Konstanz Christa Näher und ihre Arbeit: Kunst zwischen Vision und Wirklichkeit

Werkstattbesuch: In einem Schusterhaus mit Blick auf Schloss Wolfegg arbeitet die Malerin Christa Näher. In Konstanz ist eine Ausstellung von ihr zu sehen.

Wer Christa Nähers Kunst kennt, der erwartet von ihrem Wohnsitz eine Art Ritterburg oder ein sagenumwobenes Schloss, in dem es noch mit Ketten rasselnde Skelette gibt, die aus den Ecken plötzlich auftauchen und Albträume verursachen. Ganz so unrecht hat man mit dieser Vorstellung nicht, denn das dreihundert Jahre alte, denkmalgeschützte Schusterhaus, das in der lieblichen Landschaft nordwestlich von Ravensburg, mit einem direkten Blick auf Schloss Wolfegg liegt, hat zwar keine offensichtlichen Skelette aufzuweisen, aber es besitzt eine Remise für Pferde, eine schon etwas abgenutzte Pracht mit Patina und auch dunkle Ecken sind genügend vorhanden.

Die Landschaft aber ist eher lieblich und hügelig, hat nichts Bedrohliches, sondern atmet die ländlich heitere barocke Lebensart dieser Gegend. Und da wären wir auch schon bei einem weiteren Stichwort, welches die Malerei von der in Lindau geborenen Künstlerin beschreibt: barock. Aber nicht nur die sinnlich-heitere, prunkvolle Machart des Barocks, sondern auch das Pendant dazu, die dunkle, kriegsgeprägte und von Tod und Vergänglichkeit geschüttelte Krisenzeit des 17. Jahrhunderts. Eine Zeit, die von Licht und Schatten, von Tod und üppigem Leben, von erotisch aufgeladener Idealisierung, aber auch vom düsteren Alltagsgeschäft geprägt war. Der südwestliche, ländliche Barock hat Christa Näher schon von Kindheit an begleitet und hat sie letzten Endes nach vielen Jahrzehnten in nördlicheren Großstädten wieder nach Hause kommen lassen.

Hier lebt sie nun inmitten der Natur, mit Hund und Katzen, mit dem Barock und den Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, die immer wieder in ihr hochkommen, ausgelöst durch Begegnungen, Gerüche, Filme, literarische Sätze oder Gebäude. „Ich erinnere mich tausend Jahre zurück“, sagt sie selber. Diese wie aus dem Nichts aufsteigenden Erinnerungen führen dann zu ihrer ganz eigenen Malerei, die manchmal wie von selbst entsteht, in der sie nur noch die Ausführende ist, als ob etwas anderes den Pinsel in der Hand hält, das sie bewegt so zu malen, wie sie malt. Sie sucht diese Bilder von tanzenden Skeletten, von sich aufbäumenden Pferden, von morastigen Landschaften, von Minotauren und Kentauren nicht, sondern sie kommen zu ihr. Vielleicht sind es übertragende Erinnerungen von vorherigen Generationen, die dann durch sie an die Oberfläche gelangen und sich auf der Leinwand manifestieren. Sie kann manche Affinitäten zu Pferden, zu Hunden oder Tieren allgemein, zu bestimmten Orten oder Geschichten gar nicht erklären, sie sind einfach da, ohne ihr Zutun und sie müssen aus dem Dunkeln der untersten Schichten der Seele ans Licht befördert werden.

Überbordende Fantasien und albtraumhafte Visionen hatte sie schon in ihrer Kindheit, die sie in einer herrschaftlichen Villa in Lindau verbrachte. Dort in dem riesigen Garten sah sie schon Teufelsfratzen, Baummenschen und Dämonen, und dort hat sie auch schon immer Pferde gezeichnet. Das Pferd wurde dann irgendwann Sinnbild für sie selbst, durch das Pferd konnte sie sich selbst darstellen und auch ihre inneren Widersprüche nach außen kehren. Das nicht angepasste Pferd, das einzelne Pferd, das sich aufbäumende Pferd kehrt immer wieder in ihre Bilder zurück, mal als dunkler Schein aus dem Dunkeln auftauchend, mal aber auch als weiße Herrlichkeit, wild und prachtvoll in seiner Bewegung.

Christa Näher selber war auch nie angepasst. In ihrem bewegten Leben, das sie unter anderem 27 Jahre lang als erste weibliche Professorin an der Städel Schule in Frankfurt verbracht hat, ist sie immer ihren eigenen Weg gegangen. Wenn andere abstrakt malten, blieb sie bei der Gegenständlichkeit, wenn andere nur so mit Farbe herumspritzten, dann blieb sie bei ihren aus der Tiefe kommenden schwarzen oder grauen Bildern, in denen nur ab und zu einmal Farbe aufblitzt. Auch der Malerei ist sie immer treu geblieben, auch wenn diese angeblich immer wieder für tot erklärt wurde.

Sie musste sich ihr ganzes Berufsleben gegen viel männliche Dominanz zur Wehr setzen, aber dafür wollte sie ihre Weiblichkeit nicht aufgeben. Sprüche wie „Frauen, die malen, drücken sich vor der Arbeit“, ist sie mit der ihr eigenen Ironie und Gelassenheit begegnet, ohne sich von dem, was sie für richtig hielt, abbringen zu lassen. Für sie war immer die Sprache der Seele und die Authenzität wichtig und das hat sie auch ihren Studenten versucht zu vermitteln. Auf die innere Stimme muss man beim Malen hören, auf etwas, was natürlich gewachsen ist und nicht artifiziell herbeigeführt wird.

Beim Malen gibt es keine goldene Regeln oder besondere Tricks, sondern einfach die Stimmigkeit zwischen Innen und Außen, zwischen dem innerlich Erlebtem und dem äußerlich Wiedergegebenen. Das zu finden kann ein langer, mühsamer Weg sein, aber lohnenswert ist er auf alle Fälle. Das merkt man Christa Näher auch im Gespräch an: Sie hat im Medium der Malerei einen Weg gefunden, ihre eigenen Dämonen und Visionen, ihre eigenen Ängste und Begehren zu artikulieren und rauszulassen. Das schenkt ihr eine geistige Freiheit, die sie jetzt mit 70 Jahren in großen Zügen genießt.

Ausstellung in Konstanz

Christa Näher stellt noch bis zum 26. November im Konstanzer Kunstverein aus. Ihre zum Teil riesigen Bilder zeigen neben Pferden apokalyptische Visionen und Totentänze. Sie entstehen durch ein enges Zusammenspiel von Fantasie und Natur. Durch ständiges Übermalen artikuliert sich das endgültige Thema erst in der Prozesshaftigkeit des Arbeitens. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Samstag bis Sonntag 10-17 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer: 07531/22341. (uni)

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