Baden-Württemberg "Wir brauchen mehr Verlässlichkeit": Wo Bauern aus der Region der Schuh drückt

Ernte-Einbußen, Hagelversicherung, Ausbildung: Was Bauern Minister Hauk auf den Weg geben.

Alexander Buhl erwartet an diesem Nachmittag klare Worte eines Ministers. Sein 50 Hektar großer Familienbetrieb, eingebettet in Obstplantagen bei Wahlwies nahe dem Bodensee, sieht einem katastrophalen Ernteausfall entgegen. Über 90 Prozent der Apfelernte sind durch Frostschäden im Frühjahr kaputt gegangen; statt der sonst üblichen 20 Erntehelfer wird Buhl diesmal nur drei anheuern. „Ich bin gespannt, was für uns dabei rauskommt,“ sagt der Obstbauer nun mit Blick auf ein Treffen mit Agrarminister Peter Hauk (CDU).

„Uns brennt die aktuelle Situation unter den Nägeln,“ legt Vater Franz Buhl vor 40 weiteren Obstbauern nach. „Die Probleme kommen erst noch auf uns zu.“ Bei vielen Betrieben werden Ende des Jahres Pacht und Versicherung fällig, Zinsen müssen gezahlt, Investitionen getilgt werden, beim Pflanzenschutz habe man bislang auch nichts gespart. Wenn dann die Ernte ausfällt, bringt das einen Betrieb schnell an den Rand seiner Möglichkeiten.

Betreiber reiner Biogasanlagen sehen harten Zeiten entgegen.
Betreiber reiner Biogasanlagen sehen harten Zeiten entgegen. | Bild: dpa

In Stuttgart ist man bemüht, die Wogen zu glätten, nicht zuletzt wegen der anstehenden Bundestagswahl. Inzwischen steht fest, dass Landwirte einen Teil ihres Schadens vom Land ersetzt bekommen. Doch die Probleme sind vielschichtig, wie sich anschließend auf dem Milchvieh-Hof von Markus Traber in dem 14 Kilometer entfernten Mühlingen herausstellt. Die Liste ist lang, die dem Agrarminister und dem örtlichen Bundestagsabgeordneten Andreas Jung (CDU) vorgelegt wird. „Wir brauchen mehr Verlässlichkeit,“ lautet das Fazit.

 

  • Ausbildung: Die Zahl der Landwirte sinkt und damit auch die Zahl der Lehrlinge. Darunter leidet beispielsweise die Landwirtschaftsschule Radolfzell, die seit 50 Jahren für die Ausbildung in den Betrieben am Hochrhein und Bodensee zuständig ist. Nur knapp kann die Zahl von 16 Schülern hier gehalten werden. Eine Schließung bedeutet längere Wege, so Schulleiter Norbert Opferkuch. Die Attraktivität der Ausbildung würde sinken. – Hauk: „Wir versuchen, alle Standorte zu halten.“ Die Schülerzahl dürfe aber nicht mehr stark sinken.
  • Landwirtschaft und Verbraucher: Vermisst wird eine verlässliche und ausreichende Finanzierung des außerschulischen Lernangebots zum Thema Landwirtschaft. Antonia Kitt aus Überlingen, die die Initiative Lernort Bauernhof mitträgt: „Wir fordern klare Strukturen und eine klare öffentliche Finanzierung.“ – Eine Aufnahme in den Bildungsplan sei nicht vorgesehen, so Hauk. Bei der Finanzierung sei vorerst keine Besserung in Sicht.
    Netze gegen Hagel: Eine Versicherung können sich viele nicht leisten.
    Netze gegen Hagel: Eine Versicherung können sich viele nicht leisten. | Bild: dpa
  • Flächenverbrauch: Die landwirtschaftlich genutzte Fläche ist begrenzt, zumal Kommunen von der Möglichkeit Gebrauch machen, Äcker in Bauland umzuwandeln. – Hauk mahnt hier überfällige Veränderungen des Naturschutzgesetzes an. Der Abgeordnete Jung sieht hier die Notwendigkeit einer Flexibilisierung der Vorschriften für Ausgleichsflächen.
  • Bürokratie: Das von Grün-Rot eingeführte Fiona-Programm sorgt bis heute für Verdruss. Weil die unterstützende Software für Anträge von Ausgleichszahlungen verzögert kam, mussten viele Landwirte mehrere Monate lang auf ihr Geld warten. Hauk stellt in Aussicht, dass bis Ende 2017 alle älteren Anträge abgearbeitet seien. „Ich kann versuchen, das zu beschleunigen, hätte diese Anordnungen aber so nicht getroffen.“
  • Steuerfreie Risikorücklage: Landwirte leiden besonders unterm Klimawandel. Sie wünschen sich, in guten Jahren finanzielle Rückstellungen zu machen, die in schlechten Jahren verrechnet werden können. Das gelinge aber nur, wenn die Rücklagen auch steuerfrei sind, sonst seien viele Betriebe nicht dazu in der Lage. Laut Andreas Jung will die CDU dies in der nächsten Legislaturperiode durchsetzen. Dazu habe sich auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bekannt.
    Apfelplantagen bei Ailingen unter Hagelnetzen.
    Apfelplantagen bei Ailingen unter Hagelnetzen. | Bild: Andreas Ambrosius
  • Mehrgefahrenversicherung: Andere europäische Ländern bezuschussen eine Versicherung gegen vielerlei Katastrophen, so BLHV-Kreisvorsitzender Franz Käppeler. Das fordert er auch für deutsche Bauern. Laut Jung erhalten zwar andere Länder dafür EU-Gelder, dafür bekämen sie aber aus anderen Töpfen weniger. Angesichts wachsender wetterbedingten Risiken brauche es ein nationales Programm.
  • Biogasanlagen: Landwirte sind auch von der Novellierung des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) betroffen. Mit dem EEG 2017 wurde die Förderung auf ein Ausschreibungssystem umgestellt, bei dem der günstigste Bieter den Zuschlag erhält. Landwirte wie Markus Traber, die viel Geld in eine Biogasanlage investiert haben, sorgen sich nach Ablauf der 20-jährigen Abschreibung um die Zukunft ihrer Anlage. – Jung bekennt sich zur Energiewende und stellte in Aussicht, dass das EEG „weiterentwickelt“ werde.

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