Kultur Eine bevorzugte Gegend

Die Bodensee-Gedichte des Göppinger Autors Gerd Kolter führen den See als stille Landschaft vor

Gedichte über den Bodensee lassen sich in vielen Lyrikbänden finden; aber dass ein Autor dem See gleich einen vollen Band widmet, ist eher die Ausnahme. Eine solche ist der Gedichtband „Bevorzugte Gegend“ des 1949 geborenen und in Göppingen lebenden Autors Gerd Kolter. Eine „bevorzugte Gegend“ muss der Bodensee auch für Kolter sein. Welchen Ort oder welches Motiv er zum Anlass eines Gedichtes nimmt: Stets stellt sich der Eindruck enger Vertrautheit ein. Die knappen, bewusst schmucklos gehaltenen Verse sind unverkennbar das Ergebnis zahlreicher Aufenthalte „am behäbigen Wasser“ und zeugen von intensiven Begegnungen mit einer Landschaft, mit der der Autor an kein Ende kommt: „Ich werde mich hinsetzen/und wütend genau sein/mit der Farbe des Sees/der nie und nimmer/so war“. Und an anderer Stelle heißt es: „Der See schwitzt/das Fieber des Sommers/aus und hält sich bedeckt“.

Beides – die Weigerung, etwas „festzuschreiben“, wie auch die Bereitschaft, das „Geheimnis“ des Sees zu respektieren – kennzeichnet den gesamten Band. Dieser führt uns den See als eine stille Landschaft vor – wohl nicht ganz zufällig vorwiegend im winterlichen Schlafmodus. Touristische Fixpunkte, „Ausflüge/in die Geschichten/des Zeigefingers“ interessieren Kolter jedenfalls nicht. Zwar gelten einige Gedichte Meersburg, Stein am Rhein oder Konstanz; aber den Schauseiten verweigert sich der Autor. „Der Nebel spielt/mit allen Tönen/von Grau/vor denen das Foto/resigniert“, heißt es in „Winter am See“, und in „Meersburg. Fürstenhäusle“ lesen wir: „Wir brauchen niemand/der uns führt/wir haben auf falschen Wegen/hergefunden“. Doch eben diese „falschen Wege“ erweisen sich als die ergiebigeren, weil sie dem Autor erlauben, seinen (und unseren) Blick auf das Abseitige und Verdeckte zu richten.

Dabei ist Kolter jeder hymnische oder auch nur getragene Gestus fremd. Wenn er sich im Gedicht „Reichenau“ die Formulierung gestattet, dass „der Herbst/dem Ufer/strotzende Gemüsegeschichten“ erzählt, kippen bereits die nachfolgenden Schlusszeilen „Das Schloss/steht zum Verkauf“ sofort wieder in die Stocknüchternheit des Alltags zurück. Immer wieder versteht es Kolter, unserer auf Landschaftseindrücke gerichteten Erwartungshaltung „eins auszuwischen“: „Einen Salatkopf geklaut/und die Kräuter dazu/und weise gewesen/über tausend Jahr/bis zur Heimfahrt/übern Damm“. Nur einmal erlaubt sich Kolter einen ungebrochenen Bezug auf die spirituelle Tradition dieser Landschaft. In „St. Othmar. Insel Werd“ heißt es: „Dass der Leichnam/des Heiligen/unversehrt blieb/und sein Weinfass/immer voll/Wer wollte die Wunder/hier nicht glauben“.

Einen Hinweis verdient der bibliophile Charakter dieses Bandes, erschienen als Nummer 11 der Reihe „i libri bianchi“. Ihm sind sechs Monotypien („Landschaftsversuche“) von Peter Marggraf beigegeben, dem Verleger der San Marco Handpresse.

Gerd Kolter: „Bevorzugte Gegend“. Gedichte. Landschaftsversuche. Monotypien von Peter Marggraf. Neustadt a. R.: San Marco Handpresse. 66 Seiten, 25 Euro

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