Zürich Die Kriegsbeute: Karin Henkel zeigt in Zürich das Schlachten aus Sicht der Frau

Eindrucksvolle Premiere von "Beute Frauen Krieg" in der Spielstätte Schiffbau

Zusehen, wie der eigene Mann ermordet wird. Und dann selbst Opfer werden: vergewaltigt von den Mördern. Was für ein Albtraum! Karin Henkel bringt diesen Albtraum auf die Bühne. Mehr noch: Sie zeigt drei Albträume gleichzeitig.

„Beute Frauen Krieg“ heißt ihre neue Produktion im Schiffbau. Es ist eine Neubearbeitung von Euripides’ Dramen „Die Troerinnen“ und „Iphigenie in Aulis“. Dass das keine leichte Kost wird, ahnt der Zuschauer, kaum dass er das Theater betreten hat. Noch während er seinen Platz sucht, bewegen sich die Darsteller bereits hektisch am Bühnensteg entlang. Wer sich einen der auf den Sitzen bereitgelegten Kopfhörer aufzieht, hört ihre Klagen und Flüche. „Gebt mir meine Kinder wieder!“, ruft eine Frau in schwarzem Witwengewand. „Der Abschaum eines Helden!“, stößt eine andere hervor. Zu wabernden Basstönen verdichten sich diese Satzfetzen zu einer einengenden Kakofonie.

Nicht nur die sich schmerzhaft in den Kopf pressenden Plastikkopfhörer erinnern den Zuschauer permanent: Du darfst dich nicht entspannen! Beziehe Position! Explizit wird diese Aufforderung im Eingangsmonolog der einstigen Königin Trojas, Hekabe. Eben noch berichtet Lena Schwarz vom zehnjährigen Krieg gegen die Griechen, der längst vorbei ist, dessen Schrecken für sie aber erst begonnen haben. Da senken sich plötzlich riesige Trennwände von der Decke herab. Drei Schauplätze – drei Albträume. Links: Kassandra (Dagna Litzenberger Vinet). Mitte: Helena (Hilke Altefrohne). Rechts: Andromache (Carolin Conrad). Alle drei Troerinnen, geschundene Opfer des Krieges. Sie schildern die erlebten Grausamkeiten. Jede für sich. Jede zur gleichen Zeit. Die Zuschauer sind gezwungen, nach jeder Szene den Platz zu wechseln, sich neu zu orientieren. Eine dramaturgische Entscheidung als Herausforderung für die Darstellerinnen, die dreimal hintereinander die gleichen Entwürdigungen nachempfinden müssen. Aber auch für den Zuschauer, dem genau diese Wiederholung jedes Mal aufs Neue eingehämmert wird – spätestens dann, wenn ein Dröhnen vom Ende des Saals den Mord von Andromaches neugeborenem Kind ankündigt.

Überhaupt ist die Wiederholung das dominierende Stilmittel. Von den Kriegsgewinnern, die ihre Gräueltaten mit den ewig gleichen Floskeln rechtfertigen, über die monotonen Klagerufe der zur Kriegsbeute verkommenen Frauen, bis hin zur zirkulierenden Drehscheibe, von der aus die meisten Monologe gesprochen werden. Eben durch diese Wiederholungen entwickelt Henkels Inszenierung eine Sogwirkung. Es ist ein düsterer Strudel, dem sich der Zuschauer ebenso hilflos ausgesetzt sieht, wie die weiblichen Hauptfiguren ihren Widersachern.

Auch wenn jede Frau den Verlust von Familienangehörigen auf eigene Weise betrauert: Traumatisiert sind sie alle. Lena Schwarz spielt Hekabe mit herabhängenden Armen und rauer Stimme. Die Königin kann ihren Kummer herausschreien, eingreifen kann sie nicht. Als Sklavin des Odysseus muss sie mit ansehen, wie dieser ihre kleine Tochter umbringen lässt. Auch Andromache kann den Mord des eigenen Kindes nicht verhindern. Wo Hekabe ihrem Widersacher mit der Wut der Verzweiflung begegnet, resigniert sie, sehnt nur noch das Ende herbei. „Der Tod erstickt den Schmerz.“

Der optische Gegenpol zur zerzausten Andromache: die schönste Frau der Welt. Im rosa Tütü wirft sich Helena ihrem Ex-Mann Menelaos an den Hals. Dabei stellt sie sich und dem Publikum die Frage, wer sie wirklich ist: Mensch oder Sexsymbol? Henkel betont diese Dualität, indem sie Helena gleich in doppelter Ausführung auf die Bühne bringt. Denn es gibt noch eine zweite Helena auf der Bühne: Isabelle Menke. Die eine als Sexsymbol, die andere als Mensch, die perfekte Ergänzung. Noch deutlicher wird dem Zuschauer die sexuelle Komponente der Opferrolle in der Figur der Kassandra vor Augen geführt. Sie scheint sich ihren griechischen Vergewaltigern hinzugeben. Ihre zu Krallen ausgefahrenen Finger machen aber deutlich: Sie will Rache.

Zum Ende erzählt das Stück seine Vorgeschichte. Wie Heerführer Agamemnon, getrieben von Kriegsgier und angestachelt vom Pöbel, seine Tochter Iphigenie den Göttern opfert. Anhand der Kommentare von Hetäre (Kate Strong) wird deutlich: Die Frauen verstehen den Krieg, aber die Männer führen ihn. In einem Mix aus Deutsch und Englisch fasst Hetäre die Kriegsmotive zusammen: Habgier und Egoismus. Was sagen die Männer dazu? Erstaunlich wenig. Sie trinken, wie Menelaos, drehen die Musik lauter, wie Agamemnon. Oder sie faseln von „Werten“ und „Freiheit“ wie Pyrrhos (Milian Zerzawy). Und trotzdem sind sie es, die die Frauen mit ihren Entscheidungen ins Elend stürzen. So endet das Stück, wie es begonnen hat: Mit der Klage traumatisierter Opfer. Ein unbeschreiblicher Albtraum.

Kommende Vorstellungen: am 7., 10., 12., 13. und 16. Dezember am Zürcher Schauspielhaus, Schiffbau. Weitere Informationen: www.schauspielhaus.ch

Zum Stück

Von der deutschen Regisseurin Karin Henkel inszeniert, verbindet "Beute Frauen Krieg" die antiken Tragödien "Die Troerinnen" und "Iphigenie in Aulis". Beide wurden von dem griechischen Dramatiker Euripides circa 400 v. Chr. geschrieben. Die Stücke spielen kurz vor und nach dem trojanischen Krieg und rücken das Schicksal weiblicher Opfer in den Mittelpunkt. (das)

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