Kunst Anschauen lohnt sich – die Fondation Beyeler widmet dem Maler Paul Klee eine Ausstellung

Die Fondation Beyeler in Basel-Riehen zeigt in ihrer Herbst-Ausstellung in 110 Werken das Universum des Malers Paul Klee – genauer gesagt, dessen abstrakte Dimension. SÜDKURIER-Autor Siegmund Kopitzki hat sich die Ausstellung angesehen.

Als Paul Klee 1940 nach langer Leidenszeit im Alter von 60 Jahren starb, hinterließ er ein Oeuvre, das nahezu 10.000 Werke umfasst. Sein Fleiß und seine Besessenheit wurden im 20. Jahrhundert nur von Pablo Picasso übertroffen. Selbst im Todesjahr trotzte Klee seinem gepeinigten Körper 366 Bilder ab, überwiegend Zeichnungen. „Nulla dies sine linea“ – kein Tag ohne Linie – lautete seine Devise. Obschon dieser Bilder-Berg irritiert, erscheint beim näheren Hinsehen jedes Blatt wie eine seltene Kostbarkeit, es ist Zeuge eines Kampfes um eine unverwechselbare Bildsprache. Klee erwies sich am Ende seines Lebens als Lyriker und Satiriker, als Mystiker und Spieler, als Zauberer und Lehrmeister, als Kindskopf und Philosoph und auch als Musiker – und vereinte doch all diese scheinbaren Gegensätze in seiner Kunst.

Diesseitig, so meinte er einmal, sei er nicht fassbar. In der Tat macht es Klee seinen Interpreten nicht leicht. Der poetisch-fabulöse, märchenhafte Charakter der Gemälde und Aquarelle hinterlässt oft genug nur assoziative Eindrücke. Ebenso wie sich einzelne Bilder häufig einer ikonographischen Analyse entziehen, lässt sich das Gesamtwerk keiner Kunstkonzeption oder Stilrichtung eindeutig zuordnen. Die Zeichnungen und die Malerei zeigen eine erstaunliche Vielfalt. Details seines bildnerischen Schaffens lassen an Symbolismus, Fauvismus und Expressionismus denken, an Kubismus und abstrakte Kunst, selbst an Surrealismus und Dadaismus. Am Ende aber steht die Feststellung, dass Klees Werk mit keinem dieser Begriffe wirklich zu fassen ist. Es gilt sein Satz: „Ich bin mein Stil.“

Dass die Fondation Beyeler in Basel-Riehen in ihrer Herbst-Ausstellung das Universum Klee mit 110 Werken, davon etliche aus der eigenen Sammlung, auf seine abstrakte Dimension abklopft, ist kein Widerspruch, sondern eine lobenswerte Versuchsanordnung. Zu Recht wendet Kuratorin Anna Szech ein, dass der informelle Aspekt in der Klee-Forschung bisher kaum beleuchtet wurde.

Delaunay dient als Vorbild

Und auch darin ist ihr zuzustimmen, dass Klees Name nicht fällt, wenn von der Abstraktion in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts die Rede ist. Andere Protagonisten der klassischen Moderne dominieren hier, Wassily Kandinsky etwa, mit dem Klee am Bauhaus in Dessau und Weimar lehrte und dort die Farbfeldmalerei für sich entdeckte, Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian oder Robert Delaunay. Letzteren hat Klee 1912 in Paris kennen gelernt. Delaunays Gebrauch der Farben, die nicht an den Gegenstand gebunden sind, sondern allein Licht und Farbe ausdrücken, faszinierte ihn. Dass Szech in ihm ein Vorbild für Klees Ambitionen sieht, verwundert nicht. Hier setzt die chronologisch geordnete, sich über sieben Säle erstreckende Ausstellung ein – mit Klees Anfängen in den 1910er-Jahren.

Auch sein Maler-Kollege August Macke, der nur wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Soldat in Frankreich fiel, war von dem „Farbklavier“ Delaunays angetan. Mit Macke und Louis Moilliet machte sich Klee im April 1914 auf den Weg nach Tunesien. Macke hatte bereits vor dieser Reise in den Orient, in dem Klee für sich das „Geheimnis der Schöpfung“ erkannte, abstrakte Bilder gemalt, oft gegliedert durch geometrische Muster. Soweit war Klee, der sich in seiner ersten Zeit als Künstler vor allem als Zeichner verstand, noch nicht. Das sollte sich mit der Tunesien-Reise ändern.

