Baden-Württemberg Inklusion um jeden Preis?

Der Fall des kleinen Henri beschäftigt die Landesregierung und die Bildungsgewerkschaft

Der Fall des kleinen Henri aus Walldorf hat eine Debatte um Wunsch und Wirklichkeit von Inklusion in Baden-Württemberg angestoßen. „Grundsätzlich muss Inklusion an allen Schulen und nicht nur an Grund- und Gemeinschaftsschulen möglich sein“, sagte Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Auch also an Gymnasien, wohin der Junge mit Down-Syndrom drängt, um sein soziales Umfeld aus der Grundschule nicht zu verlieren. Der Fall Walldorf zeige aber die Schwierigkeit des Themas Inklusion „jenseits des Abstrakten“, so Stoch. Was passiere in der Sekundarstufe eins, also Ende der Klasse zehn? Wie damit umgehen, dass ein behindertes Kind, anders als seine Kameraden der Klasse, keinen Abschluss wird machen können? In Schulen, wo zieldifferent gelernt werde wie an Gemeinschaftsschulen, ist dies kein Problem. In tradierten Unterrichtsformen, die weit überwiegend an Gymnasien oder Realschulen vorherrschen, schon.

„Inklusion ist nicht in jedem Fall durchsetzbar, weil wir die Bedingungen nicht haben“, sagt Doro Moritz, die Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW. Sie könne gut verstehen, dass in der Lehrerschaft ein „offensiver Anspruch der Eltern auf Widerstand stößt“. Moritz kritisiert nicht den Anspruch der Eltern auf gesellschaftliche Teilhabe, sondern die grün-rote Landesregierung, die Lehrer in der Aus- und Weiterbildung ungenügend darauf vorbereitet. In einem Brief an die Fraktionen und Bildungspolitiker von Grünen und SPD erinnert Moritz an das im Koalitionsvertrag festgeschriebene „Zwei-Pädagogen-Prinzip“. „Nichts davon wurde realisiert“, klagt die Interessenvertreterin. „Es tut weh und macht wütend, dass mit jedem Monat, der vergeht, die Hoffnung auf erfolgreiche Umsetzung dringend notwendiger schulpolitischer Veränderungen schwindet“, schreibt Moritz. Die Regierung solle „endlich Stellen schaffen“: Mindestens 20 Stunden Doppelbesetzung je Inklusionsklasse.

Eine GEW-Online-Umfrage, ausgefüllt von knapp 3000 der insgesamt 100 000 Lehrer, zeigt: Weit mehr als die Hälfte fühlt sich unzureichend unterstützt bei der Umsetzung von Inklusion. Darunter auch solche, wie GEW-Chefin Moritz zugibt, die mit inklusiver Beschulung noch nie zu tun hatten. Dementsprechend widersprüchlich die Antworten: „Wichtig“ und „sehr wichtig“ finden rund 45 Prozent aller Pädagogen das Thema Inklusion. An Realschulen finden es mehr als 40 Prozent „unwichtig bis sehr unwichtig“, an Gymnasien rund 35 Prozent. Gleichzeitig geben Realschullehrer zu 43 Prozent an, „stark“ und „sehr stark“ dadurch belastet zu sein. Am besten vorbereitet fühlen sich die Sonderschulen, die aber traditionell mit gehandicapten Kindern arbeiten.

Am Fall des kleinen Henri, so Doro Moritz, könne die Landesregierung exemplarisch zeigen, wie die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Die Gewerkschafterin traut Gymnasien und Realschulen Inklusion „durchaus zu“. 1500 zusätzliche Lehrer oder Sonderschulpädagogen seien aber das Mindeste. Stochs Fachbeamte hatten überschlägig ausgerechnet, am Ende seien rund 4000 Lehrer-Stellen nötig, Inklusion im Land vollumfänglich umzusetzen, wie dies etwa in Südtirol der Fall ist. Nach einem internen Papier sollen dieses Jahr noch 250 Stellen durch Umwidmung von Lehrerstellen an Haupt- und Werkrealschulen geschaffen werden. Kultusminister Stoch lehnt dennoch ab, die Diskussion „nur unter dem Ressourcengesichtspunkt“ zu führen. Auch eine gesellschaftliche Debatte über das Thema müsse stattfinden. Niemanden auszugrenzen sei zwar Konsens. Wie das in jedem Fall zu geschehen habe, müsse noch ausgiebig „diskutiert werden“.

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