Cleebronn/Stuttgart Von Blinksternen und Handarbeit - Wie im Südwesten Raketen entstehen

Was die Deutschen Silvester in die Luft schießen, stammt vor allem vom Fließband aus China. In Cleebronn hingegen ist Feuerwerk noch Handarbeit. Für gute Luft sorgt keines von beiden.

Konzentriert füllt ein Mann helles Pulver in rote Knallkörper, sein Gesicht ist durch eine Maske geschützt. Die Stoffe, mit denen er hantiert, sind hochexplosiv – denn das Handwerk des Familienbetriebs Zink in Cleebronn ist das Feuerwerk. Während zwei Kolleginnen in einer Werkstatt mit der Heißklebepistole Zündschnüre ankleben, füllt Laborleiter Oliver Vielhauer nebenan Chemikalien in seine Tiegel. Strontium für rote Funken, Barium für grüne. Aus seinen Mischungen entstehen Blinksterne, die beim Feuerwerk für buntes Glitzern oder langsames Verglühen sorgen. Die Häuschen der „Manufaktur“, wie Geschäftsleiter Arne von Bötticher seinen Betrieb liebevoll bezeichnet, stehen mit ein paar Metern Abstand voneinander auf dem Gelände – für den Fall, dass es schon bei der Produktion einmal knallt. 

„Wir sind eine Rarität“, sagt von Bötticher, der mit seiner Frau den Betrieb in dritter Generation führt: „In Deutschland findet man kaum noch richtige Feuerwerkshersteller.“ 

Ein Mitarbeiter des Feuerwerkherstellers Zink Feuerwerk GmbH füllt am 19.12.2017 in Cleebronn (Baden-Württemberg) Feuerwerkskörper. In dem Familienbetrieb werden Feuerwerkskörper noch in Handarbeit gefertigt.
Ein Mitarbeiter des Feuerwerkherstellers Zink Feuerwerk GmbH füllt am 19.12.2017 in Cleebronn (Baden-Württemberg) Feuerwerkskörper. In dem Familienbetrieb werden Feuerwerkskörper noch in Handarbeit gefertigt. | Bild: Marijan Murat

Mit 15 Mitarbeitern produziert das Unternehmen seit rund 70 Jahren Raketen und andere Knallkörper – für Privatleute, aber auch für Volksfeste oder Firmenfeiern. Deshalb herrscht nicht nur vor Silvester, sondern das ganze Jahr über reger Produktionsbetrieb. An einem ganz normalen Tag riecht es im Hause Zink, wie es an anderen Orten sonst nur in den ersten Stunden eines neuen Jahres riecht. „Wir fertigen Spezialitäten für Liebhaber, die man im Discounter nicht bekommt“, erzählt von Bötticher: „Es sind Nischen, die wir bedienen.“

Die meisten Freunde von Feuerwerk wird ihr Silvester-Shopping nicht zum Werksverkauf nach Cleebronn führen, sondern in den Supermarkt. Klaus Gotzen vom Verband der pyrotechnischen Industrie geht für den privaten Verkauf von ähnlichen Umsätzen aus wie im vergangenen Jahr. Damals haben die Deutschen dem Verband zufolge rund 137 Millionen Euro für Feuerwerk ausgegeben.

Die Freude am Knallen scheint auch in Zeiten, in denen Feinstaubbelastung als Dauerthema auf der Agenda steht, ungebrochen zu sein. „Wer auf Tradition steht, wird sich von Feinstaub-Diskussionen nicht abbringen lassen“, sagt Gotzen. Umweltfreundliches Feuerwerk haben die Hersteller noch nicht erfunden. „Wenn man tolle Effekte an den Himmel zaubern will, sind manche Stoffe nicht zu ersetzen“, sagt Gotzen. 

Kugelraketen des Feuerwerkherstellers Zink Feuerwerk GmbH.
Kugelraketen des Feuerwerkherstellers Zink Feuerwerk GmbH. | Bild: Marijan Murat

Das Feuerwerk in der Neujahrsnacht lässt die Feinstaubwerte in den ersten Tagen im Januar Jahr für Jahr in die Höhe schnellen. Fritz Kuhn (Grüne), Oberbürgermeister der Feinstaub-Hochburg Stuttgart, hätte das private Böllern daher gern untersagt. „Ich habe das von unseren Juristen prüfen lassen, aber es ist nicht möglich“, sagt der Politiker. So bleibe ihm nur ein Appell: „Wer der Luft was Gutes tun will, der macht es eben nicht“, meint Kuhn zum Böllern.

Der Umwelt zuliebe lässt sich Knallerei bisher zwar nicht verbieten, für den Schutz von besonderen Gebäuden hingegen schon. Wer in Städten wie Rottweil und Esslingen seine Raketen zünden will, muss den historischen Stadtkern dafür verlassen – denn dort herrscht ein striktes Verbot.

Zur Freude von Hersteller Zink dürfen die Bürger von Cleebronn und Umgebung ungehindert zündeln. In den letzten drei Tagen des Jahres bauen die Mitarbeiter eine große Theke auf und versorgen Privatleute mit ihren Produkten für den Start ins neue Jahr.

Der Feuerwerks-Profi Vielhauer hält sich selbst zum Jahreswechsel lieber mit dem Knallen zurück. „Man muss sich entscheiden: Will ich gemütlich feiern oder will ich ein anständiges Feuerwerk machen“, sagt der gelernte Chemiker. Er selbst habe sich entschieden: „An Silvester schaue ich lieber zu, was andere so machen.“

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