Baden-Württemberg Winfried Kretschmann wird 70: Das sind die Stationen seiner politischen Karriere mit Auf und Abs

Winfried Kretschmann, baden-württembergischer Landesvater, feiert seinen 70. Geburtstag. Viel hat er in seiner Partei bereits durchgemacht: Er war Grünen-Gründungsmitglied, langjähriger Oppositionsführer im Stuttgarter Landtag und ist seit 2011 Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Dabei verlief seine politische Karriere nicht immer gradlinig.

Es gibt einige Dinge, die nach Meinung von Winfried Kretschmann überschätzt werden - Geburtstage zum Beispiel. „Geburtstage hat jede Kuh“, antwortete er vor fünf Jahren ziemlich launig auf die neugierigen Fragen der Journalisten dazu, wie er denn seinen 65. feiert. Zum 70. Geburtstag kommt es für ihn ganz dicke: Der Ehrentag des Grünen-Politikers fällt in eine Zeit, in der es einige politische Turbulenzen gibt - von der grün-schwarzen Regierungskrise bis zur Abwahl eines Parteifreundes. Und dennoch: Mit Blick auf den politischen Werdegang des grünen Frontmanns fällt auf: Die politische Karriere von Winfried Kretschmann beinhaltet einige Auf und Abs.

Der beschwerliche Weg an die politische Spitze des Landes

Viele Jahre führte Kretschmann die damals noch oppositionellen Grünen im Landtag als Fraktionschef. Er hat sich bei den Grünen für vieles verkämpft. Zeitweise entfremdete Kretschmann sich von seiner Partei - und sie sich von ihm. Und das Regierungsamt trauten ihm selbst die eigenen Leute erst nicht so recht zu. Im Landtagswahlkampf 2011 stellten sie ihrem Spitzenmann noch ein „Spitzenteam“ zur Seite. Der Konflikt um Stuttgart 21, die Atomreaktorkatastrophe in Japan und das Versagen des damaligen CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus gelten als Gründe dafür, dass Kretschmann unerwartet Regierungschef wurde. Überraschend war für viele auch seine Wiederwahl 2016 - die Grünen wurden erstmals in einem Bundesland stärkste Kraft.

JAHRESRÜCKBLICK 2011 - Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) schwört am Donnerstag (12.05.2011) im Landtag in Stuttgart nach seiner Wahl zum Ministerpräsident von Baden-Württemberg seinen Amtseid. Er ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. Foto: Bernd Weißbrod dpa/lsw  +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Mai 2011: Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) schwört im Landtag in Stuttgart nach seiner Wahl zum Ministerpräsident von Baden-Württemberg seinen Amtseid. Er ist der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. | Bild: Bernd Weißbrod (dpa)

Fast einmal Bundespräsident

Als Kanzlerin Angela Merkel im Herbst 2016 einen Nachfolger für Bundespräsident Joachim Gauck suchte, hielten sich Gerüchte, sie wolle am liebsten Kretschmann vorschlagen. Das soll die CSU verhindert haben. Kretschmann fühlte sich zumindest geschmeichelt. Es blieb aber sein Geheimnis, ob er das politisch recht kuschelige Baden-Württemberg und die Villa Reitzenstein tatsächlich gegen das raue Berlin und das Schloss Bellevue eingetauscht hätte.

01.02.2018, Berlin: Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, unterhält sich im Bundeskanzleramt mit Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zu Beginn der Konferenz der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder. Neben ihnen sitzt Horst Seehofer (CSU), Ministerpräsident von Bayern. Themen sind das Telemediengesetz und die Frage, was die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet dürfen. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterhält sich im Bundeskanzleramt mit Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) zu Beginn der Konferenz der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder. Neben ihnen sitzt Horst Seehofer (CSU), ehemaliger Ministerpräsident von Bayern. | Bild: Wolfgang Kumm (dpa)

Was schätzen die Bürger an ihm?

Vielleicht, dass er trotz seiner Karriere wie einer von ihnen erscheint. Dass er hemmungslos schwäbelt, stundenlang mit seiner Frau durch die Natur wandert und sich an der heimatlichen Werkbank verausgabt. Er gibt sich bedächtig, zuweilen auch knorrig und stur. Dabei kann Kretschmann, wenn er sich aufregt, durchaus sehr emotional, laut und auch patzig werden. Aber er verschreckt die Menschen nicht mit politischen Experimenten und stellt seine Überzeugung im Zweifel über die eigene Parteilinie. Das wiederum bringt seine Kritiker auf die Palme.

07.02.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, M) und seine Frau Gerlinde (3.v.r) stehen im Marmorsaal des Neuen Schlosses beim Närrischen Staatsempfang zwischen Narren. Kretschmann lud Vertreter der schwäbischen und alemannischen Narrenzünfte zum Staatsempfang ein und bekam von diesen unter anderem eine Krone und einen Umhang überreicht. Foto: Marijan Murat/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, M.) und seine Frau Gerlinde (3.v.r) stehen im Marmorsaal des Neuen Schlosses beim Närrischen Staatsempfang zwischen Narren. Kretschmann lud Vertreter der schwäbischen und alemannischen Narrenzünfte zum Staatsempfang ein und bekam von diesen unter anderem eine Krone und einen Umhang überreicht. | Bild: Marijan Murat (dpa)

