Kultur Der Konstanzer Jazzherbst geht den Verbindungen zwischen Jazz und Volksmusik nach

Abschlusskonzert heute mit Matthias Schriefls Multiorchester

Auf den ersten Blick scheinen sie nur wenig miteinander zu tun zu haben, die Jazzer und die Volksmusikanten. Vor allem wenn man die avancierteren Formen des Jazz nimmt. Deren Abgehobenheit lässt sich nicht so leicht mit bodenständiger Folklore zusammendenken. Doch wie so oft im Leben – der Eindruck täuscht. Und daher hat es sich der diesjährige Konstanzer Jazzherbst zur Aufgabe gemacht, all die unterschiedlichen Spielarten aufzuzeigen, in denen Jazz aus Volksmusik erwächst oder umgekehrt. Und schon die beiden ersten Abende boten maximalen Abwechslungsreichtum.

Das Zürcher Quintett „Grünes Blatt“ liest Volkslieder aus Rumänien auf, die es sich auf eigenwillige Weise anverwandelt. Dass sich die Stücke manchmal mehr wie ein rumänischer Bartók oder Kodaly als nach typischem Jazz anhören, mag auch an den Arrangements des klassisch ausgebildeten Kontrabassisten Dominique Girod liegen. Sie konfrontieren die Schlichtheit des Volkstons mit experimentellen Spielarten der Klanggebung – wie ein Architekt, der einem traditionellen Bauernhaus einen modernen Erweiterungsbau gegenüberstellt.

Die Rumänin Irina Ungureanu, die man weniger als Sängerin denn als Vokalexperimentatorin bezeichnen möchte, findet vor allem in den höchsten Höhen zu irren Vokalfarben, zu erstickten Schreien und jodelartigen Umspielungen. Und obwohl Kraft, Wärme und emotionaler Ausdruck bei ihr nicht im Vordergrund stehen, vermitteln die Stücke von Grünes Blatt doch eine wunderbare Grundstimmung voll von Sehnsucht und Traurigkeit.

Auch aus der Schweiz kam das Quartett um die Trompeterin Hilaria Kramer. Aber musikalisch liegen Welten zwischen den beiden Ensembles. Das Motto „Volksmusik“ tritt hier zurück zugunsten einer rund einstündigen, ununterbrochenen Improvisation, die völlig freie und rhythmusbetonte, funkige Passagen ineinanderfließen lässt, dann wieder psychedelische Klangräume aufzieht und vor allem mit etlichen elektronischen Effekten spielt. Der wuchtigen Lautstärke musste man standhalten, dann aber war es eindrückliches Erlebnis.

Der diesjährige „Artist in Residence“ ist der 32-jährige Matthias Schriefl, Trompeter und Alphornspieler mit Wurzeln im Allgäu und jeder Menge Klamauk im Kopf. Er war und ist mit wechselnden und wachsenden Besetzungen am Jazzherbst beteiligt. Zunächst ulknudelte er sich mit den drei charmanten steirischen Streicherinnen von Netnakisum durch einen unterhaltsamen Abend. Hier wird nicht nur alpenländische Volksmusik in Jazz überführt, sondern auch Jazz in Klassik, Klassik in Musikkabarett und wieder zurück in Alpenfolklore, die schließlich noch der indischen Musik Hallo sagt. Cellistin deeLinde überzeugt nebenbei auch als Sängerin alter Jazzstandards. Viel bunter geht's nicht, und richtig gut spielen können sie ebenfalls – auch wenn sie mal die Rollen tauschen und die Damen zu den Blasinstrumenten greifen und Schriefl auf der Violine stümpert.

Das Ganze wird gekrönt von Schriefls vielsagenden Nonsens-Moderationen, um die ihn vermutlich selbst Helge Schneider beneiden würde. Ein großer musikalischer Spaß also. Der wird anderntags noch getoppt durch Schriefls Formation „Six, Alps & Jazz“, die durch den Perkussionisten Bodek Janke ergänzt wird. Hier darf offenbar nur mittun, wer mindestens drei Instrumente beherrscht, wobei Blasinstrumenten der Vorzug gilt. Wieder stellt Schriefl Alphornglühen und Jazzimprovisationen in harten Schnitten nebeneinander. Und dass auf Alphörnern auch Raggae möglich ist – das beweisen und Six, Alps & Jazz ebenfalls. Dazwischen gibt es etwas Obertongesang, eine Schädelweh-Polka und – sozusagen als Hausaufgabe (so Schriefl) – „Lustig, lustig muss man sein“.

Heute Abend geht's weiter. Da werden „Six, Alps & Jazz“ um weitere Musiker zum „Multiorchester“ erweitert. Angestrebt ist eine Art Big Band, bei der aber auch Holzbläser und Alphörner mitmachen dürfen. Sein „Marschplan“, so Schriefl, sei es, dass die Band sämtliche Instrumente, die sie auf die Bühne trägt, auch spielt und dabei auch noch Spaß hat. Die Stücke habe er den Bandmitgliedern „wie Neoprenanzüge“ auf den Leib geschneidert. Er habe sie teils in den Bergen, teils in Städten geschrieben, und so klängen sie auch. Mit großem Halligalli darf gerechnet werden.

Abschlusskonzert heute, 26. Oktober, 20 Uhr, Kulturzentrum am Münster: Matthias Schriefls Multiorchester. Eintritt 28 Euro, ermäßigt 23 Euro. Für Mitglieder 15 Euro.

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