Kultur Gediegene Geschichten

Poetische Prosaminiaturen von Walle Sayer

„Feinarbeiten“ nennt Walle Sayer, Gast der diesjährigen „Erzählzeit ohne Grenzen“, die Gattung seiner Texte, die nur wenige Zeilen lang sind und selten mehr als eine Druckseite. Sie erzählen nicht Handlungen und sind dennoch geschichtenträchtig. Denn Sayer schaut genau hin, hört genau zu, kruschtelt in den hintersten Ecken alter Schubladen und in den schon fast versunkenen Erinnerungsgründen. Und was er da findet, breitet er aus und benennt es. Die Gegenstände werden lebendig, wenn ihnen ungewöhnliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. Im Text „Kleinformatig“ erfasst Walle Sayer die Malweise Jakob Bräckles in dreizehn Zeilen. Wunderbar beschrieben die Szene, in der eine/r was sucht und im Verlauf des Suchens vergisst, was es gewesen ist.

Und immer wieder Reaktionen auf Literatur, zum Beispiel in „Leserausweis“, wo beschrieben wird, wie man im Lesen „zwischen Buchdeckeln die Wüsten durchqueren“ kann, „fernhin, wo die Eyach in den Missisippi fließt“. Einmal verrät sich der Erzähler: „Daß ich halt Sinneseindrücke sammle“ – übrigens steht das so im Text. Sayer schreibt noch so wie vor der Rechtschreibreform, das „paßt“ der „Stoffetzen“, und bei „Einbleuen“ stutzt man als Leser schon. Im Text „Der Übersetzer fragt nach“ kommen lauter alte, ungebräuchlich gewordene Wendungen vor: „zerdätscht“ und „verlickern“, „Finanzheini“ und „Fasnetsversehrte“, und was ist mit „verseckeln“ gemeint?

Wunderbar ist das Kapitel „Zeitungsausschnitte sammeln“, besonders die Funde aus dem „Raritätenkabinett der Kleinanzeigen“. Walle Sayer registriert Veränderungen allerorten, der „Sohn des letzten Landwirts“ sucht inzwischen „nach den verschlagenen Golfbällen des Tages“, während der Großvater vom Landjäger etwa gleich viel erhielt „für einen Schermausschwanz“.

Der Rezensent kann kaum aufhören zu zitieren. Das schmale Buch passt gut in die Tasche und taugt für immer neue Lektüren, man wird stets lächeln und klüger werden, welche Seite auch immer man aufschlägt. Auch wenn es zwischen alle Genres fällt: sehr empfehlenswert!

Walle Sayer liest am Sonntag, 10. April, 18 Uhr, im Rahmen der „Erzählzeit ohne Grenzen“ gemeinsam mit Rainer Wochele im Weingut Lindenhof im schweizerischen Osterfingen (Dorfstraße 19). Weitere Informationen im Netz:

www.erzaehlzeit.com

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