Ein politischer Traum erfüllte sich nicht

So empfanden es viele Grüne als Tabubruch, als Kretschmann 2014 im Bundesrat dem CDU-Projekt der Ausweitung sicherer Herkunftsländer auf Balkanstaaten zustimmte. Für viele grüne Parteilinke ist Kretschmann ein rotes Tuch. Sie halten dem Realpolitiker vor, opportunistisch zu handeln und grüne Ideale leichtfertig aufzugeben. Kretschmann sagt hingegen, er sei Politiker, um Probleme zu lösen. „In der Regel müssen wir alle Dinge abwägen, und da gibt es nicht einfach Ja oder Nein.“ Ein politischer Traum ging für Kretschmann nicht in Erfüllung: der einer schwarz geführten Bundesregierung mit grüner Beteiligung. 2013 scheiterte Schwarz-Grün im Bund noch an den Grünen selbst. 2017 waren es FDP und CSU, die einer Jamaika-Koalition eine Absage erteilten.

Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, rückt sich am 26.09.2017 während einer Regierungspressekonferenz zum Landeshaushalt für die Jahre 2018/2019 in Stuttgart (Baden-Württemberg) seine Brille zurecht. Nach dem angekündigten Rückzug der SPD in die Opposition sind die Gespräche über eine Jamaika-Koalition nach Überzeugung von Kretschmann ohne Alternative. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) rückt sich während einer Regierungspressekonferenz zum Landeshaushalt für die Jahre 2018/2019 seine Brille zurecht. Nach dem angekündigten Rückzug der SPD in die Opposition, waren für ihn die die Gespräche über eine Jamaika-Koalition die einzige Alternative. | Bild: Sebastian Gollnow (dpa)

Schwere Zeiten für Grün-Schwarz

Zuletzt geriet Kretschmanns grün-schwarze Landesregierung in schweres Fahrwasser. Ein Streit um eine Reform des Landtagswahlrechts stellte das Bündnis auf eine schwere Probe. Beobachter schließen nicht mehr aus, dass die Koalition vor der Landtagswahl 2021 platzen könnte. Zudem wurde sein Parteifreund Dieter Salomon (Grüne) nach 16 Jahren als Freiburger Oberbürgermeister abgewählt, obwohl Kretschmann sich für ihn ins Zeug gelegt hatte. Die Opposition sieht das als Anfang vom Ende des grünen Höhenflugs im Ländle - Kretschmann selbst misst der Abwahl nach eingenem Bekunden keine landespolitische Bedeutung zu. Die Opposition ist in Lauerstellung. Reichlich vergiftet klingt dann auch der Geburtstagswunsch von FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich für Kretschmann: „Politisch kann man einem 70-jährigen Politiker nur wünschen, dass es ihm vergönnt ist, den Zeitpunkt seines Ruhestandes selbst bestimmen zu können und nicht mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt zu werden, weil man den richtigen Moment verpasst hat.“

Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Bündnis 90/Die Grünen, l.) spricht vor dem Freiburger Rathaus auf seiner Wahlkampfveranstaltung zur Oberbürgermeisterwahl mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen,r). Am 06.05.2018 wird in Freiburg im zweiten Wahlgang die Oberbürgermeisterwahl entschieden. Salomon kam im ersten Wahlgang auf den zweiten Platz. (zu lsw-KORR"Grüner an der Macht - Freiburgs OB Salomon kämpft um seinen Job" vom 03.05.2018) Foto: Patrick Seeger/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Bündnis 90/Die Grünen, l.) spricht vor dem Freiburger Rathaus auf seiner Wahlkampfveranstaltung zur Oberbürgermeisterwahl mit Winfried Kretschmann. Am Ende verlor Salomon die Wahl. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Die Frage: Wird er zur Wahl 2021 nochmal antreten?

Die SPD hält Kretschmann vor, ihr in der grün-roten Koalition von 2011 bis 2016 nicht genug Raum gelassen und so zum desolaten Ergebnis der SPD bei der Landtagswahl 2016 beigetragen zu haben. Auf die Frage, was er an Kretschmann schätze, sagt SPD-Landtagsfraktionschef Andreas Stoch: „Er ist verlässlich. An getroffene Vereinbarungen hält er sich.“ Und Kretschmanns größte Schwäche? „Er verfügt über eine gehörige Portion Selbstverliebtheit.“ AfD-Landtagsvize Emil Sänze kritisiert einen Empfang und ein Symposium des Landes zu Kretschmanns Geburtstag als „Personenkult auf Kosten der Steuerzahler“. Die Grünen wären froh, wenn Kretschmann es für sie bei der Wahl 2021 noch einmal reißen würde. Er selbst gibt sich noch bedeckt, auch wenn er manchmal mit leuchtenden Augen erzählt, wie sehr ihn seine beiden Enkel faszinieren. Er ließ sich bislang nur zu diesem Satz hinreißen: „Sie müssen damit rechnen, dass ich noch mal antrete.“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) hält am 12.05.2016 im Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart nach seiner Wahl seinen Enkel Julius auf dem Arm. Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Winfried Kretschmann hält am 12.05.2016 im Landtag von Baden-Württemberg nach seiner Wahl seinen Enkel Julius auf dem Arm. | Bild: Franziska Kraufmann (dpa)

 

Stationen seiner politischen Karriere

Winfried Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Heute wird er 70 Jahre alt. Der Weg an die Spitze eines der bevölkerungsreichsten Bundesländer war lang und beginnt am Ende der 70-er Jahre.

 

 
 

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