Kultur Die Schönheit der Kunst in Venedig

D er Begriff Kakofonie oder Kakophonie (v. griech.

êáêüò (kakós): schlecht, öùíÞ (phôné): Laut, Ton, Stimme) bezeichnet laut Lexikon in der Musik und Literatur Laute und Geräusche, die besonders hart, unangenehm oder unästhetisch klingen. Das Gegenteil davon ist die Euphonie…

Die 56. Biennale in Venedig, die früher denn je – in der ersten Maiwoche – eröffnet wurde, noch bis weit in den Herbst hinein dauert und auf einen Publikumsrekord spekuliert – mehr als eine halbe Millionen Besucher werden erwartet –, soll nach dem Willen von Kurator Okwui Enwezor einen breiten Einblick in die internationale Gegenwartskunst geben. Er habe daher darauf verzichtet, ein Einheitsthema vorzugeben: „Diese Ausstellung ist voller Geräusche und Kakofonie. Und das ist Absicht. Es ist Absicht, die Kunst als scheinbar hermetische versiegelten Raum aufzubrechen“, sagte er bei der Eröffnung der Biennale. Und erhielt dafür viel Zuspruch.

Kakofonie also. Dass Enwezor auf ein Einheitsthema verzichtet hat, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Er stellt über seine beiden Ausstellungen in den Parks der Giardini und in den alten Gemäuern der Arsenale mit 136 Künstlern aus 53 Ländern mit mehr als 700 Werken das Allerweltsmotto „All the World's Futures“ (Alle Zukünfte dieser Welt). Da passt wirklich einiges rein. Angesichts der Fülle – hinzukommen 89 nationale Pavillons, die sich über das Gelände der Giardini und in der Stadt verteilen sowie Dutzende von Collaterali-Events und eine Vielzahl zusätzlicher Ausstellungen – appelliert Enwezor fürsorglich ans Publikum: „Sie müssen Ihren eigenen Weg finden. Sie müssen herausfinden, was wichtig und bedeutsam für Sie ist…“.

Gut gebrüllt Enwezor. Der gebürtige Nigerianer mit US-amerikanischen Pass leitet hauptamtlich das Haus der Kunst in München. Er hat vor 13 Jahren schon die Documenta in Kassel ausgerichtet. Enwezor kennt sein Handwerk, das – blickt man auf den boomenden Kunstmarkt – zu einem attraktiven Geschäftsfeld geworden ist. Und selbstverständlich wird die Biennale nicht nur von lauteren Kunstfreunden besucht, die einfach mal schauen wollen, wie Kunst heute aufgestellt ist, sondern auch von potenten Sammlern, die einfach nur kaufen, was es zu kaufen gibt. Wenn Biennale-Präsident Paolo Baratta mit Hinweis auf den kommerziellen Markt sagt „Wir wollen die Kunst da sehen, wo sie beginnt, nicht da, wo sie hingeht“, beschreibt er – in aller Unschuld – exakt diesen Vorgang. Im verqueren Kaufmannsdeutsch: das Angebot sorgt für die Nachfrage. Beides ist im Übermaß vorhanden.

Dass die Biennale Gefahr läuft, zu einem Party-Ort für die Schönen und Reichen dieser Welt zu verkommen, dass die Glaubwürdigkeit der Kunst auf dem Spiel steht, darauf hat kein Geringerer als Enwezor hingewiesen. Gleichzeitig macht allerdings etwas Staunen und hinterlässt einige Fragezeichen, dass der „Salon-Marxist“, wie ihn ein Medium schmähte, eine große Zahl von Künstlern nach Venedig gerufen hat, die von zwei US-amerikanischen Mega-Galerien vertreten werden. Schwer verständlich ist auch, dass er zwei sowieso vom Markt gehätschelte Künstler, Deutsche dazu, ganz prominent ausstellt: den ewigen Kopfgeher Baselitz und den smarten Digitalfotografen Andreas Gursky. Ist das die Zukunft der Welt?

Noch bei seiner Documenta zeigte Enwezor Kunst aus Afrika, Asien und Südamerika, die sich kämpferisch gab und als Gegenmacht verstand. In Venedig trifft der Besucher leider allzu oft auf Ethno-Folkore, auf gehobene Unterhaltung oder auf Werke, die ohne echte Anmutung offen lassen, ob sie überhaupt gesehen oder gelesen werden wollen – einmal abgesehen davon, dass (auch) diese Biennale, wie die Vorläufer, didaktisch und pädagogisch versagt. Das gilt ebenso für diverse Länder-Pavillons, die ohne Skrupel „Kunstmarkt-Kunst“ zeigen. Dazu gehören die aus den 1990er-Jahren bekannten Körperabgüsse aus Beton von Sarah Lucas im britischen Pavillon, in denen jetzt in bestimmten intimen Körperöffnungen Zigaretten stecken. Wer den Kitsch von Jeff Koons kauft, wird auch hier sein Glück finden.

