Kultur Erfüllung in einer Lebensform

Jenseits der Alternative von technischer Verwertung und scheinbarer Zweckfreiheit – der Philosoph Joachim Schummer über die Frage „Wozu Wissenschaft?”

Auf seiner dritten Reise besucht Gulliver, der Held von Jonathan Swifts satirischem Roman, die Große Akademie von Lagado und lässt sich Forschungsprojekte vorstellen. Swift wusste schon damals, dass Wissenschaftler nicht ohne Geld auskommen; Gulliver wird immer wieder um Unterstützung angebettelt, „Forschungsförderung“, wenn man so will. An diesem Punkt tritt die Frage „Wozu Wissenschaft?“ auch heute am offensten zutage: Politiker, die öffentliche Gelder in den Wissenschaftsbetrieb lenken, müssen sich vor dem Wähler und Steuerzahler rechtfertigen, gleich ob es um riesige oder kleinere Summen handelt. Bei Auftragsprojekten dagegen beantwortet sich die Frage nachdem „Wozu“ quasi von selbst, eben durch den „Auftrag“.

Im Alltagsgespräch, meint der Philosoph und Chemiker Joachim Schummer, der durch mehrere Publikationen zur Theorie und Geschichte der Wissenschaft hervorgetreten ist, stehen oft zwei sehr schlichte Sichtweisen gegeneinander: Die einen sagen, Wissenschaft habe einen Sinn nur als theoretische Vorstufe zu neuen Techniken; die anderen halten dagegen, Wissenschaft habe gar keinen Zweck außerhalb ihrer selbst, sie sei zweckfrei, ein Selbstzweck. Die eine wie die andere Alternative ist, näher betrachtet, nicht sehr befriedigend.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Im ersten Fall müsste gleich die Frage folgen, wozu wiederum diese wissenschaftlich begründeten Techniken gut sein sollen; im zweiten liegt allemal der Verdacht nahe, dass die Parole vom „Selbstzweck“ irgendwelche handfesten, möglicherweise illegitimen Interessen verschleiern soll. Um aus dieser unfruchtbaren Polarisierung zwischen technischem Zweck einerseits, angeblicher Zwecklosigkeit andererseits herauszukommen, schlägt Schummer vor, auf die Formulierung des einen, einzigen Zwecks von Wissenschaft zu verzichten und ein Miteinander verschiedener Zwecke anzunehmen, von der Schärfung unseres Denkvermögens durch wissenschaftliche Arbeit über die Orientierung in unserer Welt („Wer nichts fragt, bleibt dumm!“) bis zu dem, was man „Bildung“ nennt.Natürlich spielt in diesem Gefüge auch die technische Verwertung des Wissens ihre Rolle; es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, dass sie vor einigen tausend Jahren sogar am Anfang der Entwicklung von „Wissenschaft“ stand. Und auch der Gedanke, Erkenntnis trage ihren Sinn in sich selbst, hat eine altehrwürdige Tradition. „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“, schrieb im 4. Jahrhundert vor Christus der griechische Philosoph Aristoteles. Selbstverständlich war Aristoteles' Position jedoch niemals.Schummer zitiert Plutarch, der um 100 nach Christus die Neugier als eine von Neid und Bösartigkeit getriebene Geisteskrankheit beschrieb, die sich auf die „schmutzige Wäsche“ anderer Leute richte. Ein Blick in die Boulevardpresse von heute scheint den Verächtern der Neugier recht zu geben. Aber, hebt Schummer hervor: „Wissenschaftliche Neugier unterscheidet sich wesentlich vom eitlen Vorwitz, weil sie nicht durch einzelne Tatsachen, sondern durch abstrakte, Zusammenhängebildende Erkenntnis und durch den Prozess des Forschens selbstbefriedigt wird.