Stuttgart Heute handeln für die Welt von morgen: Stuttgarter Schau über das Denken des Alexander Kluge

Eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein entschlüsselt den Kosmos des Filmemachers – Schritt für Schritt

Alles hängt mit allem zusammen. Dieser Eindruck lässt sich gewinnen angesichts der Ausstellung „Alexander Kluge: Gärten der Kooperation“ im Württembergischen Kunstverein (WKV) Stuttgart. Basierend auf der 2016 im Kunstzentrum La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona gezeigten Schau, haben die Direktoren des WKV Iris Dressler und Hans D. Christ gemeinsam mit Kluge einen eigenen Zugang zum Werk des Schriftstellers, Filmemachers und Theoretikers erarbeitet.

Auf die Schnelle ist die Ausstellung nicht zu entschlüsseln. Und das ist gut so. Denn es lohnt sich, sie Schritt für Schritt zu erschließen. Sind es doch nicht nur die großen Zusammenhänge, die hier einen ganz neuen Blick auf die Welt eröffnen.

Das Besondere der Sichtweise des sonst in Spielfilmlänge produzierenden Kluge besteht darin, die Hauptaussage oder, wie er selbst sagt, „den Kern“ herauszustellen und damit ein Detail anschaulich zu machen: Unermüdlich sucht der Stummfilmliebhaber Kluge mithilfe eigener und fremder Filme und Videos, mit Grafiken, Dokumenten, Skulpturen, Audio-Installationen und Auszügen aus seinen literarischen Werken Verbindungen zwischen den Dingen, schafft Stationen und Plätze, die in Stuttgart Inseln heißen. Doch sind diese sieben Etappen keine Insellösungen, sondern gehen ohne Grenzen ineinander über und schaffen Klarheit zu Meldungen, politischen Inhalten und geschichtlichen Ereignissen quer durch die Menschheitsgeschichte.

Mit Afrika klingen Themenkomplexe wie Sklaverei, Kolonialisierung und Befreiungskämpfe an, von wo der Weg zur Oper führt, zu Meyerbeers „Die Afrikanerin“ und Puccinis „Madame Butterfly“. Die wiederum leiten über zu einer Aufführung von Shakespeares „Othello“ mit lebenden Marionetten in Pasolinis Kurzfilm „Was sind die Wolken?“ von 1968. Vom erbosten Publikum getötet und auf einer Müllhalde entsorgt, werden die Menschen an Fäden beim Blick gen Himmel zu fühlenden Lebewesen, die erkennen, dass es gilt, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Kluges Appell an die Gesellschaft, sich nicht den Umständen zu ergeben, sondern zu handeln, ist offensichtlich. Eine Insel zu historischen Scheidepunkten ist eine der Konsequenzen; eine andere verbindet Kapitalismus und Revolution, den Geist von Marx, Engels und den vielfältigen Begriff der Arbeit und eröffnet neben dem Gedanken der Gemeinsamkeit jenen der Emanzipation.

Bequemlichkeit herrscht hier ebenso wenig wie Stillstand; statt Antworten zu geben wirft Kluge Fragen auf danach, wie der Mensch in der Vergangenheit hätte handeln können, um in der Zukunft nicht die Probleme zu haben, vor denen wir heute stehen. Immer wächst etwas in diesen prägnanten, auch poetischen Gärten, und sei es die Erkenntnis des Besuchers, der zu einem Teil des Ganzen wird. Mit seinen assoziativen Bildertafeln, die an den Kunsthistoriker Aby Warburg erinnern, verschmelzen Geschichte, Gegenwart und Zukunft zur Aufforderung, die da lautet: Heute handeln für die Welt von morgen.

Württembergischer Kunstverein, Stuttgart: bis 14. Januar 2018, täglich außer Montag von 10-18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Kontakt: 0711 223370, www.wkv-stuttgart.de

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