Ravensburg Mordprozess Hoßkirch: Bürgermeister streitet Aussage ab

Mehr als ein Dutzend Polizeibeamte, Kriminaltechniker und Spezialisten einer Internet- Sicherungsgruppe haben vor einem knappen Jahr mit den Ermittlungen begonnen, die sich über Monate hinziehen sollten.

Wenn Stefan Maier, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer, morgens mit zwei Richterkollegen und zwei Schöffen im Saal 1 des Ravensburger Landgerichts Platz nimmt, hat er die schreckliche Geschichte schwarz auf weiß hinter sich: neun Stehordner, prall gefüllt mit einigen Tausend Seiten Ermittlungsergebnissen, Zeugenaussagen, Gutachten, Fotos, Namen und Daten. Mehr als ein Dutzend Polizeibeamte, Kriminaltechniker und Spezialisten einer Internet- Sicherungsgruppe haben vor einem knappen Jahr mit den Ermittlungen begonnen, die sich über Monate hinziehen sollten.

Am 9. November vergangenen Jahres begann vor dem Landgericht Ravensburg der Prozess gegen einen 35-jährigen Arbeitserzieher aus Hoßkirch (Landkreis Ravensburg). Der Mann soll seine Ehefrau am 25. Februar 2017 erwürgt und dann auf einer Straße einen tödlichen Autounfall vorgetäuscht haben. Gestern war der zehnte Verhandlungstag in diesem schwierigen und aufwändigen Verfahren.

Eigentlich hätte in der 700-Einwohner-Gemeinde Hoßkirch an jenem Sonntag die Dorffasnet gefeiert werden sollen. Aber dann entdeckte ein Spaziergänger morgens neben einer Gemeindestraße einen blauen Mercedes Vito. Am Steuer saß angeschnallt eine tote Frau und 50 Meter vom Auto entfernt lag ein Mann, schwer verletzt und nicht ansprechbar.

Gedächtnisverlust

Der Verletzte von damals sitzt jetzt auf der Anklagebank. Oft wirkt er seltsam abwesend und vermeidet den Blick in den stets voll besetzten Gerichtssaal. Weder zur Person noch zu den Vorwürfen will oder kann er etwas sagen. Ein Kripobeamter sprach am zweiten Prozesstag davon, der Angeklagte „hatte Probleme, sich an die eigene Vita zu erinnern“. Selbst das nur knapp zwei Jahre zurückliegende Heiratsdatum soll er nicht mehr gewusst haben. Wegen der beim vermutlich fingierten Unfall erlittenen Schädelverletzungen wurde der Vater als rechtlicher Betreuer eingesetzt. Er wie auch die Mutter haben vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und jede Aussage abgelehnt.

Für die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Peter Spieler, ist der Fall klar: Motiv für die Tat soll ein hässlicher Trennungsstreit mit der Ehefrau und Mutter der zwei kleinen Kinder, eine außereheliche Beziehung und drohende Unterhaltszahlungen für die Kinder gewesen sein. Zeugen für die Tat gibt es nicht. Aber es gibt eine Fülle belastender Indizien, die von verschiedenen Gutachtern vorgetragen wurden: Rechtsmediziner, Kfz- Gutachter, eine Vermessungstechnikerin, ein Toxikologe und drei Gutachter vom Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts (LKA) Stuttgart haben DNA-Spuren, Faserspuren und Erdvergleiche vom Fundort gedeutet. Und da war die Spürnase eines Leichenspürhundes der Polizei, der im Haus in Hoßkirch fündig wurde. In den nächsten Tagen ist das Gutachten eines Fachmediziners zu den Unfallfolgen beim Angeklagten zu erwarten. Zur Schuldfähigkeit wird sich der forensisch-psychiatrische Gutachter Hermann Aßfalg äußern, der den Prozess vom ersten Tag an verfolgt.

Angeklagter verrät wenig über sich

Bedeutsam für ein Urteil können aber auch die Aussagen von Zeugen sein. Fast 60 haben bereits ausgesagt. Darunter eine Freundin der Ehefrau, die Wochen vor ihrem Tod vom Ehemann mit einem Angriff an den Hals attackiert worden sein soll. Der Prozess hat aber auch deutlich gemacht, dass nur wenig über das Innenleben des Mannes auf der Anklagebank bekannt ist.

Gestern dann der Auftritt des Hoßkircher Bürgermeisters Roland Haug als Zeuge. Er wurde nachdrücklich und mehrfach von Gericht und Staatsanwalt Spieler nach einem Gespräch befragt, das er am Rande einer Hausdurchsuchung des möglichen Tatorts mit einem Kriminalbeamten und dem begleitenden jungen Kollegen geführt haben soll. Haug habe dabei „sehr nervös und mit starkem Redezwang“ gewirkt. Er soll den Beamten von einem am Vortag im Feuerwehrhaus geführten Gespräch mit dem Vater des Angeklagten berichtet haben, in dem der den Sohn als jähzornig bezeichnet habe und sich vorstellen könne, dass der Sohn etwas mit der Sache zu tun haben könne.

Der Bürgermeister bestritt diese in einer Aktennotiz der Kripo festgehaltene Äußerung mehrfach mit :„das habe ich definitiv nicht gesagt“. Auch als er mit der neuerlichen Bestätigung des Gesprächs durch die zwei Kripobeamten konfrontiert wurde, bestritt Haug die Darstellung der Beamten kategorisch. Dass ein Bürgermeister im übrigen viel rede, so Haug, sei normal. Und die mehrfachen Anrufe bei der Polizei und die Einladung zu einem Kaffee oder „Bierle“ seien schlichtweg seiner Neugier zuzuschreiben. Eine offizielle Protokollierung der Aussagen lehnte das Gericht ab.

Der Prozess wird am morgigen Donnerstag fortgesetzt.

 

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