Öhningen Der Paradiesvogel aus dem Kuckucksei

Öhningen hat jetzt ein klassisches Musikfestival. Es will das Augustiner Chorherrenstift mit neuen Leben füllen. Zur Eröffnung war die komplette Höri auf den Beinen

Festivals gibt es zwar viele. Und es werden auch jedes Jahr mehr. Aber der Fall der Höri Musiktage im und um den historischen Augustiner Chorherrenstift in Öhningen lässt einen dann doch irgendwie staunen. Ein viertägiges Festival, das vollgepackt ist mit Kammer- und Orchesterkonzerten, mit Chanson und Jazz, mit Führung und Podiumsdiskussion über mögliche Nutzungskonzepte des Augustiner Chorherrenstifts, in nur einem Jahr aus dem Nichts heraus zu entwickeln und dabei eine Finanzierung von 80 000 Euro auf die Beine zu stellen – dazu gehören außer Tatkraft auch jede Menge Herzblut und die Begabung, andere mit der eigenen Begeisterung anzustecken.

Gemessen an dem, wer dann alles zur Festivaleröffnung auftauchte, ist Hilde von Massow genau dies gelungen. Die ehemalige Lehrerin ist die maßgebliche Initiatorin des Festivals und hat alle wesentlichen Entscheidungsträger mobilisieren können. Die gesamte Höri schien auf den Beinen gewesen zu sein, um dem kleinen Wunder beizuwohnen. Und in Wahlkampfzeiten ließen es sich auch Andreas Jung (CDU), Nese Erikli (Grüne) und Jürgen Keck (FDP) nicht nehmen, nach Pfarrer Stefan Hutterer und Bürgermeister Andreas Schmid ebenfalls ein paar Grußworte beizusteuern. Und dabei natürlich auch einfließen zu lassen, dass die Baden-Württemberg Stiftung die finanzielle Unterstütztung der neuen Musiktage auch im nächsten Jahr mit 40 000 Euro fortsetzt.

Dass sich das Land von dem Festivalkonzept überzeugen ließ, hängt natürlich auch damit zusammen, dass der Gebäudekomplex des Augustiner Chorherrenstifts teilweise auch dem Land gehört und die Idee des Festivals darin liegt, die Räume, die derzeit archäologisch untersucht und restauriert werden, kulturell zu nutzen. So soll ein historisches, 900 Jahre altes Kulturdenkmal zu neuem Leben erweckt werden.

Der Einzige, den Hilde von Massow offenbar noch nicht so recht überzeugen konnte, war Petrus. Der bescherte der Eröffnung am Donnerstag garstiges Wetter und erzwang so die Verlegung des ersten Orchesterkonzerts vom lauschigen Innenhof in die Stiftskirche. Inzwischen dürfte er allerdings versöhnt sein und das zweite Orchesterkonzert sollte am heutigen Samstagabend wie geplant openair stattfinden können.

Unterdessen holte Eckart Manke den Sommerabend mit Mendelssohns „Sommernachtstraum“-Ouvertüre in die Kirche. Eine Woche lang hatte der in unserer Region gut bekannte Dirigent nun mit dem Festivalorchester geprobt. Zu Beginn der Arbeitsphase waren sich alle Beteiligten fremd. 44 junge Musiker und Musikerinnen von den unterschiedlichsten deutschen und europäischen Musikhochschulen mussten erst einmal zu einem Klangkörper zusammenwachsen. Das Ergebnis war mehr als beachtlich und spricht nicht zuletzt für das Niveau, auf dem an unseren Hochschulen gearbeitet wird.

Neben Mendelssohn war Franz Schuberts „Unvollendete“ zu hören, jene Sinfonie, die aus nur zwei Sätzen besteht und von der man lange Zeit nicht wusste, ob man es hier mit einem Torso zu tun hat und die restlichen Sätze möglicherweise verloren gegangen sind. Doch da die beiden Sätze in sich geschlossen erscheinen, geht man heute davon aus, dass Schubert die Sinfonie nicht unvollendet, sondern einfach nur zweisätzig belassen hat.

