erfolg blieb nicht aus. Hilfesuchend wandten sich immer mehr Verwirrte an ihn. Einem Herrn aus den Emiraten diente er eine blaue Badehose an. Den Schweizer steckte er in einen Anzug aus grobem Karo (Modell Dobrindt), stark heruntergesetzt. Die Hosen waren deutlich zu lang, doch konnte man die Enden bequem umkrempeln. Das trägt man so. Einem Schwaben warf er solange Cordhosen in die Umkleidekabine, bis dieser kapitulierte und die senfgelbe Variante nahm. Einen Touristen musste er in die Kinderabteilung schicken.

Seine größten Triumphe feierte Kropotkin beim Schlussverkauf. Im Sommer und Winter wurden noch immer Paletten aufgestellt mit reduzierter Ware. Alles muss raus, und das Publikum sollte rein in die Kaufhalle, um den letzten bunten Zipfel zu ergattern. An den Wühlkisten wurde er zum Menschenkenner. Er sah den Reichen beim Fischen und Feilschen zu; er beobachtete Arme mit Hang zur Verschwendung.

Eines Tages kam sein ehrenamtlicher Einsatz zu einem jähen Ende. Es war Montag, als Kropotkin dieses Mal in der Jackett-Abteilung seine Dienste anbot. Als selbsternannter Modeberater hatte er einem Italiener eben zu einem Sakko im Tigermuster verholfen, als ein Mann auf ihn zukam. Er war nervös. Aus guter Verkäufergewohnheit zwängte ihn Kropotkin in eine Jacke mit Blümchenmuster und roten Nähten. Ein Fehler. Der verdrießliche Herr war der Geschäftsführer. Kropotkin wollte alles erklären.

Ohne Erfolg. Dieser Tag war sein letzter, und der Freund der Kreuznaht flog aus dem Kaufhaus. Nun würden wieder ratlose Menschen vor chinesischen Textilbergen stehen. Kropotkin wird sich nach einem anderen Schuppen umsehen. Vielleicht ein Outlet-Center. Dort war der Schrei nach qualifiziertem Rat noch größer.

ulrich.fricker@suedkurier.de

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