Freiburg Wie betrunken war Hussein K.?

Im Prozess kommen Zeugen aus Bar zu Wort. Eine Frau fühlte sich von dem jungen Mann belästigt. Die Eltern von Maria nehmen eine Entschuldigung des Angeklagten nicht an.

Das zudringliche Verhalten des Angeklagten Hussein K. in einer Freiburger Schwulenbar einer jungen Frau gegenüber wenige Stunden vor der Vergewaltigung und Tötung der 19-jährigen Medizinstudentin Maria L. stand gestern im Mittelpunkt des dritten Verhandlungstages vor der Großen Jugendkammer des Landgerichts Freiburg. Sie untersucht die Umstände des Verbrechens und will nach jetzigem Zeitplan noch im Dezember ein Urteil fällen. Hussein K. betrat, wie schon an den ersten beiden Prozesstagen, den Gerichtssaal schwer bewacht in Fuß- und Handfesseln.

Die Hauptzeugin des dritten Prozess-Tages war eine 29-jährige Goldschmiedin. Sie hatte in der Nacht zum 16. Oktober mit einer Freundin die Lokalität „Sonderbar“ besucht und war dort auf den Angeklagten getroffen. Der sei äußerst aufdringlich gewesen und habe sie immer wieder angestarrt. „So, als ob er es auf mich abgesehen hätte“, heißt es in ihrer Aussage bei der polizeilichen Vernehmung. Die Zeugin erklärte vor Gericht, sie habe Hussein K. mehrfach deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich belästigt fühle und keinen Kontakt mit ihm haben wolle. Dennoch, so die Frau, habe er sie mehrfach angesprochen und zum Tanzen aufgefordert und sei ihr trotz abwehrender Haltung „unangenehm nahe gekommen“. Und weiter: „Der hat überhaupt keinen Abstand gewahrt und mich richtig wütend gemacht.“ Schließlich habe sie sich bei den Barbetreibern beschwert, und einer hätte mit Hussein K. gesprochen, woran sich jedoch keiner der in der Bar an diesem Abend Arbeitenden erinnern konnte. Per Handy-Nachricht an einen Freund hatte die 29-Jährige „Baggeralarm“ gefunkt, bevor sie die Bar mit ihrer Freundin verließ.

Ein Barmann hatte Hussein K. in der Bar beobachtet und berichtete, dass der zunächst Kontakt zu verschiedenen Gruppen von Männern gesucht habe. „Anschwulen“ nannte das der Barkeeper, mit dem Ziel, „um Zigaretten zu schnorren oder sich zu einem Bier einladen zu lassen“. Ein 54-jähriger Mann, der gestern aussagte, hatte ihm schließlich auch zwei Bier und Zigaretten spendiert. Diesem Mann hatte Hussein K. nach dessen Angaben auch Sex auf der Toilette angeboten, erst für 50 Euro, dann für weniger, schließlich für zehn Euro, doch der 54-Jährige ging nicht darauf ein.

Die Frage nach dem Rausch

Viele Fragen sollten aufklären, ob Hussein K. stark betrunken gewesen sei oder sonst erkennbar durch Drogen beeinträchtigt. Das wirkt sich in der Regel strafmildernd aus. „Die Frage, ob der Angeklagte zur Tatzeit berauscht war, spielt in einem Strafprozess immer eine zentrale Rolle“, sagte der Pflichtverteidiger des Angeklagten, Sebastian Glathe. Bei seinem Geständnis am Montag hatte Hussein K. gesagt, er habe vor dem Besuch der Bar mit Freunden zwei Flaschen Wodka und später allein Bier und Wein getrunken. Zudem habe er mehrere Joints geraucht. Die Antworten der Zeugen ergaben hingegen kein einheitliches Bild. Manche hielten ihn für stark alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss, andere eher nicht. „Wenn er betrunken gewesen wäre, hätte ich es gemerkt“, sagte der Barkeeper. Seine Kollegen äußerten sich ähnlich. Eine weitere Frau, mit der Hussein K. getanzt und gesprochen hat, unterhielt sich mit ihm, wie sie sagte, über seine Flüchtlingssituation, weil sie selbst in der Flüchtlingshilfe tätig sei. Sexuell belästigt habe sie der Angeklagte nicht.

Wie haben die Eltern von Maria L. auf die am zweiten Verhandlungstag formulierte Entschuldigung des Angeklagten reagiert? Dazu äußerte sich auf Befragen des SÜDKURIER Bernhard Kramer aus Villingen-Schwenningen, der die Nebenklage der Eltern als Anwalt vertritt. Kramer hat den Eltern berichtet, und deren Meinung zur Entschuldigung fasst er so zusammen: „Der Angeklagte hatte ein dreiviertel Jahr Zeit, sich zu entschuldigen. Da er das erst jetzt getan hat, haben die Eltern keinen Anlass zu reagieren.“ Kramer selbst ist der Ansicht, die vorformulierte Entschuldigung „hat darauf abgezielt, bei Gericht einen positiven Eindruck zu machen“. Dafür spreche auch, dass er seine Reuebekundung als Teil seiner Aussagen zur Tat gemacht habe.

Kramer greift immer wieder in die Verhandlung mit Fragen an den Angeklagten ein. So thematisierte er eine protokollierte Aussage eines jungen Begleiters von Hussein K. aus den Stunden vor der Tat. Danach habe sich der Angeklagte in einem „Ton von Aggressivität und Stolz“ so geäußert: „ Wenn ich etwas machen will, dann mache ich es auch“. Stunden später, und nach vorausgegangenen Anmachversuchen bei anderen Frauen, hat er mutmaßlich Maria L. vergewaltigt und umgebracht. Hussein K. erklärte zum Vorhalt des Zitats: „So etwas habe ich nicht gesagt. Nein, das kann nicht sein“.

Am 28. September wird weiter verhandelt. Dann will das Gericht die Pflegefamilie von Hussein K. hören. Auch weitere Zeugen sowie zehn Sachverständige sollen zu Wort kommen – unter anderem zur Frage, wie alt der vor der Jugendkammer stehende Mann tatsächlich ist. Er selbst hatte behauptet, zur Tatzeit 17 Jahre alt gewesen zu sein. Zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche gab er jedoch zu, gelogen zu haben und älter zu sein. Die Staatsanwaltschaft hält Hussein K. für mindestens 22 Jahre alt. Zwei Gutachten sollen dies im Laufe des Prozesses untermauern. Sie werden dem Plan zufolge im Oktober erörtert. Davon ist laut Gericht abhängig, ob für Hussein K. Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht gilt. Dies kann große Folgen für das Strafmaß haben, das ihn erwartet.

Hussein K. war 2015 ohne Papiere nach Deutschland gekommen. Wegen einer Gewalttat an einer jungen Frau 2013 war er in Griechenland zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, im Oktober 2015 aber vorzeitig gegen Auflagen entlassen worden und kurze Zeit später untergetaucht. Zudem steht der Verdacht im Raum, dass er zuvor im Iran eine Zwölfjährige vergewaltigt hat.

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