Kultur Der Held seines Fachs

Wissenschaftler an der Universität Konstanz diskutierten den Fall des Romanisten Hans Robert Jauß, der Mitglied der Waffen-SS war

Erinnerungskultur ist selten Spaßkultur. Sie ist es schon gar nicht, wenn Vergehen des Nationalsozialismus in den Fokus geraten. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Fall des Romanisten Hans-Robert Jauß, Gründungsprofessor der Universität Konstanz. Vor seiner akademischen Karriere hatte der Ideengeber der Rezeptionsästhetik – diese Theorie fragt nach Rolle und Anteil des Lesers am literarischen Werk – eine andere steile, allerdings zweifelhafte hingelegt: als SS-Mann in Führungsposition.

Mit dem Fall beschäftigte sich jetzt – und „vielleicht abschließend“, wie der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke meinte – das „Exzellenzcluster: Kulturelle Grundlagen von Integration“. Dazu hatte Koschorke die Historiker Norbert Frei (Jena), Peter Schöttler (Berlin) und die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann (Konstanz) eingeladen. Die Wissenschaftler dachten referierten und diskutierten darüber, welche möglichen Auswirkungen die SS-Karriere eines ihrer ehemaligen Leitwölfe auf die Literaturwissenschaft und ihr Umfeld haben könnte.

„Die Liste der Unerwünschten“

Die Waffen-SS-Mitgliedschaft von Jauß war bereits in den 1980er Jahren bekannt geworden. Dieses Wissen blieb aber im universitären Raum. Erst das Jauß-Stück „Die Liste der Unerwünschten“ von Gerhard Zahner löste vergangenes Jahr eine öffentliche Debatte aus und veranlasste die Universität, ein Gutachten über das erste Leben von Jauß in Auftrag zu geben. Das liegt inzwischen vor. Der „ermittelte Sachstand“, so Koschorke, lieferte die Basis für den wissenschaftlichen Diskurs.Der in Potsdam lehrende Historiker Jens Westemeier reiste seinerzeit eigens nach Konstanz, um das Gutachten vorzustellen. Das für Jauß wenig schmeichelhafte Ergebnis der Recherche erfuhr dabei erstaunliche Interpretationen. Ihm und der Familie nahe stehende Kollegen lesen daraus einen Freispruch. Das wiederum hat mit Zahners Stück zu tun. „Die Liste“ spielt darauf an, dass Jauß im Dritten Reich an der Selektion für die Division „Charlemagne“ beteiligt gewesen sei. Es suggeriert, dass die aussortierten französischen Freiwilligen Opfer gewesen seien. Es setzt sie sogar mit den im KZ Stutthoff Inhaftierten gleich. Diese Behauptungen entsprechen nicht den Tatsachen.Das stellt das Gutachten fest. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Westemeiers akribische Archivarbeit – die ihn noch nach London und Washington führen wird – hat ergeben, dass der überzeugte Nationalsozialist Jauß, mit 23 Jahren einer der jüngsten Hauptsturmführer der Waffen-SS, als Kompanieführer in Kroatien an Kriegsverbrechen beteiligt war. Jauß hatte nach dem Krieg vor einem alliierten Militärgericht wahrheitswidrig behauptet, dass seine Truppe nicht „zu Maßnahmen gegen Partisanen oder gegen die Widerstandsbewegung“ eingesetzt worden sei. Eine Schwindelei von vielen anderen. Das Spruchgericht verurteilte ihn zu einer Geldstrafe, erließ sie aber, da er knapp zwei Jahre im Internierungslager verbracht hatte. Eine individuelle Tatbeteiligung kann Jauß bisher nicht nachgewiesen werden. Auch damit argumentiert sein Kreis, der in der Debatte die „postmortalen Persönlichkeitsrechte“ von Jauß verletzt sieht. Ein Vorwurf, der sich auch gegen die Universitätsleitung richtet, die diese „offene Diskussion“ ermöglichte. Koschorke erwähnte jetzt ausdrücklich, dass das Kolloquium kein Tribunal darstelle.Über seine Karriere im Dritten Reich und seine „Erfolge“ im Krieg – Jauß wurde hoch dekoriert – redete der spätere Professor nicht oder aber „akademisch neutralisiert“. Als der Romanist Earl Jeffrey Richards in den 1990er-Jahren an die Vergangenheit von Jauß erinnerte, reagierte dieser nach außen hin gelassen, instrumentalisierte aber Weggefährten für seine Zwecke, die in Publikationen den Fall herunterspielten. Aleida Assmann brachte in diesem Zusammenhang das Hermann-Lübbe-Wort vom „kommunikativen Beschweigen“ in die Diskussion ein. Das sei typisch für die Generation Jauß gewesen. Zugleich blickte Jauß neidvoll auf Kollegen, die – wie der Mediavist Arno Borst – über ihre Erfahrungen im Krieg berichteten.Einer seiner prominentesten Schüler, der in Stanford (USA) lehrende Hans Ulrich Gumbrecht, konnte sich in einem Gespräch mit dieser Zeitung nicht daran erinnern, dass sein Doktorvater Jauß je auf diese dunkle Seite seines Lebens eingegangen wäre. Und wenn, dann habe er geschönt, erzählte etwa, dass er beim „Russland-Feldzug“ alles drangesetzt habe, „die Wehrmacht zu subvertieren“. Gumbrecht habe ihm geglaubt, zumal sich Jauß als linkes SPD-Mitglied gab und mit einer Halbjüdin verheiratet war. Manchmal sei er ihm allerdings unheimlich vorgekommen, weil ein „gewisser militärischer Stil am Lehrstuhl“ herrschte. Es sei alles durchorganisiert gewesen.In der Frage, ob und wie das erste Leben Einfluss genommen hat auf das zweite, das des Literaturwissenschaftlers, verwies Gumbrecht auf den Meßkircher Philosophen Martin Heidegger: In beiden Fällen habe es eine Nazivergangenheit und ein enorm bedeutendes Werk gegeben. Gumbrecht spricht hier von struktureller Ähnlichkeit.Die Diskutanten des Exzellenzclusters brachten ein weiteres Detail ins Spiel: Der durch seine Vergangenheit belastete Jauß beschäftigte sich in seiner Dissertation von 1952 mit dem Gedächtnis im Werk von Marcel Proust. Dass ihn dazu sein eigenes Doppelgängertum angestiftet haben mag, ist allerdings eine Spekulation wie die Auffassung, dass er mit dieser „Suche“ eine „völlige Transparenz der Selbsterkenntnis“ erzielen wollte. Seine öffentlichen Auftritte sprechen dagegen.Über den Helden des Fachs Romanistik und Initianten der Forschergruppe „Poetik & Hermeneutik“, die nach der Stunde null die Geisteswissenschaften erneuern wollte, konnten die „fachfremden“ Historiker Norbert Frei und Peter Schöttler – Schöttlers Großvater war der SS-General Gustav Krukenberg, Vorgesetzter von Jauß in der Division „Charlemagne“ – keine Auskunft geben. Umso mehr verorteten sie den ehemaligen Nationalsozialisten in das Wirtschaftswunderdeutschland der Nachkriegsjahre. Wie andere Folgekarrieren aus dem Betrieb – der Name des Aachener Wissenschaftlers und SS-Führers Hans Schwerte fiel – war auch Jauß weder rückschrittlich noch restaurativ. Schon gar nicht vertrat er rechte Positionen – er, der auch tragende Sätze über Hitler schrieb, verehrte den Sozialdemokraten Willy Brandt. Zu alten Kameraden hielt er Distanz, Allianzen lehnte er ab. Dass er sich der Reformuniversität Konstanz anschloss, an herausragender Position am Projekt „Klein Harvard am Bodensee“ mitwirkte, passte da nur zu gut ins (Selbst-)bild. Die Cluster-Runde registrierte hier eine gewisse Kontinuität: Mit der Dynamik, mit der Jauß im Dritten Reich in die NS-Funktionseliten gelangte, gestaltete der Professor Jauß die neue bundesrepublikanische Gesellschaft mit.Kann eine Biografie ein Werk zerstören? Albrecht Koschorke, der umsichtige Moderator der Veranstaltung, rief auch diese fundamentale Frage auf, der ein Aufsatz von Gustav Seibt zugrunde liegt. Sie kann. Aber nicht zwangsläufig. Auch der Name des Waffen-SS-Mitglieds Günter Grass fiel dabei. In seinem Fall, aber auch im Fall von Jauß wird die Zeit diese „Leerstelle“ füllen.

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