Konstanz Geiz schafft noch mehr Geiz

Mit Wolfram Mehrings Familienstück „Ein Kranich im Schnee“ geht das Theater Konstanz zu Weihnachten der Geldgier auf den Grund

Ganz schön mutig: Das Weihnachtsmärchen am Theater Konstanz dürfte diesmal kaum jemand kennen, das Publikum hat darin wenig zu lachen, und statt Aktionismus gibt es leise Dialoge. „Ein Kranich im Schnee“ lautet der Titel dieses Stücks, das Wolfram Mehring nach einer alt-japanischen Legende geschrieben hat.

Es geht darin um den Menschen in seinem Geiz und seiner Güte. Vor allem aber geht es um einen Kranich. Wir sehen ihn, verkörpert von Jana Alexia Rödiger, gleich zu Beginn wunderbar grazil und ganz ohne Anschein von Albernheit auf der Bühne umherfliegen. Im Hintergrund zeichnet sich unter dem Halbmond die Silhouette des Fujiyama ab, links sehen wir ein Haus fernöstlicher Bauart: Keine Frage, wir sind in Japan (Bühne: Kyoko Shinkai).

Ein Jäger (Ralf Beckord) ist dem Kranich auf den Fersen, schon hat er ihm einen Pfeil in den Rücken geschossen. Zum Glück ist der alte Ojisan (Andreas Haase) zur Stelle, der gerade im Wald Holz sammeln wollte. Er zieht dem Kranich den Pfeil aus den Federn, pflegt ihn wieder gesund und kehrt schließlich zurück ins Haus: ohne Holz, aber mit einer guten Tat.

Weil man von guten Taten allein jedoch kein Haus warm halten kann, ist Ehefrau Obasan (Claudia Knupfer) wenig begeistert. Zu allem Überfluss steht bald auch noch der Jäger vor der Tür und fordert Schadenersatz: für den entflohenen Kranich. Wo aber sollen die armen Leute das nur hernehmen?

Wie gut, dass bald die geheimnisvolle Yuki um eine Herberge bittet. Schon bald zeigt sich nämlich, über welch magische Kräfte sie verfügt: Sie webt den armen Leuten prachtvolle Kimonos. Damit sollte der geizige Jäger wohl zu besänftigen sein. Doch es ist eine seltsame Sache mit dem Geiz: Wer ihn zu stillen versucht, facht ihn im Gegenteil nur umso mehr an. Zu allem Überfluss ist die Gier nach dem Geld auch noch ansteckend. Wer sich mit Geizigen abgibt, ob freiwillig oder nicht, der kann bald selbst von Münzen und Scheinen nicht mehr genug bekommen. Und so lässt sich der arme Ojisan vom bösen Jäger dazu überreden, ein Tabu zu brechen. Heimlich beobachtet der die rätselhafte Yuki beim Weben ihrer Kimonos. Dabei hatte sie doch genau das streng verboten.

Mehring, der in Konstanz sein Stück auch selbst inszeniert hat, erzählt das alles mit leisen Tönen und schlichten Bildern. Dass es sich bei der geheimnisvollen Besucherin Yuki wohl um den geretteten Kranich in menschlicher Gestalt handelt, verrät mal ein versehentlicher Vogelschrei, mal ein kleiner Versprecher („Meine Familie ist fortgeflo..., äh gegangen!“). Bei Schneefall wandelt eine Flocken werfende Göttin über die Bühne. Und bei Sturm sorgt eine schwarze Gestalt am Schlagwerk (Jörg Walesch) für die lautmalerische Umschreibung.

Das alles ist wunderbar unaufgeregt und von traumhafter Ästhetik. Allenfalls mutet die allzu klare Verteilung von Gut und Böse über weite Strecken etwas holzschnittartig an.

Wer über die darstellerischen Leistungen spricht, muss diese vom Stück und der Regie vorgegebene Eindeutigkeit mit bedenken. Ralf Beckord gelingt es immerhin, den Bösewicht trotz allem noch als Mensch erscheinen zu lassen. Und Andreas Haase zeigt im alten Mann mit dem guten Herz durchaus Momente des Wankelmuts auf. Sehr schön dezent und frei von jedem Kitsch – das ist bei dieser Rolle gar nicht so selbstverständlich – spielt Jana Alexia Rödiger den Kranich, der auch Yuki ist. So flüchtig mutet diese Erscheinung an, dass die alten Eheleute sich am Ende fragen dürften, ob sie ihr etwa nur im Traum begegnet sind.

Statt auf ein Happy End sollte man sich eher auf einen Anflug von Tragik einstellen. Und gerade das macht diese Produktion so wertvoll. Mag auch manche Hoffnung auf krawallige Komik und grelle Effekte enttäuscht werden: Kinder erfahren hier die dunkle, kontemplative Seite des Theaters. Eine Seite, die in den üblichen Weihnachtsmärchen von Pippi Langstrumpf bis Räuber Hotzenplotz nicht immer Beachtung findet.

Kommende Vorstellungen: am 19. November um 11 Uhr sowie vom 27. November bis 1. Dezember täglich um 9.30 Uhr und 11.30 Uhr. Weitere Informationen unter:www.theaterkonstanz.de

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