Rottweil Pilgerweg nach Santiago de Compostela: Ein Rottweiler lebt seinen Traum

Der taubblinde Sven Fiedler will 800 Kilometer gehen, sein Ziel ist Santiago de Compostela in Spanien. Neben der Erfüllung eines Lebenstraumes will er auf die Situation von taubblinden und hörsehbehinderten Menschen aufmerksam machen.

In wenigen Tagen macht sich Sven Fiedler aus Rottweil auf den Weg nach Santiago de Compostela. Vor zwei Jahren hat sich der 49-Jährige vorgenommen, einen der bekanntesten Pilgerwege der Welt, den Jakobsweg in Spanien, zu erwandern. Für ihn ist es gleichzeitig ein besonderer Traum, ein herausforderndes Projekt und ein wichtiges Zeichen. Denn Sven Fiedler ist taubblind. Mit seiner Pilgerreise will er sich nicht nur den Traum seines Lebens erfüllen, er will auch auf die Situation von taubblinden und hörsehbehinderten Menschen in der ganzen Welt aufmerksam machen.

Unermüdlich arbeitet Fiedler deshalb seit zwei Jahren an der Realisierung des Jakobsweg-Projektes, dessen Ziel der große europäische Pilgerweg ist, der im Mittelalter am häufigsten frequentiert wurde. Er selbst ist schwerhörig geboren und 2010 infolge des Usher-Syndroms völlig erblindet. Dank eines modernen Hörgeräts kann er heute ein wenig hören, auch im Haushalt kann er inzwischen viel alleine stemmen. Trotzdem ist Fiedler oft auf speziell ausgebildete Taubblindassistenten angewiesen – genauso wie 6000 andere taubblinde und stark hörsehbehinderte Menschen in Deutschland.

„Viele können nicht glauben, dass ich es mir als Taubblinder zumute, 800 Kilometer zu gehen“, erzählt Fiedler. Auch an Spenden für sein Projekt ist bis heute weniger zusammengekommen, als er sich erhofft hat. Trotzdem kommt für ihn Aufgeben nicht infrage. „Natürlich hatte ich am Anfang viele Bedenken und Sorgen. Es gab immer wieder Phasen, wo ich dachte: „Ich kann nicht mehr“. Aber ich habe immer Kraft gefunden, wieder neu anzupacken“, schildert der 49-Jährige. Nun steht er kurz davor: Die meisten Vorbereitungen sind getroffen, am 19. April soll die Reise starten. Die Strecke ist schwierig, das weiß Fiedler. Das Wandern auf engen und steilen Wegen erfordert unglaublich viel Konzentration – von ihm und von seinen Assistentinnen. Ohne ihre Unterstützung geht es nicht. „Sie sind meine Augen“, erklärt Fiedler. Im Sommer haben sie deshalb bereits mehrere Trainingstouren gemeinsam gemacht: Zwei Wochen lang den Bodensee umwandert, eine Woche lang im Schwarzwald neue Führtechniken getestet.

„Bei diesen Trainingstouren haben wir viele Erfahrungen gesammelt und Abenteuer erlebt“, erzählt Fiedler. Aber es war auch harte Arbeit. „Auch für uns ist es eine Herausforderung“, macht Almuth Kolb klar. Sie ist eine von insgesamt acht Assistentinnen, die Sven Fiedler auf dem Jakobsweg in Spanien abwechselnd begleiten werden. Sie erklärt: „Es ist ja nicht nur der Kraftakt, sondern es kommt noch reine Assistenztätigkeit dazu. Wir müssen entscheiden, wie wir laufen, wo wir laufen, wir müssen beschreiben, was auf uns zukommt“.

Denn die Welt von Sven Fiedler erschließt sich auf der Distanz von einer Armlänge. „Eine Armlänge Welt“, so soll auch der 90-minütige Dokumentarfilm heißen, den ein Kamera-Team aus Nordrhein-Westfalen in Spanien über den taubblinden Pilger drehen wird.

Der 49-Jährige fiebert der großen Reise schon längere Zeit entgegen. Der Endspurt bedeutet für ihn aber auch: Kondition steigern und Ausdauer trainieren. Einer seiner Unterstützer ist Wolfgang Heinrich, der Besitzer eines Fitnessstudios in Rottweil. Mehrmals die Woche trainiert Fiedler hier kostenlos auf dem Laufband und auf dem Fahrrad, eine Assistentin steht ihm immer zur Seite. „Taubblindheit hält mich nicht auf“, das Motto steht nicht nur auf dem T-Shirt von Sven Fiedler. Er lebt es vor, und da gehört viel Mut dazu. Er muss Ängste überwinden und an seine Grenzen gehen, um zu beweisen: Er kann es schaffen.