Mal abgesehen von der musikalischen Tiefe dieses von dramatischen Stimmungswechseln durchzogenen Werks, eignet es sich für ein junges Orchester wie dieses auch deswegen gut, weil hier einzelne Instrumentalgruppen immer wieder Gelegenheit haben, sich solistisch zu präsentieren. Manke hatte mit den Musikern hörbar an der dynamischen Gestaltung der Phrasen gearbeitet. So zog sich beispielsweise die quasi unendliche Melodie geschmeidig durch den zweiten Satz. Und auch wenn die Lautstärke insgesamt ein wenig an den Kirchenraum hätte angepasst werden müssen, war es doch ein festlicher Auftakt für das neue Festival.

Herausragende Talente

Es folgte das erste der Konzerte, das junge Musiktalente präsentiert: Der 14-jährige Cellist Philipp Schupelius aus Berlin – er ist zur Zeit Jungstudent an der Musikhochschule Hanns Eisler – hatte mit Alexander Voronstov aus Hannover am Flügel besondere acht Stücke ausgewählt: Komponisten, die eher selten auf dem Programm stehen – Max Bruch, Claude Debussy, Alexander Glasunow oder Niccolò Paganini. Passend zum ganzheitlich kulturellen Anspruch der Veranstaltung erklang das vertonte jüdische Gebet „Kol Nidrei“ (am Vorabend des Versöhnungstages Jom Kippur) von Max Bruch. Die leisen und perlenden Klänge am Flügel kombiniert mit den sehr wehmütigen und weichen Klängen am Cello in getragenem Tempo zogen die Zuhörer im vollbesetzten Saal des Rathauses in ihren Bann.

Schupelius moderierte das Konzert selbst und spielte die meisten Stücke mit viel Humor – seine Lieblingsmusikform sind Variationen. Und die erklangen an diesem Abend zweimal: Niccolò Paganinis „Variazioni di bravura“ über das Gebet „Dal tuo stellato soglio“ aus Gioacchino Rossinis Oper „Moses in Ägypten“. Paganini sind während eines Konzerts bis auf die A-Saite alle Saiten seiner Violine gerissen und so spielte er das Konzert auf der A-Saite zu Ende. So auch Philipp Schupelius auf dem Cello, dem dieses fingerbrecherische Stück mit weichem Ton, sauberer Spieltechnik und viel Witz gelang. Paganini hätte seine Freude gehabt.

Erzählend interpretierte Alexander Voronstov die „Estampes“ von Claude Debussy. Chinesische Pagoden, heiße Nächte in Sevilla und Regen im Garten zeichnete Voronstov so einfühlsam in seinem feinen Spiel nach, dass das Stück auch ohne Moderation die Fantasie der Zuhörer angeregt hätte.

In ihrer Ansprache hatte Hilde von Massow die Musiktage scherzhaft als „Kuckucksei“ bezeichnet, das man der Höri ins Nest gelegt habe – hier, wo es mit Hesse- und Dix-Haus zwar viel Kultur gibt, bislang aber keine Musik. Da habe es durchaus skeptische Stimmen gegeben. „Ja, es war groß und fremd“, sagte von Massow. „Möge aus dem Kuckucksei ein Paradiesvogel schlüpfen.“

Weitere Konzerte

Samstag, 12.08.: 11 Uhr Harfen-Konzert (im Konventsaal), 12 Uhr Podiumsgespräch (Konventsaal), 14 Uhr Führung durch das Chorherrenstift, 21 Uhr Orchesterkonzert im Klosterhof mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy (Ein Sommernachtstraum) und Dmitri Schostakowitsch (Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester)

Sonntag 13.08.: 20 Uhr „Pechschwarz!“ Chansons und mehr (mit Graham F. Valentine, Gesang, und Leonard Dering, Klavier). Im Ratssaal. (sk)

Infos: www.hoeri-musiktage.de

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