Klee und Macke lieferten sich in dem nordafrikanischen Land einen bildnerischen Wettstreit, der sie zu künstlerischen Höchstleistungen inspirierte. Und auch Moilliet, der auf der Reise nur wenig malte, zog mit. Durch das besondere Licht verleitet, schufen sie Bilder von einer unglaublichen Leuchtkraft. Den Ausgangspunkt des Mythos dieser Reise bildete einerseits die unverwechselbare bildnerische Präsenz der dort entstandenen Aquarelle, andererseits der berühmt gewordene Tagebuch-Eintrag Klees, in dem er seinen Aufenthalt in der Wüstenstadt Kairouan zum künstlerischen Erweckungserlebnis verklärte: „Die Farbe hat mich. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“

Will sagen: Klee fand zur Abstraktion. Sie basierte auf dem Herauslösen bildnerisch reiner Beziehungen aus der sichtbaren Welt. Im Atelier sollte er weitere Bilder von dem islamischen Wallfahrtsort malen. Bilder, die sich selbst genügen. Wo er sich am meisten vom Gegenstand entfernt, wie in dem Blatt „In der Einöde“ (1914), verwebt er transparente, fast gläsern wirkende Farbfelder zu einem schwebenden Ganzen. Nur ein kaum sichtbares Dromedar, das wie eine wandelnde Pyramiden auf Beinen wirkt, verweist noch auf die äußere Wirklichkeit. In der luziden, fast traumhaften Leichtigkeit solcher Aquarelle und Gemälde – und die Ausstellung knausert nicht mit meisterhaften Beispielen, dazu gehört der „Teppich der Erinnerung“ (1914) – lösen sich die Dinge in reines Farbschimmern auf.

Jede Reise bringt ihn weiter

Klee verspürte eine Sehnsucht nach dem Orient. Die Reisen, die er in den Jahren zwischen 1911 bis 1933 nach Tunesien, Italien und Sizilien, nach Elba, Ägypten und Südfrankreich unternahm, waren Meilensteine seines Schaffens, auch im Fall der Abstraktion. „Die kühle Romantik dieses Stils ohne Pathos ist unerhört“, notierte er 1915. Auf Elba zeichnete er 1926 bestechende Blätter wie das verwinkelte Rio, dessen Häuser er als kristallines kubisches Formengerippe darstellt. In Ägypten beeindruckten ihn die Hieroglyphen ebenso wie die Ordnung des Sichtbaren durch die Kraft der Zahlenverhältnisse.

Bereits während seiner ersten Italien-Reise im Jahr 1902 war Klee klar geworden, dass der Organismus der historischen Baukunst auf Proportionen, also auf Zahlen beruht, „die nichts Kaltes bedeuten, sondern Leben atmen“. Diese Einsicht fand er in der Kunst und Kultur am Nil bestätigt und verband sie in seinen Bildern mit den farbigen Escheinungen von Wasser, Licht und Himmel. Alle diese Phänomene nahm Klee in sich auf. Bilder mit zartfarbenen Linien und Rechtecken, unmittelbar nach der Reise gemalt und noch später – wie die farbenprächtigen Streifenbilder aus den 1930er-Jahren belegen – spiegeln diese Euphorie und auch die Entdeckung einer ganz neuen Bildform.

Dass diesem Künstler ein Platz in der Geschichte der abstrakten Malerei des 20. Jahrhunderts gebührt, ist unstrittig, zumal nach dieser Ausstellung, die von einem gewichtigen Katalog begleitet wird. Allerdings gilt es daran zu erinnern, dass Klee in der Abstraktion und Figuration keine echten Gegensätze sah. Die reine Abstraktion war nie Endziel seiner Kunst – im Unterschied zu den genannten Repräsentanten dieses Stils –, sondern reines Spielfeld.

 

Paul Klee – Die abstrakte Dimension: Fondation Beyeler, bis 21. Januar 2018. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Informationen auf www.fondationbeyeler.ch

 

Der Künstler

Paul Klee (1879-1940) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. In der Schweiz geboren, kam er 1898 zum Kunst-Studium nach München. Nach der Begegnung mit Wassily Kandinsky und dem „Blauen Reiter“ sowie einer Tunesien-Reise fand er zu seiner eigenständigen, von der sichtbaren Wirklichkeit weitgehend losgelösten Formensprache. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ging er zurück in die Schweiz.

 

Paul Klee in der Fondation Beyeler:

 

 

 

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