Ostrach „Für mich ist es ein Lustprinzip“

Werkstattgespräch: Für den Künstler Nikolaus Mohr ist Kunst ein Abenteuer. Aber wenn sein Erfolg zu groß wird, wird er skeptisch

Bei genauer Betrachtung war es ausgerechnet seine Abscheu vor dem Sportunterricht, die Nikolaus Mohrs Laufbahn als Künstler den entscheidenden Schubser verlieh. Gepiesackt vom verhassten Sportlehrer, unterdrückt vom erbarmungslosen Regelwerk des pietistischen Internats, auf welches ihn sein Vater gegen seinen Willen geschickt hatte, blieb dem jungen Nikolaus nur der Rückzug in die kreative Gegenwelt. Gemeinsam mit einem Internatskumpel, der ihn in den Kosmos des Fotografierens einführte, gründete er eine Anti-Fußballzeitung – eine naive Ansammlung von platten Witzen und skurrilen Skizzen, meint Mohr heute, aber eben auch sein erstes echtes Werk. Mohrs Interesse am wilden Experimentieren war geweckt.

Das erkannte auch sein Kunstlehrer, der für Nikolaus Mohr einen Gegenentwurf zum steifen und autoritären Internatskosmos darstellte. Er förderte den Jungen gezielt, und ab da gab es nur noch ein Ziel: Kunst! Machen. Begreifen. Verstehen. Und wieder von vorne. Mohrs Vater war von den Plänen seines Sohnes zunächst ganz und gar nicht begeistert und jagte Nikolaus beinahe vom Hof, als dieser ihm erklärte, er würde sich gerne zum Töpfer ausbilden lassen. Auch das Kunststudium kam nur infrage, wenn es mit der Aussicht auf eine spätere Anstellung als Lehrer gekoppelt war. Schließlich meldete er sich als „uninformierter und unwissender Simplizissimus“ aus dem schwäbischen Oberland zur Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Akademie Stuttgart an und fand dort in Professor Moritz Baumgartl einen Förderer und Freund.

Wer in Nikolaus Mohrs Arbeiten eintauchen will, der kann sich auf eine längere Expedition einstellen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat der in Ostrach lebende Künstler ein komplexes, Werk geschaffen, das sich keiner durchgehenden Bildsprache verschrieben hat. Mohr, das betont der Künstler immer wieder, lässt sich nicht auf ein spezielles Konzept festnageln. Es gibt keine Essenz. Nur den stetigen Wandel, der sich in verschiedenen Schaffensphasen und in der intensiven Arbeit an konkreten Projekten offenbart. Aber auch eine spürbare Lust am Kontext und Diskurs, am Suchen und Sammeln.

„Für mich war Kunst immer schon ein Abenteuer. Bereits als Schüler, weil ich dann in andere Welten flüchten konnte. Heute gibt mir Kunst die Möglichkeit zum Entdecken und Erforschen. Für mich ist es ein großes Lustprinzip.“ Diese Eigenheit offenbart sich auch in Mohrs Sammel-leidenschaft: Sein Haus im oberschwäbischen Ostrach gleicht einem Archiv. Mohr sammelt Orangenpapiere, Mineralien, Nikoläuse („Das war aber Zufall!“), Kunstbücher, Karten, asiatische Vasen, Figuren, Reise-Erinnerungen, Ideen, Insekten, Bilder. „Gucken ist geil! Man dürfte mir alles wegschneiden, eine Hand, einen Fuß, aber nicht meine Augen“, sagt Mohr dazu.

Immer wieder fließen diese Fundstücke in seine Arbeiten mit ein. So zieht Mohr aus einem Karton beispielsweise einen mit Zucker überzogenen Fuchskörper und einen mit Süßigkeiten dekorierten Marder, die er zuletzt in Tuttlingen ausgestellt hatte. Dem Markt und dem Einfluss durch Galeristen entzieht sich der Ostracher beständig. „Ich war in Japan in einer Koizuchtanlage und habe diese Eindrücke in einer Serie verarbeitet. Die Bilder haben mir die Leute aus der Hand gerissen und da habe ich aufgehört damit. Wenn das so gut ankommt, dann ist’s verdächtig.“

Religion, Geschichte und Erinnerung bilden wichtige Eckpfeiler in Nikolaus Mohrs künstlerischem Schaffen. Bereits bevor es an die handwerkliche Umsetzung der eigentlichen Idee geht, investiert Mohr extrem viel Recherchezeit in seine oft ortsbezogenen Arbeiten. Wie beispielsweise in sein Projekt „Galerie der Aufrechten“. Für das Museum Laup-heim sollte Mohr verschiedene Portraits der Freiheitskämpferin Sophie Scholl anfertigen. Eine bloße malerische oder grafische Umsetzung kam für ihn nicht infrage, also entstand eine mehrschichtige Serie: Ein Puzzle mit Sophie Scholls Antlitz, eine an Andy Warhols Starschnitte erinnernde Arbeit, in welcher Scholls Gesicht mehr und mehr verschwindet, sowie eine interaktive Arbeit auf einer Schultafel. Für Letztere reiste Mohr bis an die tschechische Grenze und besuchte dort einen speziellen Steinbruch, unterhielt sich mit den Arbeitern und laserte die Gesichtszüge schließlich auf eine speziell angefertigte Schiefertafel, die heute in der Hochschule Weingarten hängt.

Oder dann gab es 1996 diesen Wettbewerb, dessen Titel „Die Ems – Von der Quelle bis zur Mündung“ der Künstler besonders wörtlich nahm. Für eine Installation reiste er den gesamten Fluss ab und setzte alle 30 Kilometer eine Wegmarke, um genau (!) an dieser Stelle Wasser- und Bodenproben zu entnehmen. Ergänzt wurde das Ganze durch Zeichnungen, Messungen, Protokolle, komplexe Karten. Doch Mohr ging noch weiter: Er schlief nur in Etablissements mit direktem Ems-Bezug, egal ob Absteige oder Sternehotel. Am Ende gewinnt er den Preis, das Preisgeld reicht nicht einmal aus, um die entstandenen Kosten zu decken. „Für eine Arbeit über die Ems kann ich doch keinen Sand von Obi nehmen!“

Zur Person

Nikolaus Mohr wurde 1954 in Lindau geboren, ist in Wangen im Allgäu aufgewachsen und absolvierte sein Abitur in einem Internat in Wilhelmsdorf. Von 1976-1981 studierte er an der Staatlichen Akademie in Stuttgart Bildende Kunst und zudem Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart. Heute lebt Mohr in Ostrach und arbeitet als Kunstlehrer und freier Künstler. Er gewann unter anderem den Kunstpreis der Stadt Donaueschingen und den Preis der Hohenzollerischen Landesbank Sigmaringen. (hep)

Video: Drei Fragen an Nikolaus Mohr


 

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