Kultur Ein musikalisches Vermächtnis

Ein letztes Mal dirigierte Chefdirigent Vassilis Christopoulos die Südwestdeutsche Philharmonie. Ein Abschied mit wehmütigen und dankbaren Gefühlen

Das sieht man so sonst nur in Bayreuth oder in Salzburg, wenn Anna Netrebko singt: Jemand steht in der Schlange vor der Kasse, in der Hand ein Schild: „Karte gesucht“. Schauplatz ist das Konstanzer Konzil, wo Vassilis Christopoulos sein Abschiedskonzert gibt. Der Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie verlässt Konstanz nach zehn Jahren. Eine dritte Amtszeit hatte er nicht mehr anstreben wollen – diese Entscheidung hatte er nach dem Bürgerentscheid gegen das Konzerthaus getroffen. Die Niederlage schmerzt ihn noch heute. Und man kann sich vorstellen, dass sie ihn auch persönlich getroffen hat – als eine Entscheidung gegen seine immer um künstlerische Optimierung bedachte Arbeit. Als Annerkennungs-Verweigerung durch die Konstanzer. Christopoulos hat das nie so formuliert. Aber die Verbitterung über die Entscheidung schwang in seinen Worten immer mit.

Doch das spielt jetzt keine Rolle. Jetzt dirigiert Christopoulos noch einmal sein Orchester – und beide Abschiedskonzerte sind restlos ausverkauft. Das Konstanzer Publikum – ob es nun für oder gegen das Konzerthaus gestimmt hat – möchte ihn noch einmal hören. Mit seiner Philharmonie. Denn im Grunde geht es dabei auch um die Frage, welches Orchester er hinterlässt. Um die Frage, wie es, neudeutsch formuliert, aufgestellt ist, wie es sich in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Es geht um Christopoulos' künstlerisches Vermächtnis.

Den Musikern war das klar. Und sie gaben an diesem Abend alles. Auch Christopoulos konzentrierte sich, wie es seine Art ist, völlig auf die Musik, im Vertrauen darauf, dass eine gute Aufführung mehr sagt als tausend Worte. Die kurze Ansprache überließ er dem Intendanten Beat Fehlmann, der darauf hinwies, dass Christopoulos nicht den Weg des bequemen Sich-Verabschiedens für sich gewählt hat. Worte, die man nur unterschreiben kann. Christopoulos hatte sich für zwei Symphonien entschieden, beanspruchte die Bühne also ganz für sich und das Orchester, konnte damit aber auch nicht darauf hoffen, dass ein renommierter Solist mögliche Mängel des Abends wettmachen würde.

Ein gewisses Wagnis also – vor allem dann, wenn ein Werk eher unspektakulär daher kommt wie Ludwig van Beethovens 6. Symphonie, die Pastorale. Das Leichte ist meistens das Schwierige. Mit Beethovens Pastorale lässt sich nicht protzen, sie ist keine Angeber-Musik. Auch auf ihre programmmusikalische Seite ist kein Verlass, weil sie, den Vogelstimmen und der Gewittermusik zum Trotz, nicht wirklich eine Handlung klingend nachzeichnet, sondern eher in sich geschlossene Genrebilder entwirft. Vom Menschen, von der Natur und vom Menschen in der Natur.

Es bedarf also einer großen Gelassenheit, um die Pastorale zu spielen und zu dirigieren. Und deswegen eignet sie sich dann doch wieder gut, um Bilanz zu ziehen. Tatsächlich wirkt Christopoulos' Dirigat ausgeglichen. Da ist kein unpassender Überschwang, aber die „heiteren Gefühle“, mit denen Beethoven seinen ersten Satz überschrieben hat, sind deutlich. Christopoulos legt das Augenmerk vor allem auf Details der Gestaltung, auf motivische Gliederung, auf feine dynamische Schattierungen.

Später beim Empfang wird sich Christopoulos bei seinen Musikern bedanken – nicht nur für die schönen, sondern auch für die schwierigen Zeiten. Weil ihn alles, ob angenehm oder unangenehm, vorangebracht hat. Es ist genau diese Abgeklärtheit, die auch in seiner Interpretation der Pastorale mitschwingt. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass die Musiker bei der Nachfeier ihren Rückblick auf die Christopoulos-Ära in Anlehnung an die Szenenbeschreibungen der Pastorale formulierten – vom „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft“ über die „Szenen am Bach“ (hier natürlich: „Szenen am See“) über das „Gewitter“ bis zu den „frohen und dankbaren Gefühlen nach dem Sturm“.

Der zweite Konzertteil gehörte Hector Berlioz und seiner „Symphonie Fantastique“. Auch ein Stück Programmmusik, aber von ganz anderem Zuschnitt als die Pastorale. Wo Beethoven noch die Einheit von Mensch und Natur beschwört, geht bei Berlioz ein Riss durch die Welt. Wir blicken in Abgründe der menschlichen Seele. Diese Musik hat deutlich mehr Schauwert als die Pastorale, und auch darum weiß Christopoulos. Aber er nutzt sie nicht nur, um ein Feuerwerk abzubrennen, sondern auch, um zu zeigen, was das Orchester – inzwischen – kann. Die Streicher, die vom verführerischen Seidenglanz bis zum Spukhaften alles drauf haben, das Blech, das das „Dies Irae“ kraftvoll, aber nicht kraftmeierisch bläst, die wunderbaren Soli in den Holzbläsern – am Schluss darf man mit einigem Recht sagen, dass das vor zehn Jahren wohl wirklich nicht möglich gewesen wäre. Christopoulos hat die Südwestdeutsche Philharmonie vorangebracht. Das wurde nicht zuletzt auch in dem überwältigenden Applaus spürbar, den das restlos begeisterte Publikum stehend spendete. Es wird die Ära Christopoulos in guter Erinnerung behalten.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Herbstliche Weine vom Bodensee
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Frankfurt
Kultur
Kino
Kunst
Film
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren