Kultur Der Fall Hans Robert Jauß: Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will

Gerd Zahners Theaterstück über den Romanisten Hans Robert Jauß reißt zwischen amtierenden und ehemaligen Angehörigen der Universität Konstanz neue Gräben auf.

Der Konstanzer Emeritus Wolfgang Schuller spricht – in einem Brief an diese Zeitung – von „nachträglicher Gesinnungsprüfung“. Der Historiker beklagt mangelnde Transparenz bei der Bestellung eines Gutachters und schließt mit den Worten: „Ob der Schaden, der durch die Behandlung der Vorwürfe gegen Hans Robert Jauß durch die Universität selbst angerichtet worden ist, auch durch zukünftiges angemessenes Verhalten geheilt werden kann, muss leider dahingestellt bleiben“. Auch Altrektor Bernd Rüthers (1991-1996), beklagt in einer Mail an die Mitglieder des Senats: „Wir nehmen daran Anstoß, dass mit der Aufführung des Theaterstücks in der Universität eine Vorverurteilung des Kollegen Jauß vorgenommen wurde, bevor die Tatsachen, die das hätten rechtfertigen können, geklärt und erwiesen sind“. Der amtierende Rektor, Ulrich Rüdiger, schweigt zu den Vorwürfen.

Ein Theaterstück erregt die Gemüter. Gerd Zahners „Die Liste der Unerwünschten“ handelt von Hans Robert Jauß, Romanist mit Weltruf. Das Problem: Jauß trug im Dritten Reich die Uniform der Waffen-SS und wurde, da er in Kenntnis der Kriegsverbrechen handelte, nach 1945 von der 3. Spruchkammer in Recklinghausen zu einer Geldstrafe verurteilt, die er durch seine Internierung verbüßt hatte. Einiges davon war einer breiteren Öffentlichkeit schon Mitte der 1990er Jahre bekannt. Eine sich daran anschließende Debatte kam allerdings zu keinem abschließenden Ergebnis. Für einen „Fall Jauß“ reichen die Fakten nicht, schloss der Konstanzer Historiker Arnulf Moser 1997 seine Betrachtung dazu in der Zeitschrift „Allmende“.

Ob nun das „neue“ Material, das Zahner in seinem Stück verarbeitet hat, die Causa Jauß zu einem „Fall“ macht, auch diese Frage trägt zur Erregung bei. Wobei die gelehrten Streithähne vergessen: Es ist ein Theaterstück, also Kunst, keine wissenschaftliche Biografie. Zahner rekonstruiert in „Die Liste der Unerwünschten“ die Antrittsvorlesung, die Jauß 1967 unter dem Titel „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft“ gehalten hat. Der Romanist sprach damals im Konzilsgebäude, der Neubau der Universität war noch nicht fertig. Zahner verlegt die Antrittsvorlesung in das Audimax der Universität. Dort wurde das Stück am 19. November 2014 in einer Inszenierung von Didi Danquart uraufgeführt.

Etwa 300 Besucher, darunter der amtierende Rektor Ulrich Rüdiger und Altrektor Horst Sund (1976-1991), sahen den Schauspieler Luc Feit in der Rolle des Hans Robert Jauß. Rüthers fehlte an dem Abend, auch Schuller. Zahner zieht Fakten heran, biografische und historische Details, gießt das Ganze in die literarische Form des Monologs. Sein Jauß ist nicht amused, über seine Vergangenheit zu sprechen. Verständlich. Ein Leitmotiv des Stücks ist die „Liste der Unerwünschten“: Französische Kriegsfreiwillige, die 1944 in die Waffen-SS integriert werden sollten, wurden dabei auf ihre „Verwendbarkeit“ überprüft. Wer als nicht zuverlässig eingestuft wurde, kam auf eine Liste, was für manche die Deportation ins KZ Stutthof bei Danzig bedeutete.

Bereits im Frühjahr 2013 hatte Zahner den Rektor darum gebeten, das Stück im Audimax spielen lassen zu dürfen. Rüdiger wollte die Entscheidung nicht alleine treffen und zog Experten aus seinem Haus hinzu, der Germanist Albrecht Koschorke lud Zahner zu seinem Kolloquium ein. Neben dem gemeinsam gefassten Beschluss, das Stück aufführen zu lassen, brachte Rüdiger – „Wir müssen uns mit Herrn Jauß, mit seiner Vergangenheit, mit seiner Karriere, wie er die Literaturwissenschaft aufgebaut hat, auseinander setzen.“ – ein wissenschaftliches Gutachten auf den Weg. Der Rektor bestellte auf Vorschlag des Fachbereichs Literaturwissenschaft den Potsdamer Waffen-SS-Experte Jens Westemeier. Ihm zur Seite steht Jan Erik Schulte, ein Spezialist für die Geschichte der SS. Auch dieser Vorgang wurde dem Senat kommuniziert. Das Gutachten soll voraussichtlich im Frühjahr vorliegen.

Zeitgleich mit der Aufführung der „Liste der Unerwünschten“ veröffentlichte die Pressestelle der Universität ein Zwischenergebnis Westemeiers. Darin heißt es unter anderem: „Jauß war weder in der Hitlerjugend noch in der Waffen-SS ein ‚normales Mitglied’“. Bereits der Oberschüler, so der Gutachter, galt als „Hochpolitisierter seiner Generation“, der sich durch seine Mitgliedschaft auch „Vorteile für seine spätere Karriere versprochen habe“. Aber es heißt auch: „Nach bisher vorliegenden Unterlagen waren Einheiten von Jauß nicht an Deportationen von Juden beteiligt“.

Die Gemüter ehemaliger Angehöriger der Universität erregt nicht allein Zahners Stück, sondern das „Verfahren“, das Rüdiger zugeschrieben wird. In einem Anfang Dezember 2014 an den Rektor gerichteten Schreiben kritisieren Sund, Rüthers sowie der Philosoph Jürgen Mittelstraß, dass Rüdiger die Aufführung des Stücks zugelassen habe, bevor das Gutachten von Westemeier vollständig vorliegt. Grundsätzliche Kritik formuliert das Trio auch an dem noch nicht abgeschlossenen Gutachten und wie es in der Presseerklärung zitiert wurde: „Der Text zeigt eine für einen historischen Gutachter und die Universität erstaunliche Naivität und historische Unkenntnis“. Die Sorge der Unterzeichner richte sich darauf, heißt es weiter, „dass das bisherige Vorgehen der Universität den Eindruck erwecken könnte, es spiegele die ganz überwiegende Meinung der Mitglieder der Universität Konstanz. Das trifft nach unseren Gesprächen mit vielen Universitätsangehörigen der meisten Disziplinen und der Verwaltung nicht zu. Es besteht aus unserer Sicht die Gefahr, dass die Universität ein neues, falsches Gesicht bekommt.“ Sund, Rüthers und Mittelstraß fordern daher einen internen Diskurs zum Komplex Jauß, dem sich auch Schuller anschließt: „Vorwürfe wegen NS-Belastung, womöglich Beteiligung an Verbrechen, gehören zu den schwersten, die in Deutschland erhoben werden können. Das hätte eine vorsichtige und äußerst gewissenhafte Behandlung nötig gemacht“.

Die starken Worte der Altrektoren und es Leibnizpreisträgers Mittelstraß, gerichtet an den Rektor, blieben nicht ohne Gegenrede. Michael Schwarze, bis Oktober 2014 Sprecher des Fachbereichs Literaturwissenschaft, hält die Kritik am Auswahlverfahren und die öffentlich formulierten Zweifel an der wissenschaftlichen Qualifikation von Westemeier für „ungerechtfertigt“. Der Wahl habe ein intensiver Beratungsprozess mit namhaften Historikern zugrunde gelegen. Darüber hinaus sieht Schwarze innerhalb der Universität einen „breiten Konsens“ für das von Rüdiger angestrebte Bemühen, Licht ins Dunkel der Biografie von Hans Robert Jauß zu bringen.

Auch der Politologe Wolfgang Seibel stützt den Rektor. In einer Mail an Rüthers zeigt er sich mit dem Juristen zwar darin einig, dass Zahners Stück „gezielt als eine leidenschaftliche Anklage gegen Hans Robert Jauß konstruiert“ sei. Er widerspricht Rüthers aber darin, „die Aufführung des Theaterstücks als einen Akt der Vorverurteilung von Hans Robert Jauß zu bezeichnen“. Seibel weist in dem Zusammenhang auf die Podiumsdiskussion hin, bei der Westemeier erklärte, dass für eine persönliche Teilnahme von Jauß an Kriegsverbrechen, vorbehaltlich der Ergebnisse noch ausstehender Recherchen, die Beweise fehlten. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass Jauß, anders als in dem Stück behauptet, im Herbst 1944 an der Aussortierung französischer SS-Angehöriger aus der SS-Division „Charlemagne“ und ihrer anschließenden Einlieferung in das KZ Stutthof wohl nicht beteiligt war. Diese Selektion habe man den französischen Offizieren überlassen.

Seibel verteidigt die Entscheidung, „Die Liste der Unerwünschten“ in der Universität spielen zu lassen: „Hätte der Rektor nicht die Entscheidung getroffen, das fragliche (und fragwürdige) Theaterstück in der Universität aufführen und darüber öffentlich diskutieren zu lassen, wäre der Vorgang zunächst in einer Grauzone des Halbwissens verblieben. (…) Es ist der Umsicht und auch dem Mut unseres Rektors Ulrich Rüdiger zu verdanken, dass es anders kam“.

Der Rektor schweigt. Er werde das Thema erst wieder nach Eingang des Gutachtens zur Diskussion bringen. Dass es damit vom Tisch ist, ist kaum anzunehmen. Es ist kein alleiniges Konstanzer Thema, vielmehr Teil einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, nicht vergehen darf. „Jede Generation muss für sich verantworten und verarbeiten, wie sich das damals eigentlich zutragen konnte“, so Rüdiger in einem früheren Interview. Jetzt ist seine Generation dran. Die Altvorderen müssen sich aber fragen lassen, warum sie, als die SS-Verwicklungen von Jauß bekannt wurden, geschwiegen haben. Dass sie sich jetzt als Kritiker am „Verfahren“ melden, macht sie in der Sache nicht glaubwürdiger.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Mehr zum Thema
Nazi-Vorwürfe gegen Hans Robert Jauß: Hans Robert Jauß war von 1966 bis 1987 als Professor für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz tätig und galt als Aushängeschild der Hochschule. Erst in den 1990-er Jahren wurde seine Rolle im Nationalsozialismus hinterfragt, denn er war Mitglied der Waffen-SS. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dauert bis heute an. Alle Hintergründe zu dem Fall Hans Robert Jauß in unserem Themenpaket:
Zum Valentinstag ❤ Geschenke mit Herz ❤
Neu aus diesem Ressort
Kultur
Musik
Kultur
Kultur
Kultur
Kultur
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren