Kultur Ein herber Verlust

Nichts gegen ein literarisches Laboratorium für Jugendliche in Zürich. Aber dafür das kostbare Literaturmuseum Strauhof opfern?

Mit Dickens, Balzac, Tolstoi, Thomas Mann und vielen, vielen anderen Autoren sind wir in den Zimmern dieses barocken Bürgerhauses in der Zürcher Altstadt schon in einen anregenden inneren Dialog getreten. Überaus ergiebig waren und sind auch panoramatisch angelegte Ausstellungen zu literarischen Gattungen oder Motiven. Eines der Hauptmerkmale einer Strauhof-Schau ist es, dass Literatur hier nicht kalt und steril präsentiert wird. Sondern: einfallsreich inszeniert, bestückt mit oft geradezu haptischen Wahrnehmungsreizen.

Das in den 60er- und 70er-Jahren als Kunstgalerie genutzte Haus an der Augustinergasse bot in den 80er Jahren kulturgeschichtlich orientierte Ausstellungen und konzentrierte sich mit der Zeit ganz aufs Literarische. Ende 2014 wird Roman Hess, Ressortleiter Literatur im Präsidialdepartement und damit auch Leiter des von der Stadt betriebenen Museums, pensioniert. Kürzlich hat der Stadtrat beschlossen, den Betrieb des Literaturmuseums einzustellen und den Strauhof in ein „literarisches Laboratorium für Jugendliche“ umzuwandeln. Genauer: 2015 soll ein zweijähriges Pilotprojekt mit dem Jungen Literaturlabor Strauhof, genannt JULL, starten, und zwar unter der Leitung von Richard Reich und Gerda Wurzenberger, die hierfür schon das Konzept erarbeitet haben. 2017 will man dann den Versuch beurteilen und bei positivem Befund den Betrieb in eine Fixlösung überführen.

Wie das Präsidialdepartement mitteilt, wird ein „kreativer Raum für breit angelegte Schulprojekte“ angestrebt. Es soll um School-in-Residence, Workshops, Lesungen und Diskussionen für Zehn- bis Achtzehnjährige gehen, um eine enge Zusammenarbeit mit Schriftstellern. Reich und Wurzenberger können sich über Erfahrung in partizipativer Literaturvermittlung ausweisen, so unter anderem im Rahmen des Projekts „Schulhausroman“, dessen Grundidee darin besteht, lernschwache oder sprachlich gehemmte Schüler aktiv an der Entstehung einer Geschichte zu beteiligen.

Abgeklärt wird, ob das Max-Frisch-Archiv und das Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich ins Museum Bärengasse einziehen und ob daselbst auch noch das im Strauhof-Gebäude befindliche James-Joyce-Archiv verlegt wird. Alle drei Archive suchen derzeit nach neuen Räumlichkeiten. Im Parterre des anvisierten neuen Literaturarchiv-Zentrums nahe dem Paradeplatz ist zudem eine Ausstellung zu Zürich als Literaturstadt geplant.

Nichts gegen ein Labor, in dem auch ein Vokabular, das in SMS und sozialen Netzwerken genutzt wird, prominent zum Zuge kommen darf. Weshalb aber das weitherum einzigartige und auch im Ausland geschätzte Literaturmuseum Strauhof einem auf Jugendliche fokussierten JULL opfern? Das wäre ein herber Verlust. Übrigens engagiert sich schon der Strauhof in seiner jetzigen Form für Jugendliche: Ergänzend zum Museumsbetrieb bietet er seit drei Jahren Literaturvermittlung in Form von kostenlosen Workshops für Schulklassen an. Und: Auch anderweitig werden ja für diese Altersklasse Lese- und Schreibförderung sowie Literaturvermittlung geboten. Wenn zusätzliche Anreize geschafft werden wollen: Weshalb für JULL nicht einen anderen Raum nutzen?

Auch zukünftig soll es Literaturausstellungen geben. Diese könnten dann, von der städtischen Kulturförderung begleitet, in der Zentralbibliothek stattfinden, im Literaturhaus, Landesmuseum und Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. Mit einem Betrieb wie dem jetzigen dürfte solches freilich kaum vergleichbar sein.

Für den Pilotbetrieb des Literaturlabors hat der Stadtrat für die Jahre 2015 bis 2017 einen Betrag von 1,58 Millionen CHF (einschließlich der Mietkosten) bewilligt, was einer Reduktion von jährlich zirka 0,5 Millionen Schweizer Franken gegenüber dem jetzigen Strauhof-Betrieb entspricht. Da muss natürlich der Verdacht keimen, das Präsidialdepartement wolle mit seinem Umwidmungsprojekt auch Geld einsparen. Was das Museum Bärengasse betrifft, so würde die Stadt durch den Einzug der beiden Archive der ETH einen Mietertrag erzielen.

Über das Schließungsvorhaben gar nicht glücklich sind viele Kulturschaffende, Kulturvermittler und andere Literaturliebhaber und natürlich die Strauhof-Mitarbeiter, die entlassen werden sollen. Journalisten innerhalb und außerhalb der Schweiz und auch viele Politiker haben sich kritisch geäußert. Wer weiß, vielleicht vermag eine schon von Tausenden unterschriebene Petition an Stadtpräsidentin Corine Mauch das Ruder noch herumreißen.

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