Sven Fiedler hat sich für seine Mission jahrelang vorbereitet. Aus dieser Zeit finden Sie Aufzeichnungen auf seiner Homepage unter: www.tbl-jakobsweg.de. Wenn Sie das Projekt unterstützen möchten, können Sie spenden bei: BW Bank, Empfänger: Sven Fiedler, Iban:DE53 6005 0101 7450 1156 27, BIC: SOLADEST600, Kontonummer: 7450115627, BLZ: 60050101
 

Von Pilgern und Herbergen

  • Der Jakobsweg ist der meist frequentierte Pilgerweg im Mittelalter. Er führt durch Spanien zum Grab des Heiligen Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, wie Chroniken es behaupten. Auf dem Jakobsweg pilgerten im Mittelalter zahlreiche Menschen aus ganz Europa, dabei benutzten sie auch unterschiedliche Routen. Der Name wird vor allem für die Wegstrecke durch Spanien verwendet. Ansonsten handelt es sich eher um das Wegenetz, das letztlich in den Jakobsweg durch Spanien mündet.
  • So können Sie helfen: Sven Fiedler hat sich für seine Mission jahrelang vorbereitet. Aus dieser Zeit finden Sie Aufzeichnungen auf seiner Homepage unter: www.tbl-jakobsweg.de. Wenn Sie das Projekt unterstützen möchten, können Sie spenden bei: BW Bank, Empfänger: Sven Fiedler, Iban:DE53 6005 0101 7450 1156 27, BIC: SOLADEST600, Kontonummer: 7450115627, BLZ: 60050101
  • Unterkünfte: Am Fernwanderweg gibt es Hotels, Pensionen und Herbergen, die in Spanien albergues oder refugios heißen. Wer einen Pilgerpass hat, erhält Einlass, die Kosten liegen um 10 Euro pro Nacht, je nach Ausstattung und Lage. Viele Herbergen sind im Frühjahr und Sommer überfüllt. Vorbestellung ist nicht möglich. Jenseits der Saison haben viele Herbergen geschlossen. Am besten pilgert es sich zwischen Mitte April und Mitte Juni sowie im September und Oktober.
 
Bild: Schönlein

Was ist der Jakobsweg?

Das ist der mittelalterliche Pilgerweg durch Spanien zum angeblichen Grab des Heiligen Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Ob seine Gebeine dort liegen, ist allerdings umstritten.

Auf dem Jakobsweg pilgerten im Mittelalter zahlreiche Menschen aus ganz Europa, dabei benutzten sie auch unterschiedliche Routen. Der Name wird vor allem für die Wegstrecke durch Spanien verwendet. Ansonsten handelt es sich eher um das Wegenetz, das letztlich in den Jakobsweg durch Spanien mündet.

 

Wo liegt eigentlich Santiago de Compostela?

Der Ort liegt in der Provinz Galicien, im Nordwesten Spaniens. Hier findet sich die Kathedrale, die nach Chroniken die Gebeine des Heiligen Jakobs beherbergen soll. Die Compostela-Urkunde, die vor Ort ausgestellt wird, dokumentiert den Abschluss der Jakobs-Pilgerreise. Voraussetzung sind die notwendigen Stempel im Pilgerpass. Santiago de Compostela war im Mittelalter das meist frequentierte Pilgerziel, noch vor der Grabeskirche von Jerusalem. Allerdings gilt letztere als bedeutender.

Worin liegt die Bedeutung des Weges für die Pilgerer?

Das Pilgerweg ist kein reiner Wanderweg. Es geht vielen, die ihn nutzen, um eine spirituelle Komponente. Der lateinamerikanische Autors Paulo Coelho beschreibt das in seinem bekannten Buch "Auf dem Jakobsweg", Hape Kerkeling hat die innere Einkehr in seinem bekannten Buch "Ich bin dann mal weg" beschrieben.

Wo können Pilger ausruhen?

Am Fernwanderweg gibt es neben Hotels auch Pilgerherbergen, die in Spanien albergues oder refugios heißen. Wer hier einkehren will, braucht einen Pilgerpasse, der grundsätzlich zur Unterkunft für eine Nacht berechtigt. 

Nur wer krank oder verletzt ist, darf hier länger nächtigen. Die Refugios bleiben meist vormittags geschlossen. Sie sind am frühen Nachmittag geöffnet und schließen zwischen 22 und 23 Uhr. Weil viele Pilgerherbergen zwischen Juli und August überfüllt sind, sollte man nicht zu spät eintreffen. Vorbestellung ist nicht möglich. Jenseits der Saison haben viele Herbergen geschlossen. Am besten pilgert es sich zwischen Mitte April und Mitte Juni sowie im September und Oktober.

Was kostet die Nacht in der Herberge?

In der Regel kostet die Nacht nicht mehr als 10 Euro. Es kommt auf die Ausstattung und Lage an, Luxus darf allerdings nicht erwartet werden. In viele Unterkünften gibt es Küchen zur Selbstversorgung, in anderen gibt's auch einfache Gerichte, wieder andere bieten keine Speisen an. Wer Komfort sucht, sollte in eine der vielen Pensionen oder Hotels gehen, die am Wegesrand liegen.

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