“ Dass Prinzessin X mit Popstar Y verbandelt ist, kann also durchaus von wissenschaftlichem Interesse sein, etwa unter dem Gesichtspunkt: Prominenz in den Massenmedien schafft ein gemeinsames Milieu, das heutzutage vielleicht wichtiger ist als ein Adelsprädikat. Schummer bringt noch ein zweites Argument zur Rehabilitation der wissenschaftlichen Neugier: Sie sei verträglich mit gesellschaftlichen Nützlichkeitserwägungen, lasse sich „zum Wohle der Gesellschaft insgesamt“ kultivieren. Ein Gedanke, der freilich die Schwäche hat, dass es über die Frage, was das „Wohl der Gesellschaft insgesamt“ ist, Meinungsstreitigkeiten gibt und wahrscheinlich immer geben wird. Was meint Schummer eigentlich, wenn er im Schlusskapitel seines Buches eine „Demokratisierung der Wissenschaftspolitik“ vorschlägt? Das Wort „Demokratisierung“ legt nahe, dass mit Mehrheit und Minderheit abgestimmt werden soll. Durch die Gesamtheit der Steuerzahler, die dann – anstelle von Parlamenten und Regierungen – über die Frage zu befinden hätten, welche wissenschaftlichen Projekte finanziert werden sollen und welche nicht?Zwei Absätze später fordert Schummer „Freiräume für die Entwicklung von Neugier, Kreativität und unkonventionellen Ansätzen sowie Respektgegenüber den Besonderheiten und Werten einer wissenschaftlichen Lebensform“, „absolute Autonomie“, „ohne jegliche politische oder sonstige Einflussnahme durch Interessengruppen“. Offenbar ist gar nicht Demokratisierung gemeint, sondern Entscheidungsfreiheit des einzelnen Forschers. Aber wirklich des einzelnen? In vielen Bereichen ist Wissenschaft Teamarbeit. Nach welchen Modalitäten soll dann in solchen Teams entschieden werden? „Demokratisch“ oder nach der Autorität eines Projektleiters?Schummers Entwurf einer zukünftigen Wissenschaftspolitik bleibt vage, das unbefriedigende Schlusskapitel eines anregenden Streifzugs durch zweieinhalb Jahrtausende Reflexionen über den Sinn von Wissenschaft. Worauf es dem Chemiker und Philosophen bei seinem Essay ganz persönlich ankam, lässt eines der historischen Kapitel ahnen: „Erfüllung in einer Lebensform“. Die wissenschaftliche Lebensform biete die größte Zufriedenheit und das größte Glück, lehrte einst Aristoteles. Schummer sieht dieses „Glück“ vor allem in dem moralischen Gesetz, unter das sich der Wissenschaftler stellt: „Wer eine wissenschaftliche Lebensform wählt, entscheidet sich bewusst für eine Allgemeinwohlorientierung“, also, wie Schummer ausführt, „gegen die von Wissenschaftspolitikern und Hochschulpräsidenten zunehmend geforderte Privatisierung und Vermarktung von Wissen“. Aber darf man wirklich annehmen, dass die Forschungsinteressen eines Wissenschaftlers, wenn ihm kein Geldgeber hineinredet, allemal mit dem Gemeinwohl, was immer das sein mag, identisch wären? Swift teilte diese Voraussetzung nicht. Seine Satire macht auch dem Leser heute eine Gefahr bewusst, die Schummer ausgeblendet hat: dass die selbstbestimmte wissenschaftliche Lebensform sich in Schrullen ergeht. Der „verrückte Professor“ – auch dieser Aspekt hätte in eine runde Betrachtung des Themas „Wozu Wissenschaft?“ gehört.

Joachim Schummer: „Wozu Wissenschaft?“ Neun Antworten auf eine alte Frage. Kulturverlag Kadmos, Berlin. 230 S., 19 Euro

Ihre Meinung ist uns wichtig
Adventskalender - weil Vorfreude die schönste Freude ist
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Kultur
Kultur
Konstanz
Kultur
Empfehlung
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren