Kultur Erzählkunst gegen die Sintflut der Bilder

Ein ganz starkes Fontane-Buch von dem Konstanzer Literaturwissenschaftler Gerhart von Graevenitz

Gerhart von Graevenitz, 1944 in Lahr geboren, in Tübingen gelehrt, in Konstanz 1988 zum Germanistik-Ordinarius berufen, 2000 zum Rector magnificus erhoben und 2009 zum Universitäts-Ehrenbürger und Emeritus ernannt worden, hat ein Forschungs- und Erklärungswerk von umfänglichem, tiefsinnigem und deutungsintensivem Format geschaffen: Ein komplexes Kompendium über Theodor Fontane. Komplex: Das heißt im Wortsinn „umarmend“. Hier wird der Brandenburger Realist umfasst, ergriffen, neu für unsere Zeit gedeutet.

Kompendium bezeichnete bei den Römern einen stattlichen Gewinn, und der wird den Literaturfreunden hier ausgeteilt. Auf 818 Seiten samt 120 Bildern, 1193 wissenschaftliche Nachweisen und reicher Bibliografie erfährt der Leser: Biographisches, Zeit- und Kunstgeschichtliches, Werk-Analysen, wobei sich zuweilen neben strenger Begriffsarbeit auch Angebote einer „narrativen Wissenschaft“ findet. Alle Gattungen Fontanes werden nach der Entstehungszeit vorgestellt, Journalistisches, Balladen, die Prosa von „Vor dem Sturm“ bis zum „Stechlin“. Zugleich geschieht eine mitgedachte und reich ausformulierte systematische Behandlung, die den Romanen ihren je eigenen Charakter, Wert und Gedankengrund zumisst.

Dabei wird kein Textpurismus betrieben, vielmehr das Buchereignis bezogen auf Real-, Kunst- und auch Mediengeschichte. Zwei Wörter wirken wie der Kristallisationskern der Gedanken zu Fontane: Der opalisierende Begriff des „Imaginären“ und die Allerweltsvokabel der „Moderne“. Der Versuch, sie zu sortieren und zu verbinden, das ist das Forschungsabenteuer des Buchs und sichert ihm – dank Fontane – eine erstaunliche Anwendbarkeit auf die Gegenwart. Denn das Imaginäre hat uns fest im Griff, besetzt unsere Netzhaut, unsere Unterhaltungen, Informationen und Ängste.

Das Imaginäre wird gründlich, auch historisch diskutiert. Es bezeichnet um 1850 die Vorherrschaft des Sehsinnes, die bildhafte Fantasie. Das lateinische Wort „imago“ enthält die Weite von Urfantasie bis zum geformten, erzählten und gedeuteten Bild, als Allegorie mischt sich „Imaginäres“ mit Ornamentalschmuck, geistlicher Deutung und allen Angst-Imaginationen der Zeit: technisches Imaginäres, kollektives Imaginäres mit den Resten der „Gespenstern der Vernunft“ im Kriminalroman „Unterm Birnbaum“, virtuell pointiertes Imaginäres bei den vielen Wiedergängern, die auch humoristisch-stellvertretend Herrn von Ribbecks Birnen aus dem Grab auferstehen lassen.

Fontane weiß um den Gegensatz von modernem Realismus und fast noch mittelalterlicher Preußenmonarchie, der zunehmenden, auch technisch beflügelten Globalisierung des Imaginären – und versucht, durch konstruktive Textformung eine „ästhetische Entgiftung“ der optischen Diktatur zu erreichen. Viele philosophische, soziologische ästhetische Zeitgenossen lernte der Schriftsteller kennen: den Völkerpsychologen Moritz Lazarus, den weltgeschichtlichen Betrachter Jacob Burckhardt, die Mit-Dichter im Verein „Der Tunnel über der Spree“. Hier lernt man Denkaktivitäten des 19. Jahrhunderts kennen und Fontanes Echo vernehmen bis zur späteren Aby-Warburg-Formel: Bilder seien ein „phobisches Engramm“, das heißt sei hinterlassen eine untilgbare Spur im Gedächtnis, sei's der Beängstigung, sei's des Dankes.

Angst und Schrecken, auch ihre alten Bilder (von Effies Angst vorm Chinesen-Bild bis zum apokalyptisch tobenden Stechlin-See) versammelt Fontane. Er gilt als Humorist (Benn tadelte seine „Pläsierlichkeit“) – und das hat ihn bis heute davor bewahrt, zum germanistischen Pflegefall (wie andere „poetische Realisten“) zu werden. Wer nun die Bilder und Illustrationen der Zeitgenossen (Freund Menzel allen voran) und ihren „imaginären“ Erzähl- und Kompositionszusammenhang aufnimmt, wird viel gewinnen über den Panorama-Stil der Epoche, das historisch Erzählbare – und nicht zuletzt über den Zusammenhang der Fontane-Werke. Von Graevenitz deutet Aktualität an: „...reicht die begriffsgeschichtliche Verbindung von spiritistischen 'Medien' und technischen ‚Medien' bis in unsere Gegenwart.“

Die Romane neu gedeutet: „Irrungen, Wirrungen“ und „Stine“ gehören den „Genre“-Bildern, voller imaginärer Ängste (Friedhofszene, Werther-Tragödie in Berlin). Die drei Werke „Jenny Treibel“, „Mathilde Möhring“, „Die Poggenpuhls“ werden als sozial gefasste Trilogie mit dem Georg-Simmel-Zitat „Der Mensch ist ein Unterschiedswesen“ gesichert: Große Deutungen für die letzten Hauptwerke „Effie Briest“ und „Der Stechlin“, das Imaginäre von Liebe und Tod, auch mit Blick auf Nietzsches „Apollinisches der Maske“. Aber die Coda spielt mit dem Gedanken:

Geschichte als „Kollektivsingular“. Es ist, als hätten die Einzahl-Begriffe die Herrschaft über das Konkrete angetreten. Wenn aus Freiheiten die Freiheit, aus Gerechtigkeiten die Gerechtigkeit, aus Befreiungen die Befreiung etc. wird, dann – moderner Fontane! – erreicht der Kollektivsingular den Rang des Imaginären: Verabsolutierter, darum beängstigender Wortklang. Historische Fülle, Textnähe, Lesbarkeit, Bildbeigaben erreichen eine wechselseitige Erhellung von Fontanes ängstlicher Modernität. Wahrlich ein „weites Feld“, fruchtbar bis heute.

Gerhart von Graevenitz: „Theodor Fontane: ängstliche Moderne. Über das Imaginäre.“ Ferdinand Schöningh, Paderborn. 818 S., 29,90 Euro

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