Kultur Das Myzel, aus dem Musik erwächst

Der Komponist Wolfgang Rihm bei den Weingartener Tagen für Neue Musik

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, in welche Bilder der kreative Prozess des Komponierens gefasst wird, um ihn irgendwie verstehbar zu machen. Grob gesprochen gibt es zwei Gruppen. Die einen vergleichen das Komponieren mit einem organischen Prozess. Das Werk selbst erwächst aus einem Keim, es entwickelt sich wie eine Pflanze, treibt Äste, Blätter, Blüten, bis es schließlich in voller Pracht vor uns steht. Komponisten sprechen gerne davon, sie würden ihr musikalisches Material, die Motive und Themen nur beobachten und schauen, welche Dynamik sie entwickeln. So als stecke ein Eigenleben darin. Die anderen lenken das Augenmerk mehr aufs Handwerkliche. Komponieren bezeichnet hier den Vorgang des Zusammensetzens – genau so wie es das lateinische Wort „componere“ ja auch meint. Ein Werk entsteht so aus der Montage unterschiedlichster Materialien.

Das Organismus-Bild erfreut sich zumindest in der mitteleuropäischen Musik noch immer der größeren Beliebtheit – vielleicht, weil darin auch noch Platz für einen Hauch von Geheimnis bleibt und der kreative Prozess nicht ganz und gar profanisiert wird. Auch Wolfgang Rihm spricht vom „vegetativen Komponieren“. Bei den Weingartener Tagen für Neue Musik stand er mit seinem Werk im Mittelpunkt des Wochenendes. Das Festival unter der künstlerischen Leitung von Rita Jans, das in diesem Jahr zum 30. Mal stattfand, ist ja seit jeher als Komponistenporträt angelegt, wobei der jeweilige Komponist oder die Komponistin anwesend sind und auch über ihr Werk sprechen können und sollen. Das gelingt mal besser, mal schlechter – nicht jedem ist neben seiner Komponiergabe auch die Gabe zum Sprechen darüber mit in die Wiege gelegt.

Vegetatives Komponieren

Wolfgang Rihm schon. Der begnadete Komponist ist auch ein begnadeter Redner, der sich aus dem Stand und quasi im Plauderton mit viel Sprachwitz über musikphilosophische Fragestellungen unterhalten kann. Allein schon deswegen lohnte sich in diesem Jahr die Fahrt nach Weingarten. Rihm baute im Gespräch mit dem Pianisten Siegfried Mauser den Begriff vom „vegetativen Komponieren“ (Rihm: „Er lenkt die Aufmerksamkeit auf das Wachstum“) zu einem Bild für sein eigenes Komponieren aus. Dieses sei wie ein Myzel, sagte er. Wie eine unterirdische, weitverzweigte Landschaft. Und die einzelnen Kompositionen sind wie die Fruchtkörper, die Pilze, die aus diesem Myzel wachsen.Ein vielsagendes Bild, denn es macht auch die innere Verwandtschaft der Werke untereinander deutlich, die alle aus ein und demselben Nährboden stammen. Auf Rihms Werk trifft das umso mehr zu, als seine Stücke häufig durch intertextuelle Bezüge miteinander verbunden sind. Rihm greift eigene Werke wieder auf und verwendet sie in einem anderen Kontext neu, so wie manche Bildenden Künstler ihre eigenen Bilder übermalen.Solche Überschreibungen en detail zu beobachten, dafür reicht ein Wochenende freilich nicht. Das Oeuvre des 63-jährigen Rihm ist schon heute gewaltig. Da sind in Weingarten kaum mehr als ein paar Schlaglichter möglich – die hier allerdings allesamt ohrenfällig machten, warum der Karlsruher Komponist zu den bedeutendsten und meist aufgeführten Gegenwartskomponisten zählt.Siegfried Mauser sprach mit Rihm nicht nur über dessen Klavierzyklus „Zwiesprache“, sondern spielte die fünf Sätze auch, die in memoriam Alfred Schlee, Paul Sacher, Heinrich Klotz, Hans Heinrich Eggerecht und Hermann Wiesler entstanden sind. Große Figuren, mit denen Rihm eng verbunden war und die alle im Jahr 1999 gestorben sind. Rihm hat ihnen kleine Trauermusiken nachgerufen, oft schlicht, dafür intim und innig im Ton.Spannend war die Gegenüberstellung von Rihms 1. Streichquartett, das er 1970 als Achtzehnjähriger komponiert hatte, mit dem 9. Streichquartett von 1992/93. Eine bewundernswert „fertige“ Musik, der zugleich das Bemühen anzuhören ist, „dazu gehören“ zu wollen, steht einem vollkommen souveränen Umgang mit den Mitteln des Streichquartetts gegenüber. Schon der wie ein Akkordeon klingende Beginn des 9. Quartetts zieht einen hinein in eine Klangwelt, die mit immer neuen Ideen aufwartet. Was beiden Quartetten dennoch gemeinsam ist, ist ein nie versiegender Ideen- und Energiefluss. Es ist das Myzel, aus dem Rihms Kompositionen wachsen, die von ihrer sich immer wieder entladenden Expressivität leben – was das Quatuor Danel in Weingarten übrigens mit einer mustergültigen und ganz auf Risiko gespielten Interpretation unterstrich.Eine Irreführung ist der tiefstapelnde Titel „Vier Studien zu einem Klarinettenquintett“, für das sich der Klarinettist Thorsten Johanns zu dem belgischen Streichquartett hinzugesellte. Von wegen Studien. Ein Meisterwerk offenbarte sich hier, mit einem von zarten Walzerklängen durchzogenen dritten und einem seelenvollen vierten Satz, dessen Schluss die Klarinette so verklingen ließ, dass ein ganzer Saal den Atem anhielt. „Dass es so etwas gibt“, staunte Rita Jans. Und man wusste nicht, ob sie nun Rihms Komposition oder die Interpretation mit dem umwerfenden Thorsten Johanns meinte, denn eins schien wie fürs andere gemacht.Eine wieder ganz andere Klangwelt zeigte sich in dem geistlichen Werk „Vigilia“, das das Vokalensemble Singer Pur und das Ensemble Modern (Leitung: Jonathan Stockhammer) in der Weingartener Basilika aufführten. Rihm schließt darin an die klassische Vokalpolyfonie des 15 und 16. Jahrhunderts an. Das Ergebnis ist, was Dichte und Chromatik des Satzes betrifft, etwas wie ein Gesualdo-Konzentrat, ohne dass sich Rihm auch nur im Entferntesten der Kopie verdächtig machen würde. Trotzdem sind die Allusionen sofort da, sodass der verwirrende Eindruck eines Vexierspiels zwischen Alter und Neuer Musik entsteht. Auch solche Fruchtkörper also kann das Rihm-Myzel hervorbringen.

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