Stuttgart Wie man Fußball von Gewalt trennt – Überlegungen vor dem Sicherheitsgipfel

Vor dem Sicherheitsgipfel zur Eindämmung der Gewalt in den Fußballstadien am kommenden Montag werden Verbesserungsvorschläge kontrovers diskutiert. Die heikle Frage: Wer bezahlt den Polizeieinsatz?

Die SPD-Opposition fordert Stadionverbote für Gewalttäter und eine Beteiligung der Vereine an den Kosten für die Polizeieinsätze. Dagegen meint Corinna Braun, die Leiterin des Fanprojekts Hoffenheim: „Stadionverbote bringen gar nichts. Damit erreicht man eher das Gegenteil.“

Brauns Karlsruher Kollege Carsten Lindwurm, der im baden-württembergischen Innenministerium dabei sein wird, plädiert für mehr Zurückhaltung der Polizei. Statt Fans mit Sturmhauben, Helm und Kampfmontur schon am Bahnhof in Manndeckung zu nehmen, sollten sich die Beamten möglichst zurückhalten. Er findet: „Man muss Druck aus dem Kessel nehmen.“

Die Experten von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben mit Vertretern der Vereine und der Deutschen Fußball-Liga das Treffen vorbereitet. Dem Vernehmen nach hat sich die moderate Linie durchgesetzt, die auf Zurückhaltung der Polizei setzt. Im Zweifel müsse aber die öffentliche Sicherheit ohne Abstriche durchgesetzt werden. „Wir haben Problemfelder“, räumt Lindwurm ein. Unvergessen sind die Bilder, als im Mai Fans aus Dresden in einheitlicher Tarnkleidung und geschlossener Formation durch Karlsruhe marschierten und die Polizei nur zuschaute.

Auslöser für den Gipfel waren Ausschreitungen beim Spiel des VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC im April. Das Spiel stand vor dem Abbruch, weil Fans Leuchtraketen und Feuerwerkskörper zündeten. Auf 100 000 Euro schätzte die Bahn die Schäden an einem zerstörten Zug.

Bei einem solchen Hochrisikospiel kommen zwischen 1000 und 1800 Polizisten zum Einsatz, um die verfeindeten Fangruppen auseinanderzuhalten, rechnet der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Ralf Kusterer, vor. Erst am Montag will Strobl bekanntgeben, wie viele Beamte in der vergangenen Spielzeit bei Fußballspielen von der 1. bis zur 3. Liga insgesamt eingesetzt waren. Davor war der Personalbedarf um etwa ein Fünftel rückläufig: 20 722 Beamte mit 127 300 Einsatzstunden waren es in der Saison 2015/16.

Für Fanbetreuerin Corinna Braun decken sich die Zahlen des Innenministeriums mit ihren persönlichen Eindrücken. „Es gibt nicht mehr Gewalt, es ist eher besser geworden“, sagt sie. Ähnlich sieht das ihr Kollege Lindwurm: „Wir haben keine offenen Schlägereien in den Stadien mehr.“ Er räumt aber ein, dass es Problemzonen gibt, oft abseits der Spielfelder. Es müsse in jedem Fall verhindert werden, dass Unbeteiligte in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt würden.

Für den SPD-Sicherheitsexperten Sascha Binder haben die Karlsruher Fans im April eine rote Linie überschritten: „Weder Fans noch der Polizei sind derartige Ausschreitungen weiter zuzumuten.“ Gegen polizeibekannte Störer müssten die Vereine „lange und bundesweite Stadionverbote“ verhängen. Für Hochrisikospiele mit einem Sicherheitsaufwand, der über das normale Maß hinausgehe, sollten Vereine oder die Deutsche Fußball-Liga an den Kosten beteiligt werden.

Polizei-Gewerkschafter Kusterer unterstützt die Forderung. „Das kostet schon richtig Geld“, sagte er. Dagegen lehnt Fanexperte Lindwurm dies ab. Öffentliche Sicherheit „kann nur der Staat garantieren“.

Das heikle Thema Ersatz der Polizeikosten hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann aufgebracht. Im Interview mit dieser Zeitung hatte der Grünen-Regierungschef die Linie vorgegeben: „Die Debatte hatten wir schon einmal vor ein paar Jahren, aber ich sehe, dass wir uns jetzt neu damit befassen müssen.“

Polizeikosten

Zuletzt hat Bremen versucht, die Kosten eines Polizeieinsatzes für ein Hochrisikospiel des örtlichen Bundesligaclubs bei der Deutschen Fußball-Liga einzuklagen. Im Mai hat das Verwaltungsgericht die Rechnung über 425 718 Euro als rechtswidrig eingestuft. Das Gericht kritisierte, dass der Gebührenbescheid nicht auch an den Verein selbst geschickt wurde. Zurückgewiesen wurde die Klage wegen handwerklicher Fehler. Das Gericht wies darauf hin, dass die Fluglinien sich an den Kosten der Überwachung des Luftraums beteiligen. Der Bremer Senat hat Berufung eingelegt. In Baden-Württemberg gab es zwischen 1968 und 1991 die Möglichkeit, die Polizeikosten in Rechnung zu stellen. (pre)

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