Plädoyer für die gequälte Natur

Aber das ist vielleicht doch eine etwas einseitige Lesart des Ganzen. Gegen den britischen Pavillon könnten ein halbes Dutzend andere, gelungene Interventionen gestellt werden – das Bild im klassischen Rahmen gilt in Venedig als Auslaufmodell. Etwa die des Serben Ivan Grubanov, der die Fahnen untergegangener Staaten bemalt hat und in Haufen zusammenlegt, besser ablegt. Seine so simple wie ehrliche Botschaft: Die Zukunft hat sich vom Nationalstaat verabschiedet. Daraus jedoch ein Plädoyer für Europa zu stricken, wie es sich momentan präsentiert – Stichwort „Boat“-People, das auch in einigen Werken aufscheint – wäre verfehlt. Strittig, aber vielleicht gerade deshalb ein Hingucker und ein Plädoyer für die gequälte Natur: Céleste Boursier-Mougenots wandernde Tanne mit Wurzelwerk im Pavillon unserer französischen Nachbarn. Geradezu traumverloren – um Rainer Maria Rilke zu paraphrasieren – bewegen sich die Besucher in der blumigen Inszenierung „Giardino dell Ede“ der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos. Hier kann man sein, hier ist man Mensch.Professionelle Kritiker der Biennale – allein zur Eröffnung waren 4500 Maidenvertreter anwesend – bewerten die Rolle von Enwezor insgesamt unterschiedlich. Lob gibt's auch, aber nur in kümmerlichen Dosen. Das liegt in der Natur des Betriebs. So wird Enwezor zum Beispiel als „Meister des Sarkasmus“ (Die Zeit) bezeichnet, der, kluger Kopf, seine Machtlosigkeit gegenüber dem Kunstsystem längst erkannt habe und daher mit den Mächtigen, die ihre 100-Millionen-Euro-Yachten gegenüber den Giardini parken, galant umgehe. Aber nicht mit der Kunst. Sie bekomme seine Verachtung zu spüren.So erklärt sich das Große Feuilleton, warum Enwezor Teile seiner Ausstellungen lieblos mit kunstgewerblichen Banalitäten zugestopft habe und warum er in einem in ferrarirot getünchten Saal das „Kapital“ von Karl Marx (dazu noch auf Englisch) lesen lasse – was eigentlich keiner hören will, registriert man die Besucherbewegung. Eine Farce sei das, lautet das Fazit. Ei ja. Aber das gehört auch zum Kunstspiel. Marx hatte im Übrigen ein helles Verhältnis zur Kunst. Sie sollte die Gegenwart nicht etwa spiegeln, sondern „ein Hammer (sein), mit dem man sie gestaltet“. Das dem heute nicht so ist – war es denn jemals anders? –, darf Enwezor gewiss nicht vorgehalten werden. Und selbst den großen Auktionshäusern nicht, Sotheby's und Christies, die uns im Halbjahresrhythmus mit Zahlen über die teuersten Werke neidisch machen – und den Blick auf die wirtschaftliche Situation von Tausenden von Künstlern vernebeln, da herrscht nämlich oft nur Hartz-4-Standard. Aber was soll's: So geht Kapitalismus. Die andere (lustige) Pointe besteht übrigens darin, dass Enwezor im Katalog Marx zum Künstler macht. Von wegen Weltveränderer…Nach alledem stellt sich am Ende die Frage: Lohnt sich denn der Besuch der Biennale? Es ist die meistgestellte Frage, die an Venedig- und Kunstreisende gestellt wird. Ja, es lohnt sich. Allein die Stadt mit ihrer Operettenkulisse ist die Alpenüberquerung wert. Tourismus hin oder her: Venedig ist eine reale Utopie. Einmalig. Die überbordende Wunderkammer moderner Kunst, die dort seit 1895 mit wenigen Unterbrechungen alle zwei Jahre eingerichtet wird, ist eine wunderbare Zugabe.Die Rede von Adelina Cüberyan von Fürstenberg, Kuratorin des Pavillons von Armenien, der mit dem Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag geehrt wurde, endete bei der Preisübergabe – gegen allen Skeptizismus – mit den Worten des großen Russen Fjodor M. Dostojewski: „Schönheit rettet die Welt“. Das wäre ein besseres Motto für diese venezianische Kakofonie gewesen. Mehr Zukunft im Thema. Denn natürlich gibt es bei Enwezors Biennale nicht nur Kunst, die den Abgrund beschwört, vor dem die Welt angeblich steht – schon am Hauptpavillon begrüßen schwarze Leinwände von Oscar Murillo die Besucher – sondern auch die andere, daseinsbetonende „schöne Seite“, jenseits der Spekulationsware und aller Diskursgewitter. Man muss sie, wie gehört, nur für sich entdecken. Und ein Tipp: Gutes Schuhwerk nicht vergessen…

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