Stockach / Waldshut / Friedrichshafen Neunjähriges Gymnasium bleibt auch in Südbaden ein Thema - So sieht es in der Region aus

Eine Online-Petition zur flächendeckenden Wiedereinführung von G9 in Baden-Württemberg findet auch im Süden Baden-Württembergs immer mehr Unterstützer. Doch die Lehrerverbände sträuben sich. Wir haben einen Blick in die Region geworfen und ein differenziertes Bild erhalten.

Zurück zum Abitur nach neun Jahren? – Wenn es nach Eltern, Schülern und vielen Lehrern ginge, wäre zumindest die Wahlmöglichkeit an den allgemeinbildenden Gymnasien eine sinnvolle Alternative zum bestehenden G8 (Abitur nach acht Jahren). „Ich unterstütze das neunjährige Gymnasium, da G8 doch knapp für alle ist“, erklärt Gaby Fügen, Vorsitzende des Elternbeirats am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut-Tiengen. Sie gehört zu den Unterstützern der Online-Petition „G9jetzt!BW“, die inzwischen landesweit 24 000 Unterschriften zählt. „Die haben wir als Elternbeirat rumgeschickt und Eltern vom Hochrhein-Gymnasium haben sie auch schon unterschrieben“, sagt Fügen. Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium sei schon oft ein Thema in Gesprächen mit Eltern an der Schule gewesen, und ein Großteil der Eltern tendieren nach Aussage von Fügen zu G9. „Die sehen es an den Kindern, dass G8 stressig ist“, erklärt sie den wachsenden Wunsch nach einer Rückkehr.

Rückenwind bekommen die Unterzeichner von einem Praktiker: Michael Vollmer, Leiter des Nellenburg-Gymnasiums, eines von 44 Modellschulen im Land und im Landkreis Konstanz das einzige G-9-Gymnasium. Die Petition könne er nur begrüßen, sagt Vollmer. "Der Andrang signalisiert, dass sich die Eltern G9 wünschen." Die Zahlen in Stockach seien stabil und der Zuspruch erheblich. "Es ist ein Erfolgsmodell", urteilt Vollmer.

Einzugsgebiet des Nellenburg-Gymnasiums hat sich durch G9 vergrößert

Derzeit sei der Jahrgang der sechsten Klassen mit mehr als 140 Schülern fünfzügig und im kommenden Schuljahr werde es aufgrund der Anmeldungen erneut fünf Klassen geben. Das Einzugsgebiet des Nellenburg-Gymnasiums habe sich vergrößert und reiche über die Grenze des Landkreises Konstanz hinaus. Bisher musste das Gymnasium noch keine Kinder abweisen, aber die Raumkapazität sind im Schuljahr 2018/19 erreicht. Dann soll es keine neue Fünfzügigkeit mehr geben. 

Im Schwarwald-Baar-Kreis bietet nur eine Privatschule G9 an

Den Idealfall bilden die privaten Zinzendorfschulen in Königsfeld. Hier können Schüler zwischen G8 und G9 wählen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist dies weit und breit das einzige Gymnasium mit G9. Viele Schüler entscheiden sich für die längere Variante, berichtet Stephanie Wetzig, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit an den Schulen. Das Interesse am neunjährigen Gymnasium sei sogar so groß, dass die Zinzendorfschulen zwei G9-Züge und nur einen G8-Zug eingerichtet haben. Derzeit besuchen 250 Schüler das neunjährige Gymnasium. Der Zeitfaktor spielt nach Ansicht von Schulleiter Johannes Treude bei der Entscheidung eine wichtige Rolle. Schüler und Eltern entscheiden sich für die längere Variante, da das mit weniger Nachmittagsunterricht einhergehe. So bleibe mehr Zeit für Hobbys und private Interessen. „Dadurch, dass wir an den Zinzendorfschulen zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten anbieten, können wir gezielt auf das individuelle Lernverhalten unserer Schülerinnen und Schüler eingehen“, bilanziert der Schulleiter.

Dass die Einführung von G8 viele Eltern und Schüler abgeschreckt hat, gilt längst als Binsenweisheit. In Friedrichshafen am Bodensee erinnert man sich noch gut. "Als G8 frisch eingeführt wurde, haben viele die Schule gewechselt. Meistens ging ihnen alles zu schnell, es wurde zu anstrengend," sagt heute Christiane Lachmuth. Sie gehörte sechs Jahre lang zum Gesamtelternbeirat in Friedrichshafen, bevor sie im September 2017 ausschied.

Berufliche Gymnasien erhalten Zulauf 

Viele Schüler fanden sich auf den beruflichen Gymnasien in Friedrichshafen wieder, die ebenfalls zum Abitur führen. Durch das Profil einer Berufsschule sei der Ausbildungsweg länger. An den Gymnasien in Friedrichshafen ist G9 indessen kein Thema mehr: Sowohl das Graf-Zeppelin-Gymnasium (GZG) als auch das Karl-Maybach-Gymnasium (KMG) stellten damals komplett auf G8 um. Auch im Elternbeirat wird das Schulsystem nur noch selten angesprochen: "Das Thema ist mittlerweile ein alter Hut", sagt Christiane Lachmuth.

"Keine Doppelstrukturen schaffen"

Im Gegensatz zu vielen Eltern und Schülern steht für die beiden großen Lehrerverbände, GEW und VBE eine Rückkehr zu G9 nicht zur Debatte. "Wir favorisieren G8", stellt der südbadische Bezirksvorsitzende Christoph Wolk auf Nachfrage klar. "Wir sind gegen Sonderlösungen, weil dadurch Doppelstrukturen entstehen würden, die auch teurer wären." Wolk verweist auf die Möglichkeit, über Gemeinschaftsschulen wie neuerdings die Konstanzer Gebhard-Schule und über Realschulen mit anschließendem beruflichen Gymnasium zu einem gleichwertigen Abitur zu gelangen. "Über 50 Prozent der Abiturabschlüsse werden auf diesem Weg gemacht."

Die Lehrergewerkschaft GEW bläst in dasselbe Horn. Pressesprecher Matthias Schneider warnt gar vor einem "Roll back", einer Rückkehr zum alten G9, das es an den Gymnasien so nicht mehr gäbe. "Inzwischen ist vieles passiert mit den neuen Bildungsplänen und der Oberstufenreform." Statt alte Zöpfe zu binden, gelte es doch, die Gymnasien flächendeckend zu Ganztagsschulen auszubauen und "Defizite bei G8 zu beseitigen". Die Petition selbst relativiert Schneider aus Verbandssicht: "Wir haben 300 000 Gymnasiasten mit deren Eltern im Land", sagt Schneider. Das sei zu den bislang 24 000 Unterschriften doch ins Verhältnis zu setzen.

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