Konstanz Ein einzigartiges Abenteuer: "Liebe Macht Nass" ist ein Kopfsprung ins Experiment

Diese Aufführung geht weder baden noch fällt sie ins Wasser: "Liebe Macht Nass", frei nach Shakespeares "Romeo und Julia", in der Konstanzer Therme saugt seine Besucher wie ein Staubsauger in eine andere Welt, befindet unser Kritiker Jeremias Heppeler.

Da steht es nun, säuberlich aufgereiht, in Bikinis und Badehosen. Konstanz' schillerndstes Investorengeschlecht: Die Familie Amann, kapitalistische Verfechter der Hochkultur. Eingeleitet vom Konstanzer Vokalenensemble richtet sie das aufpolierte Wort an die reale Politik und das anwesende Volk: „Konstanz braucht ein Konzerthaus!“ Zur dramatischen Untermalung spielt die Südwestdeutsche Philharmonie ein Charity-Konzert, fast zärtlich, fast gehaucht.

Und gerade als man sich im aufwirbelnden Tosen des Orchesters verliert, wird die Präsentation erbarmungslos gesprengt. Auftritt des Moosbrugger-Clans, der die Konzerthaus-Kohle lieber in bezahlbare Wohnungen stecken würde. Nach kurzen Wortgefechten entspinnt sich eine Schlacht, halb an Land, halb im Wasser, mit Gummi-Tieren als Waffen und Schlauchbooten als Schlachtrössern. Dazu spielt die Philharmonie die russischen Tänze aus Tschaikowskys Nussknacker.

Wow, erstmal Durchatmen. Bereits die Eröffnungsszene von „Liebe Macht Nass“, dem gemeinschaftlichen Mammutprojekt des Theater der Hochschule Konstanz und Südwestdeutschen Philharmonie, offenbart eindrucksvoll, mit welch überschäumendem Ideenkonglomerat es die Zuschauer hier zu tun bekommen. Vor der durchsichtigen Szenerie von „Romeo und Julia“ und der konkreten Kulisse der Konzerthausdebatte entrollt sich ein komplexer Theaterteppich, der sich spielerisch zwischen Hoch- und Popkultur, zwischen fiktivem Spektakel und realen Gesten, zwischen konzentrierter Ernsthaftigkeit und ungefiltertem Spaß materialisiert.

Die Bodenseetherme wird hierzu zum Bühnenkosmos umcodiert. Diese kleine Entscheidung verändert alles: Das Bad ansich, dem als abgesicherten Raum eigentlich ganz klare Aufgaben zugewiesen sind. Das Theater ansich, das sich als traditionsreiche Institution meist in klar definierten Räumen abspielt. Die vermeintlichen Sicherheiten werden abgelegt, hier prallen Welten aufeinander – aber ohne großes Getöse, ohne elitäre Gesten. Einfach so, nach dem schieren Lustprinzip.

„Liebe Macht Nass“ saugt seine Besucher wie ein Staubsauger in eine andere Welt. Das beginnt bereits bei der Parkplatzsuche: Eine Horde Moosbruggers stürmt mit Schildern bewaffnet auf dein Auto zu, wenig später triffst du die Demonstranten vor dem Thermeneingang vor einer Punkrock-Bühne. Drinnen geht’s sofort weiter: Die Amanns stellen unterschiedliche Konzerthaus-Modelle vor. Das Programmheft wird wasserdicht verpackt gereicht, dazu gibt’s exklusive Badeschlappen. In den Umkleideräumen diktiert dir ein Badegast Shakespeare-Verse und ein Gitarrero spielt den Dire Straits Klassiker „Romeo And Juliet“. Und schon bist du Teil der virtuell vibrierenden Welt.

Im Bad selbst platzieren sich Philharmonie und Vokalenensemble (stilecht in weißen Bademänteln) am linken Beckenrand, eine Bläserkombo spielt den Eröffnungsmarsch aus dem blauen Nass heraus. Alles hier lebt, alles ist Bühne.

Besonders ins Auge sticht die Tatsache, wie homogen die einzelnen Bausteine während des Dramas ineinander greifen. Das Orchester etwa agiert unter der Anleitung von Dirigent Steffen Schreyer als erzählerisches Element. „Die Zusammenarbeit mit Intendant Beat Fehlmann wird immer selbstverständlicher. Das liegt auch am Spaß, den wir zusammen entwickeln“, erklärt Regisseur Felix Strasser, der seine Schauspieltruppe abermals als wildes, choreografiertes Rudel inszeniert und als mehrköpfigen Hydra-Organismus einsetzt, der Shakespeares Klassiker aktiv dechiffriert und dekonstruiert.

Im finalen Akt erfolgt dann die komplette Verdichtung. Romeo (aka Roman) erwürgt sich mit Hilfe einer Schaumstoff-Wasserschlange, auch Julia treibt wenig später tot im Wasser. Die Clans erfrieren als Tableaux Vivant. Davor aber rappt Fabian Greiner einen selbst geschriebenen Song, den Refrain übernimmt Amy-Darstellerin Mela Breucker – aus dem Wassersprudler der Therme. Den Beat dazu liefert die Philharmonie, indem sie Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ sampled und schichtet. Krass!

Nicht jedes präsentierte Motiv ist dabei revolutionär, nicht jede Idee zündet. Der eine oder andere Kunstsprung endet als schmerzhafter Bauchplatscher. Doch auch das Scheitern gehört zum Konzept des Alles-Riskierens. Die schiere Fülle der präsentierten Impulse aber macht „Liebe Macht Nass“ zu einem faszinierenden und einzigartigen Abenteuer. Im Zentrum die Frage: Für was lohnt es sich zu kämpfen? Daran anknüpfend die Botschaft: Wenn du keinen Raum zum spielen hast, dann such dir einen. Stürz dich ins Geschehen. Ins pulsierende Leben. Kopf voraus ins nächste Experiment!

Die letzte Aufführung von "Liebe macht Nass" am Samstag ist ausverkauft. Möglicherweise gibt es an der Abendkasse Restkarten.

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